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             .do it again 
 
Triton
 
Mond von Neptun
 
Durchmesser 2705 km 
durchschn. Entfernung vom Neptun 354.760 km ~ Umlaufzeit 5,88 Tage
 
 
 
Ein Wanderer im Geisterland
 
 

DURCH DIE GOLDENEN PFORTEN

XXVII

Bei der Rückkehr in das Land der Dämmerung wurde uns von der Brüderschaft ein königlicher Empfang zuteil, und ein Fest wurde uns zu Ehren veranstaltet. In unseren kleinen Zimmern fand jeder ein neues Gewand für sich bereitgelegt. Es war von hellgrauer, fast weißer Farbe, während Saum, Gürtel und das Abzeichen unseres Ordens - ein Anker und ein Stern auf dem linken Ärmel - in tiefem Goldgelb gehalten waren.

Ich schätzte dieses neue Gewand hoch, denn im Jenseits versinnbildlicht das Kleid die Entwicklungsstufe eines Geistes und gilt als Ausweis für dessen Errungenschaft. Noch teurer als dieses neue Gewand war mir jedoch ein Kranz von reinen, weißen Geisterrosen, die um das magische Bild meiner Geliebten gewachsen waren und es einfaßten - ein Rahmen, der niemals welkte und dessen Wohlgeruch zu mir herüberduftete, als ich mich auf mein schneeweißes Ruhebett niederlegte.

Ein Freund, der mich zum Feste rief, weckte mich aus meiner Träumerei. Als ich den großen Saal betrat, fand ich darin meinen Vater und einige Freunde, die ich von meinen Wanderungen her kannte. Wir begrüßten einander mit großer Herzlichkeit, und nachdem wir ein ähnliches Mahl zu uns genommen hatten wie bei meinem ersten Eintritt in diese Sphäre, versammelten wir uns alle am unteren Ende des Saales vor einem Vorhang in Grau-Gold, der die Wand vollständig bedeckte.

Wie von einem vorüberziehenden Windhauch getragen, traf nun eine sanfte Melodie unser Ohr. Diese wurde voller und deutlicher, bis wir in feierlich ernstem Takt einen Marsch vernahmen, erhaben und voll Pathos. Dann glitt der Vorhang zur Seite und ein riesiger Spiegel von schwarzpoliertem Marmor wurde sichtbar. Die Musik ging in einen anderen Takt über, zwar immer noch erhaben und feierlich, doch mit Disharmonien untermischt. Sie wurde unsicher und ungleichmäßig im Takt, und in schleppendem Tempo erklang ihre Weise.

Der Raum um uns her verdunkelte sich, bis wir kaum die Gesichter der anderen erkennen konnten. Langsam schwand das Licht und schließlich war die schwarzpolierte Fläche des riesigen Spiegels alles, was wir zu sehen vermochten. In ihm nahm ich die Gestalten zweier Mitglieder unserer Expedition wahr. Sie bewegten sich, sprachen miteinander, und die Szenerie um sie herum trat deutlich hervor. Diese stellte eine Gegend in der Hölle dar, die wir verlassen hatten. Die gespensterhafte Musik rührte meine Seele zutiefst und über dem Anblick des Dramas, das sich vor meinen Augen entrollte, vergaß ich alles. Es war mir, als ob ich noch einmal in den dunklen Tiefen der Hölle wanderte.

Bild um Bild erschien, bis man uns die verschiedenen Erfahrungen eines jeden unserer Truppe - vom geringsten Mitglied an bis zu unserem Führer selbst - vor Augen geführt hatte. Die letzte Szene zeigte die ganze versammelte Schar auf dem Berge, wie sie der Abschiedsrede unseres Führers lauschte. Gleich dem Chore in einer griechischen Tragödie schien die Musik alles zu begleiten und auszumalen. Jeder Stimmung und Handlung des Dramas gab sie entsprechenden Ausdruck: traurig und sorgenschwer, voller Ruhe und Triumph, dann wieder klagend, stöhnend, kreischend oder in ein leises, wiegendes Lied übergehend, als ob eine arme gerettete Seele endlich Ruhe gefunden hätte. Dann schwoll sie wieder zu wilden Akkorden von Geheul, grimmigem Schlachtgeschrei, rauhen Flüchen und Verwünschungen an; jetzt in die tosenden Wogen einer rauschenden Weise ausbrechend, dann unter gebrochenen disharmonischen Tönen dahinschmelzend.

Als endlich die Schlußszene vorgeführt wurde, klang sie in einer Klage-Arie von höchster Lieblichkeit aus und erstarb dann allmählich. Nachdem die Musik verstummt war, schwand die Dunkelheit und der Vorhang schloß sich wieder über dem schwarzen Spiegel. Wir alle wandten uns mit einem Seufzer der Erleichterung dankerfüllt ab, um einander zu beglückwünschen, daß unsere Wanderungen in jenem dunklen Lande überstanden waren.

Ich fragte meinen Vater, auf welche Weise diese Wirkung hervorgerufen worden sei, ob es eine Illusion oder sonst etwas gewesen wäre. "Mein Sohn", antwortete er, "was du gesehen hast, ist eine Nutzanwendung höherwissenschaftlidier Erkenntnis. Dieser Spiegel hat die Eigenschaft, daß er Bilder aufnimmt und reflektiert, die von einer Reihe von dünnen Metallplatten oder richtiger den geistigen Teilen von Platten irdischen Metalls - auf ihn geworfen werden. Die Metallplatten selbst werden so hochempfindlich gemacht, daß sie imstande sind, jene Bilder aufzunehmen und festzuhalten. Der Vorgang hierbei ist ähnlich dem, als wenn ein Phonograph, den du aus deinem Erdenleben kennst, die Schallwellen auffängt und bewahrt.

Während eurer Wanderung in jenen dunklen Sphären wurdet ihr in magnetische Verbindung mit diesem Apparat gebracht; die Erlebnisse eines jeden von euch wurden dadurch auf eine dieser sensitiven Platten übertragen. Die Gemütsbewegungen der einzelnen Expeditionsteilnehmer machten die entsprechenden verwandten Töne in den Sphären der Musik vibrieren.

Du gehörst zu den Sphären, in denen Kunst, Musik und Literatur sich bewegen. Deshalb bist du fähig, die Schwingungen dieser Ebenen zu sehen, zu fühlen und zu verstehen. In der geistigen Welt spiegeln sich alle Gemütsbewegungen, Reden oder Ereignisse in sichtbaren Formen wieder. Sie werden für diejenigen, welche sich mit diesen Formen und Schwingungen in Harmonie befinden, zu Bildern, Melodien oder gesprochenen Erzählungen. Die geistige Welt ist durch die Gedanken und Handlungen der Seele geschaffen, deshalb bringt jede Tat und jeder Gedanke ein geistigmaterielles Gegenstück hervor. In dieser Sphäre wirst du manchem begegnen, was bis jetzt den Menschen auf Erden nicht bekannt ist. Viele merkwürdige Erfindungen wirst du kennenlernen, die mit der Zeit der Erde übermittelt und dort in irdische Form gekleidet werden. Doch siehe! Du sollst jetzt den Palmenzweig in Empfang nehmen, den jeder von euch als Siegespreis erhält."

In diesem Augenblicke öffneten sich die breiten Türen des Saales und unser Großmeister trat ein. Er war von demselben Zuge hübscher Jünglinge gefolgt wie früher, nur daß dieses Mal jeder einen Palmenzweig statt des Lorbeerzweiges trug. Nachdem der Großmeister unter seinem Baldachin Platz genommen hatte, wurde jeder aufgefordert, vor ihm zu erscheinen, um seinen Zweig in Empfang zu nehmen. Als dies geschehen, sangen wir alle eine frohe Siegeshymne, wobei unsere jauchzenden Stimmen die Luft in triumphierender Harmonie erzittern ließen.

Ich pflegte nun eine längere Zeit der Ruhe, in jenem halbwachen, halbschlafähnlichen Zustande, wo der Geist zu ermüdet ist, um zu denken und doch das volle Bewußtsein von dem hat, was um ihn vorgeht. Aus diesem Zustande, welcher einige Wochen andauerte, erwachte ich, als ich mich von den Nachwirkungen in den dunklen Sphären vollständig erholt hatte. Mein erster Gedanke war, meine Geliebte zu besuchen und festzustellen, ob sie sich meiner Erscheinung bewußt werde. Ich will jedoch bei der Schilderung dieses Wiedersehens nicht verweilen - ich habe ja nur zu zeigen, daß der Tod nicht notwendigerweise unsere Zuneigung für die, welche wir verlassen haben, endet. Ich fand, daß es mir jetzt viel besser gelang, mit meiner Geliebten durch deren eigene mediale Kräfte zu verkehren und wir daher keiner dritten Person mehr bedurften, um zwischen uns zu vermitteln. So fühlte ich mich denn im Bewußtsein, daß ihre treue Liebe mich geleitete und sie von meinem Fortleben überzeugt war, in meinem Wirken stets erhoben und beglückt.

Mein Arbeitsfeld war zu jener Zeit wieder einmal der Erdenplan. Ich hatte in jenen Städten zu tun, deren geistige Gegenstücke ich in der Hölle gesehen hatte. Meine Aufgabe bestand darin, die Gemüter der Sterblichen und Geister, welche daselbst wohnten, mit dem Gefühl dessen zu beeindrucken, was ich unten in jener dunklen Sphäre erlebt hatte. Ich wußte, daß ich das Gefühl der Furcht vor der künftigen Vergeltung begangener Missetaten bei ihnen nur ein klein wenig aufrütteln könne. Aber auch das konnte dazu dienen, den einen oder anderen Menschen vor einer allzugroßen Befriedigung der Sinne abzuschrecken. Überdies fand ich unter den erdgebundenen Geistern dieser Städte viele, denen ich mit der Erfahrung und Kraft Beistand leisten konnte, die ich mir auf meiner Reise erworben hatte.

Es ist stets viel Beschäftigung für jene vorhanden, die auf dem Erdenplane tätig sind. Denn so zahlreich auch die Arbeiter daselbst sein mögen, so sehr bedarf man ihrer immer, da doch jede Minute Menschen aus dem Erdenleben scheiden, die hier alle geistiger Hilfe bedürfen.

Nach einigen Monaten begann ich wieder das ruhelose Verlangen nach weiterem Fortschritt zu verspüren. Ich sehnte mich darnach, mehr als seither zu erreichen, um jener Sphäre näherzukommen, in die meine Geliebte nach ihrem Tode übergehen wird. Zu solcher Zeit pflegte ich von der beständigen Angst gepeinigt zu werden, daß mein Liebling die Erde verlassen könnte, bevor ich mich zu ihrer geistigen Stufe aufgeschwungen, so daß ich dann wieder von ihr getrennt wäre. Dies war es, das mich stets zu neuen Siegen über mich selbst trieb und mich sogar mit meinem jetzigen Fortschritt unzufrieden machte. Ich wußte, daß ich hart an meiner Selbstveredelung gearbeitet hatte und wunderbar rasch vorwärts gekommen war. Trotz alledem aber quälten mich noch Gefühle der Eifersucht und des Argwohns, die eine Folge meiner Veranlagung und irdischen Erfahrungen waren.

Es gab Zeiten, wo ich sogar an der Beständigkeit meiner Geliebten zu zweifeln begann. Trotz der vielen Beweise ihrer Liebe fürchtete ich, während meiner Abwesenheit könnte irgend ein Mann mir ihre Liebe abgewinnen. Durch diesen unwürdigen Wunsch, sie beständig zu überwachen, lief ich Gefahr, neuerlich erdgebunden zu werden. Glaubt nicht, ein Geist habe im Moment der Auflösung all sein Denken und Wünschen geändert - wie wenig kennt ihr die Bedingungen des anderen Lebens jenseits des Grabes! Wie erschreckend langsam ändern wir die Gedankenrichtung, die wir in unserem Erdendasein gepflegt haben, wie lange haftet sie uns, im geistigen Zustande noch an!

Ich war damals bezüglich meines Charakters fast noch ganz das, was ich auf Erden gewesen. Nur allmählich lernte ich einsehen, worin mein Denken falsch und voller Vorurteile war - eine Aufgabe, deren Lösung sich durch viel höhere Sphären hindurchzieht, als ich damals erreicht hatte. Selbst im Zustande der Angst und des Zweifels empfand ich wegen dieser Regungen Scham und Reue, und wußte auch, wie unbegründet sie waren; dennoch konnte ich mich davon nicht frei machen. Die Erfahrungen meines irdischen Daseins hatten mich Argwohn und Mißtrauen gelehrt und die Geister meines Erdenlebens wurde ich nicht so leicht los.

Während ich unter dieser Selbstquälerei litt, kam Ahrinziman und sagte mir, wie ich mich von diesen Schatten der Vergangenheit befreien könne:
"Nicht weit von hier befindet sich das 'Land der Reue'; würdest du es besuchen, so könnte die Reise dir sehr von Nutzen sein. Denn wenn seine Berge und Täler einmal durchschritten und seine Schwierigkeiten überwunden sind, wird dir die wahre Natur deines Erdenlebens und seiner Fehler klar vor Augen treten, was sich für deine Seele als ein großes Mittel zum Fortschritt erweisen dürfte. Eine solche Reise wird aber voller Bitterkeit und Kummer sein; denn du würdest dort die Handlungen deiner Vergangenheit in ihrer ganzen Nacktheit enthüllt sehen - Handlungen, für die du bereits zum Teil Sühne geleistet hast, sie aber noch nicht so beurteilst, wie es höhergeistige Intelligenzen tun.

Nur wenige, welche vom Erdenleben herüberkommen, kennen die wahren Gründe, die sie zu ihren Handlungen getrieben haben. Bei vielen dauert es Jahre, bei einigen Jahrhunderte, bis sie zu dieser Erkenntnis kommen, denn sie entschuldigen und rechtfertigen ihre Übeltaten vor ihrem Gewissen. Ein Land wie das, von dem ich spreche, ist für ihre Erleuchtung sehr wertvoll. Die Reise muß jedoch freiwillig unternommen werden und wird dann den Weg des Fortschritts um Jahre kürzen.

In jenem Lande sind die Lebensschicksale der Menschen in Bildern aufbewahrt, die sich in der wunderbaren geistigen Atmosphäre spiegeln und die Gründe für alle Fehlschläge verdeutlichen. Sie zeigen die feineren Ursachen an, die in unseren Herzen am Werke waren und das Leben eines jeden gestalten. Es würde eine kühne und strenge Selbstprüfung sein, durch welche du da gehen müßtest - eine bittere Erfahrung für deine eigene Natur. Aber sie ist doch eine heilkräftige Medizin, die deine Seele von den Krankheiten des Erdenlebens befreien würde, die ihr noch anhaften."

"Zeige mir", antwortete ich, "wo das Land ist, und ich werde hingehen."
Ahrinziman nahm mich auf den Gipfel eines jener düsteren Berge, die ich vom Fenster meines Zimmers aus sehen konnte. Indem er mich an eine Stelle führte, von wo wir eine weite, durch eine andere Bergkette begrenzte Ebene übersehen konnten, sagte er:
"Auf der anderen Seite jener entfernten Berge liegt das merkwürdige Land, von dem ich spreche: ein Land, das die meisten Geister durchwandern müssen, deren Leben Veranlassung zu Sorge und Reue gab. Solche, deren Fehler nur gering waren und in alltäglichen Schwächen bestanden, wie sie allen Menschen gemeinsam sind, kommen nicht dahin; es gibt für sie andere Mittel, durch die sie über die Quelle ihrer Irrtümer aufgeklärt werden können. Dieses Land ist ganz besonders nützlich für Leute mit großen Fähigkeiten und starkem Willen, die leicht begreifen, freimütig bekennen, worin sie Unrecht getan haben, und dadurch vorwärts schreiten. Gleich einem kräftigen Reizmittel würde diese Sphäre viel zu stark auf schwache, irrende Geister wirken. Durch eine rasche und lebhafte Erkenntnis aller ihrer Sünden würden sie sich nur bedrückt und entmutigt fühlen. Solche Geister müssen Schritt für Schritt, immer nur ein wenig auf einmal weiter geführt werden. Du aber, der du starken Herzens und voll Mutes bist, wirst nur um so rascher steigen, je eher du die Natur der Fesseln erkennst, die deine Seele gebunden haben."

"Wird diese Reise lange Zeit in Anspruch nehmen?"
"Nein, sie wird nur von kurzer Dauer sein - zwei oder drei Wochen nach Erdenzeit. Denn, wie ich sehe, ist der Schatten, den deine beabsichtigte Abreise vorauswirft, von dem Bilde deines zurückkehrenden Geistes dicht gefolgt. Damit wird angedeutet, daß beide Ereignisse durch keinen großen Zeitraum voneinander getrennt sind. In der geistigen Welt, wo man die Zeit nicht nach Tagen oder Stunden zählt, beurteilen wir die Dauer, wie lange ein Ereignis bis zu seinem Eintreffen braucht, nach der größeren oder geringeren Entfernung, in der es unserem geistigen Schauen erscheint. Aus dem Umstand, ob der Schatten, den ein kommendes Ereignis vorauswirft, die Erde berührt oder noch von ihr entfernt ist, versuchen wir zu schließen, welches die Zeit nach irdischen Merkmalen sein dürfte. Selbst die Weisesten von uns sind jedoch nicht immer imstande, dies mit völliger Genauigkeit zu tun. Ebensowenig ist es jenen, die mit Freunden auf Erden verkehren, möglich, das genaue Datum zukünftiger Ereignisse zu bestimmen, da viele Umstände den Zeitpunkt verschieben können. Ein Ereignis kann sich oft sehr nahe zeigen. Aber statt auf den Sterblichen mit derselben Geschwindigkeit weiterhin zuzueilen, mag es verzögert oder manchmal sogar durch eine stärkere Kraft als die, die es in Bewegung gesetzt hatte, ganz abgewendet werden."

Ich dankte meinem Führer für seinen Rat und wir trennten uns. Es war mir sehr daran gelegen, rasch vorwärts zu kommen, so daß ich schon kurze Zeit nach dieser Unterredung meine neue Reise antrat. Sie verlief nicht so rasch, als es bei meinen früheren Wanderungen im Geisterlande der Fall war. Denn jetzt hatte ich die volle Last meiner begangenen Sünden auf mich genommen und sie drückte mich fast zu Boden, indem sie mich zu langsamen und mühsamen Bewegungen zwang. Einem Pilger ähnlich, trug ich ein grobes, graues Gewand; rneine Füße waren nackt und mein Haupt unbedeckt. In der geistigen Welt bilden sich Kleidung und Umgebung je nach dem Gemütszustande der Seele, und mir war damals zu Mute, als ob ich Sackleinwand trüge und Staub und Asche auf mein Haupt gestreut hätte.

Als ich endlich jene düsteren, weitabgelegenen Berge hinter mir hatte, befand sich vor mir eine weite Ebene - eine große Wüste, auf welcher der unfruchtbare Sand meines irdischen Lebens ausgestreut lag. Kein Baum, kein Strauch, kein grünes Blatt war vorhanden; kein erfrischendes Wasser sprudelte vor mir, um neue Hoffnungen auf Glück zu wecken. Da gab es keinen Schatten, wo die müden Glieder hätten Ruhe finden können. Das Leben derer, welche diese Ebene auf der Suche nach Ruhe durchquerten, war reiner und selbstloser Gefühle bar und entbehrte jener Selbstverleugnung, die allein imstande ist, die Wüste in ein blühendes Rosenfeld zu verwandeln und an ihren Wegen erquickende Wasser hervorspringen zu lassen.

Ich stieg in die traurige Einöde hinab und folgte einem schmalen Pfade, der zu den Bergen auf der anderen Seite zu führen schien. Die Bürde wurde mir fast zu schwer und ich hatte Lust, sie niederzulegen - aber vergebens: ich konnte mich ihrer keinen Augenblick entledigen. Auf dem heißen Sande lief ich meine Füße wund und jeder Schritt wurde mir zur Qual. Während ich so langsam vorwärts schritt, erschienen mir die Genossen und Begebenheiten früherer Tage in Bildern nach Art von Luftspiegelungen, wie sie von irdischen Wüstenreisenden beobachtet werden.

Wie bei einer schnellen Fahrt eine Landschaft in der anderen verschwindet, so ging hier eines in das andere über und gab stets neuen Szenen Raum. Zwischen den Bildern bewegten sich die Freunde und Fremden, die ich gekannt hatte. Längst vergessene lieblose Gedanken und Worte, die ich zu ihnen gesprochen hatte, zogen anklagend an mir vorüber. Die Tränen, welche ich andere zu vergießen veranlaßt, die grausamen Worte mit denen ich meine Umgebung verletzt hatte, traten mir bildhaft entgegen. Tausend unwürdige Gedanken und selbstsüchtige Handlungen meiner Vergangenheit tauchten noch einmal vor mir auf - Bild um Bild - bis ich schließlich nach dieser langen Reihe überwältigt von meiner Schuld zusammenbrach. Indem ich meinen Stolz in alle Winde jagte, beugte ich mich in den Staub und weinte bittere Tränen der Scham und des Kummers. Und während meine Tränen auf den trockenen Sand niederfielen, sproßten um mich her kleine Blumen wie weiße Sterne auf, und jede kleine zarte Blüte barg in ihrem Innern einen Tautropfen. So wurde jene Stelle, wo ich in ehrlicher Zerknirschung niedergesunken war, zu einer kleinen Oase der Schönheit in jener traurigen Wüste.

Ich pflückte zur Erinnerung an diesen Ort einige der kleinen Blumen und barg sie an meiner Brust, worauf ich mich erhob und weiterging. Zu meiner Überraschung waren jetzt die Bilder nicht mehr sichtbar; statt dessen bemerkte ich vor mir eine Frau, die ein kleines Kind trug. Dieses schien zu schwer für ihre Kraft und jammerte vor Müdigkeit und Furcht. Auf die beiden zueilend, bot ich mich an, das arme Kleine zu tragen, denn ich war beim Anblick seines ängstlidaen Gesichtes und müden Köpfchens tief gerührt. Die Frau starrte mich einen Augenblick an und legte dann das Kleine in meine Arme. Als ich das arme Geschöpf mit einem Teil meines Gewandes bedeckte, schlummerte es ruhig ein.

Die Frau erzählte mir, daß es ihr Kind sei, aber sie habe in ihrem irdischen Leben nicht viel Liebe für dasselbe übrig gehabt. "Eigentlich", sagte sie, "wollte ich überhaupt kein Kind. Als dieses Kleine kam, langweilte es mich, und ich vernachlässigte es. Als es dann größer wurde, und, wie ich glaubte, ungezogen und mürrisch war, schlug ich es, schloß es in ein dunkles Zimmer ein und verfuhr auch sonst hart und lieblos mit ihm. Schließlich starb es im Alter von fünf Jahren; ich selbst erlag kurz nachher einer Krankheit. Seit meinem Eintritt in die geistige Welt verfolgt mich nun das Kind. Man hat mir schließlich geraten, diese Reise zu machen und das Kind mit mir zu nehmen, da ich mich von seiner Gesellschaft nicht zu befreien vermag."

"Und fühlst du auch jetzt keine Liebe für das arme kleine Ding?"
"Nein. Ich könnte nicht behaupten, daß ich es liebgewonnen habe. Offenbar bin ich eine jener Frauen, welche überhaupt nicht Mutter werden sollten - jedenfalls mangelt mir bis heute jedes mütterliche Gefühl. Ich liebe das Kind nicht, aber es tut mir jetzt leid, daß ich nicht freundlicher zu ihm war. Auch sehe ich ein, daß das vermeintliche Pflichtgefühl, das Kind auf eine so strenge, lieblose Weise erziehen zu müssen, nur eine Beschönigung meiner eigenen Härte war und des Unwillens, den die Sorge um das Kind mir verursachte. Es ist mir klar, daß ich damit Unrecht getan habe, abes ich kann nicht sagen, daß ich viel Liebe für das Kind besitze."

"Willst du es auf deiner ganzen Reise bei dir behalten?" fragte ich. Ich empfand ein solches Mitleid mit dem kleinen ungeliebten Ding, daß ich es herzlich küßte. Da legte es seine kleinen Arme um meinen Nacken und lächelte mich im Halbschlafe so dankbar an, daß es der Frau hätte zu Herzen gehen müssen. In der Tat wurde auch ihr Antlitz milder und etwas liebevoller erwiderte sie:
"Ich glaube, daß ich es nur noch eine kurze Strecke Wegs zu tragen habe. Dann wird es in eine Sphäre gebracht werden, wo sich gleich ihm viele Kinder befinden, deren Eltern sich nicht um sie bekümmern, und die unter der Obhut von Geistern stehen, die Kinder gerne haben."

"Es freut mich, dies zu hören", sagte ich. Nachdem wir noch ein wenig weiter zusammen gegangen waren, erreichten wir eine kleine Felsengruppe, bei der sich ein Wassertümpel befand. Neben diesem legten wir uns zur Ruhe nieder. Ich schlief sofort ein, und als ich wieder erwachte, waren Frau und Kind verschwunden.

Ich erhob mich daher, um meinen Weg wieder aufzunehmen, und gelangte kurz darauf zum Fuße der Berge, welche mein Stolz und Ehrgeiz geschaffen hatten. Hart, steinig und steil war der kaum fußbreite Pfad. Manchmal schien es, als ob die Felsen, welche selbstsüchtigem Stolz ihr Entstehen verdankten, sich als zu steil erwiesen, um sie besteigen zu können. Während ich sie erklomm, erkannte ich meinen Anteil an ihrer Bildung, und welche Atome mein Stolz dazu geliefert hatte.

Wenige von uns kennen die Geheimnisse ihres eigenen Herzens. Wir glauben so oft, daß da, wo wirklich nur reine Selbstüberhebung vorliegt, ein edler Ehrgeiz waltet, der uns im Kampfe um Rang und Stellung in der Welt beseelt.
Mit Scham erfüllte mich der Rückblick auf meine Vergangenheit. Als sich ein großer Fels um den andern auftürmte, erkannte ich in diesen die geistigen Symbole der Steine des Anstoßes, die ich meinen schwächeren Brüdern in den Weg gelegt hatte. Mich verlangte danach, mein irdisches Dasein noch einmal durchleben zu dürfen, um bei Gelegenheiten dort zu ermutigen, wo ich einst verdammte, und aufzuhelfen, wo ich einst unterdrückte.

Ich war mir selbst gegenüber so hart, daß ich niemals mit einer meiner eigenen Leistungen zufrieden war. So glaubte ich berechtigt zu sein, an alle, die sich mit meiner schönen Kunst befaßten, dieselben hohen Anforderungen stellen zu dürfen. Für die alltägliche Mittelmäßigkeit hegte ich keine Sympathie; solche zu unterstützen hatte ich keine Lust. Es war mir damals unbekannt, daß diese schwachen Kräfte Keimen glichen, die auf Erden zwar niemals zu nennenswerter Bedeutung gelangen, sich aber im großen "Hernach" zur vollkommenen Blüte entfalten. Als ich meine ersten Erfolge feierte, war ich von ehrgeizigsten Träumen erfüllt. Wenn auch in späteren Jahren Enttäuschngen mich so etwas wie Mitleid für das Ringen der anderen gelehrt hatten, so konnte ich doch keine wahre Sympathie für ihren Kampf ums Dasein fühlen. Jetzt erkannte ich, daß der Mangel an Mitgefühl es war, der diese für meine Anmaßung so typischen Felsen geschaffen hatte.

Bei dieser Entdeckung ergriffen mich Kummer und Reue. Ich blickte umher, ob nicht ein Schwächerer in der Nähe sei, bei dem etwaige Hilfe auf seinem Wege nicht zu spät käme. Da sah ich auf dem harten Pfade über mir einen jungen Mann, dessen Kräfte fast erschöpft waren bei dem Versuch, diese Felsen zu erklimmen, die Familienstolz und eine Sucht nach Reichtum gebildet hatten. Er war im Begriffe, den Vorsprung eines Felsens zu ersteigen und schien so ermüdet, daß er jeden Augenblick herabzustürzen drohte. Bald hatte ich die Stelle erreicht, wo er sich befand. Mit Mühe und Not gelang es mir endlich, ihn auf den Gipfel jener Felsen zu ziehen. Ich war um so mehr bereit, ihm Beistand zu leisten, als ich bei dem Gedanken, wie viele schwache Seelen ich in der Vergangenheit unterdrückt hatte, tiefe Reue empfand.

Als wir am Gipfel uns zur Ruhe niedergelegt hatten, bemerkte ich, daß ich selbst durch die scharfen Steine zerschunden war, über die wir gestolpert waren. ich fand aber auch, daß während der Mühen des Anstiegs die Last des selbstsüchtigen Stolzes von mir abgefallen war. Und als ich auf den zurückgelegten Weg hinabschaute, tat ich von neuem in Sack und Asche Buße und beschloß, auf die Erde zurückzugehen, um zu versuchen, einigen Schwachen aufzuhelfen. Wo ich früher eine furchtsam strebende Seele geknickt hatte, wollte ich jetzt ermutigen. Wo meine scharfe Zunge und mein beißender Spott verwundet hatten, wollte ich zu heilen suchen. Die Erkenntnis dämmerte nun in mir auf, daß niemand seinen weniger begabten Bruder verachten oder dessen Hoffnungen vernichten sollte, weil sie seinem vorgeschritteneren Geiste unbedeutend und gering erscheinen.

Lange saß ich auf jenem Berge und dachte über diese Dinge nach, während der junge Mann, den ich unterstützt hatte, ohne mich weiter ging. Endlich erhob auch ich mich und nahm meinen Weg einer tiefen Schlucht zu, über die eine baufällige Brücke führte, deren Zugang durch ein hohes Tor versperrt war. Davor warteten viele Geister und versuchten, es auf die verschiedenste Weise zu öffnen. Einige wendeten Gewalt an, andere versuchten darüberzuklettern, wieder andere glaubten, einen geheimen Verschluß entdecken zu müssen. Bei meiner Annäherung zogen sich sechs oder sieben Geister, die sich noch am Tore zu schaffen gemacht hatten, zurück, neugierig zu sehen, was ich wohl beginnen würde. Das Tor war so hoch und glatt, daß niemand es erklettern konnte, so stark, daß niemand daran denken durfte es zu sprengen, und so fest geschlossen, daß keine Möglichkeit gegeben war, es zu öffnen.

Als ich verzweifelt überlegte, was ich jetzt beginnen sollte, sah ich in meiner Nähe ein armes Weib bitterlich über ihr Mißgeschick weinen: sie sei schon längere Zeit da und habe vergebens versucht, das Tor zu öffnen. Ich tat mein Bestes, ihr alle mögliche Hoffnung zu machen; da versank die feste Pforte vor unseren Augen und wir schritten hindurch. Ebenso plötzlich wie sie verschwunden war, tauchte sie dann wieder hinter mir auf. Die Frau war nirgends mehr zu sehen, dagegen stand an der Brücke ein alter, tiefgebeugter Mann. Während ich das merkwürdige Tor noch anstaunte, sagte eine Stimme zu mir: Dies ist das "Tor der liebreichen Gedanken und Taten." Jene Geister auf der anderen Seite müssen noch warten bis ihre guten Gedanken und Handlungen für andere schwer genug wiegen, um das Tor niederzudrücken. Dann wird es sich auch für sie öffnen wie bei dir, der du anderen so tapfer zu helfen suchtest."

Ich ging nun auf die Brücke zu, wo der alte Mann hilflos stand und mit seinem Stabe nach dem Weg tastete. In der Sorge, er könne vielleicht eine schadhafte Stelle der Brücke übersehen und hindurchfallen, sprang ich rasch vor und bot mich an, ihm hinüberzuhelfen. Doch er schüttelte sein Haupt und sagte: "Nein, nein, junger Mann, die Brücke ist zu morsch, sie wird niemals dein und mein Gewicht zusammen tragen. Gehe du nur weiter und lasse mich hier mein Bestmögliches tun."
Nicht so, du bist alt und schwach, und wenn ich dich verlasse, so wirst du wahrscheinlich an der schadhaften Stelle abstürzen. Nun, ich bin stark und kräftig, werde schon einen Ausweg finden."
Ohne seine Antwort abzuwarten, lud ich ihn auf meinen Rücken, indem ich ihn anwies, sich an meinen Schultern zu halten. So schickte ich mich an, die Brücke zu überschreiten. Teufel! Was dieser alte Mann für ein Gewicht hatte! Und die Brücke gar! Sie krachte, ächzte und bog sich unter unserem Gewicht. Ich glaubte, wir müßten beide in den Abgrund hinunterstürzen.

Der alte Mann beschwor mich, ihn ja nicht fallen zu lassen. Ich schleppte mich weiter, indem ich mich mit den Händen festhielt und auf allen Vieren kroch, bis wir eine sehr gefährlidie Stelle erreichten. Inmitten der Brücke klaffte ein breites Loch und nur die abgebrochenen Enden von zwei langen Balken waren da, um festen Halt zu bieten. Ich wußte wohl, daß ich mich allein sicher über das Loch schwingen konnte, aber es war das eine ganz andere Sache mit diesem schweren alten Manne, der sich an mich anklammerte und mich überall behinderte. Der Gedanke, daß ich ihn besser sich selbst überlassen hätte, ging mir durch den Kopf. Dies aber erschien mir der armen Seele gegenüber so grausam, daß ich allen Mut zusammennahm, um wenigstens einen Versuch in der Sache zu wagen. Der Alte stieß einen schweren Seufzer aus, als er merkte, wie die Dinge standen:
"Es wäre besser gewesen, du hättest mich zurückgelassen. Ich bin zu hilflos, um hinüberzukommen, und du wirst dich nur um deine eigenen Vorteile bringen. Laß mich hier und geh allein weiter!"

Der Ton seiner Stimme war so niedergeschlagen, daß ich ihn nicht hätte verlassen können; ich entschloß mich daher, einen verzweifelten Versuch für uns beide zu machen. So forderte ich ihn denn auf, sich an mich zu klammern und hielt mich mit einer Hand an dem gebrochenen Balken. Mit einem großen Sprung schwang ich mich mit solcher Wucht über den Abgrund, daß wir hinüberzufliegen schienen und wohlbehalten auf der anderen Seite ankamen.

Als ich mich umwandte, um zu sehen, welcher Gefahr wir entronnen waren, entfuhr mir ein Schrei der Verwunderung, denn es war gar kein Loch in der Brücke mehr vorhanden. Diese war gut erhalten, und an meiner Seite stand kein schwacher, alter Mann, sondern Ahrinziman, über meine Verwunderung lachend. Er legte seine Hand auf meine Sdmlter und sprach:
"Franchezzo, mein Sohn, das war nur eine kleine Prüfung, ob du selbstlos genug sein würdest, dir die Bürde eines schweren Mannes aufzuladen, wenn deine eigenen Aussichten auf Rettung so gering sind. Ich überlasse dich jetzt deiner letzten Prüfung, damit du dann selbst über die Natur deiner Zweifel zu urteilen vermagst. Lebe wohl, und möge dir Erfolg beschieden sein!"
Er wandte sich ab und war sogleich verschwunden. Ich aber machte mich auf, um durch ein anderes tiefes Tal zu wandern, das vor mir lag.

Das Tal lag zwischen zwei steilen Bergen und hieß "Tal der Nebelphantome." Große Säulen von grauem Dunste schwebten in der Luft hin und her und krochen die Bergwände hinan, indem sie sich in geheimnisvolle Gebilde verwandelten und mich bei meiner Wanderung umschwebten.

Je tiefer ich in die Schlucht eindrang, desto dichter und deutlicher wurden diese Gestalten und erschienen fast wie lebende Wesen. Ich wußte, daß es nur die Gedankenschöpfungen meines Erdenlebens waren, doch in dieser lebensähnlichen, greifbaren Form glichen sie spukhaften Geistern aus meiner Vergangenheit, die sich anklagend gegen mich erhoben, Argwohn, Zweifel und alle die bösen, unheiligen Gedanken, die ich gehegt, schienen um mich her versammelt zu sein: drohend und schrecklich, mich wegen meiner Vergangenheit verhöhnend, mir in die Ohren zischelnd und gleich großen Wogen der Finsternis über meinem Kopfe zusammenschlagend. Je reicher mein Leben einst mit solchen Gedanken war, desto mehr wurde mir jetzt der Weg von ihnen verlegt, bis sie mich schließlich auf allen Seiten einschlossen. Was waren das für verzerrte, haßerfüllte Wesen! Dies also waren meine Gedanken, dies die geistige Verkörperung meines Verhaltens anderen gegenüber!

Als grauenhafte Nebelgeister - dunkel, argwöhnisch und irreführend - traten sie mir nun entgegen und zeigten mir, was ich im innersten Herzen gewesen war. Ich hatte so wenig Glauben an die Güte meiner Nebenmenschen, so geringes Vertrauen zu ihnen gehabt. Da ich so grausam getäuscht wurde, sagte ich damals übereilt: alle Männer und Frauen sind lügnerisch: Ich spottete über die Torheiten um mich her in der Meinung, es sei immer und überall dieselbe Geschichte, alles Bitterkeit und Enttäuschung.

So waren diese Gedankenschöpfungen eine um die andere entstanden. Jetzt, wo ich sie zu bekämpfen suchte, schienen sie mich zu überwältigen und zu ersticken, indem sie mich in die großen Dunstfalten ihrer gespenstigen Formen einhüllten. Vergebens versuchte ich, mich von ihnen zu befreien. Sie häuften sich an und schlossen mich ein, genau wie mein Argwohn und meine Zweifel es einst getan hatten. Entsetzen ergriff mich, und ich focht mit jenen Gebilden, als ob es lebende Wesen gewesen wären, die es auf meine Vernichtung abgesehen hatten. Plötzlich sah ich, wie sich vor mir eine tiefe Erdspalte öffnete, auf die mich die Phantome zutrieben - ein Abgrund, in den ich glaubte versinken zu müssen, wenn ich mich nicht von diesen Gespenstern befreien konnte. Wie ein Toller rang und stritt ich mit ihnen, und dennoch schlossen sie mich ein und zwangen mich Schritt für Schritt dem düsteren Abgrunde zu.

Da rief ich in meiner Seelenangst laut um Hilfe und Beistand. Und mit den Armen ausholend ergriff ich das vorderste der Phantome und schleuderte es mit aller Wucht von mir. Die mächtige Wolke der Zweifel wankte und zerstob, als ob ein Wind sie zerstreut hätte; ich selbst aber fiel erschöpft zu Boden. Während mir das Bewußtsein schwand, hatte ich einen lieblichen Traum, in dem ich glaubte, meine Geliebte sei zu mir gekommen und hätte diese ekelhaften Gedankengebilde zerstreut. Sie sei neben mir niedergekniet und habe meinen Kopf an sich gezogen, um ihn, wie eine Mutter ihr Kind, an ihrer Brust ruhen zu lassen. Ich fühlte noch, wie ihre Arme mich umfaßten und festhielten - da war der Traum vorbei und ich verfiel in tiefen Schlaf.

Als ich das Bewußtsein wiedererlangte, lag ich noch in jenem Tale, aber die Nebel waren verflogen und die Zeit meines bitteren Zweifels und Argwohns war vorbei. Ich ruhte auf einer Bank von weichem grünen Rasen am Ausgang der Schlucht. Vor mir breitete sich eine Wiese, die von einem friedlich dahinfließenden kristallklaren Wasser durchzogen war. Als ich kurze Zeit den Windungen dieses Baches gefolgt war, gelangte ich zu einem prachtvollen Hain. Zwischen den Baumstämmen hindurch erblickte ich einen klaren Teich, auf dessen Oberfläche Seerosen schwammen. In der Mitte des Haines sprudelte eine feenhafte Quelle hervor, deren stäubende Fluten gleich einem Schauer von Diamanten in das durchsichtige Wasser herniederrieselten. Die Bäume bildeten mit ihren Zweigen ein Gewölbe und zwischen dem Geäste hindurch konnte ich den blauen Himmel sehen.

Ich trat näher, um zu rasten und mich an der Quelle zu laben. Da kam eine schöne Nymphe in einem grünen, schleierähnlichen Gewande und einer Krone von Seerosen auf dem Kopfe auf mich zu, um mir behilflich zu sein. Sie war die Hüterin der Quelle. Zu ihren Pflichten gehörte es, alle müden Wanderer gleich mir zu pflegen und zu erfrischen. "Auf Erden," sagte sie, "lebte ich im Walde, und auch hier im Geisterreiche fand ich ein Heim umgeben von Waldungen, die ich so sehr liebe."

Sie versah mich mit Speise und Trank. Nachdem ich eine Weile gerastet hatte, zeigte sie mir einen breiten Fußweg, der durch das Gehölz zu einem Erholungsheim führte, woselbst ich für einige Zeit ausruhen könnte. Mit dankerfülltem Herzen nahm ich von diesem lieben Naturgeiste Abschied und befand mich bald vor einem großen Gebäude, ganz bewachsen rnit Geißblatt und Efeu. Es hatte viele Fenster und weit geöffnete Türen, als ob es jedermann zum Eintritte auffordern wollte. Davor ein großes schmiedeeisernes Gartentor, auf dem Vögel und Blumen lebensvoll dargestellt waren. Während ich vor dem Tore stand, öffnete es sich selbst wie durch Zauber und ich ging auf das Gebäude zu. Hier kamen mir verschiedene Geister in weißen Kleidern entgegen, um mich willkommen zu heißen. Sie führten mich in ein hübsches Zimmer, von dessen Fenstern aus man auf einen Grasplatz und feenhaft liebliche Bäume blicken konnte, und baten mich, zu ruhen.

Beim Erwachen bemerkte ich, daß mein Pilgerkleid verschwunden war und an dessen Stelle mein lichtes, graues Gewand lag; nur hatte es jetzt einen dreifachen Saum von reinem Weiß. Ich war darüber hocherfreut und kleidete mich vergnügt an, denn ich fühlte, daß das Weiß ein Zeichen meines Fortschritts war. Weiß bedeutet in der geistigen Welt Reinheit und Glückseligkeit, während Schwarz das Gegenteil bezeichnet.

Man führte mich nun in ein freundliches Zimmer, in dem eine Anzahl Geister anwesend waren, die dieselbe Kleidung trugen wie ich. Unter ihnen erkannte ich zu meiner Freude die Frau mit dem Kinde, der ich auf der "Ebene der Reue und der Tränen" Beistand geleistet hatte. Sie betrachtete das Kind jetzt zärtlicher und begrüßte mich freundlich, indem sie mir meine Hilfe dankte. Das Kleine kletterte mir auf das Knie und ließ sich daselbst häuslich nieder.

Ein reichliches Mahl aus Früchten, Kuchen und dem reinen Wein des Geisterlandes wurde uns vorgesetzt. Als wir uns erquickt und Gott unsern Dank für seine Gaben ausgesprochen hatten, wünschte der Bruder, der den Vorsitz führte, uns allen Gottes Segen. Dann sagten wir einander mit dankerfülltem Herzen Lebewohl und brachen auf, um nach Hause zurückzukehren.

XXVIII

Meine Bestimmung war es jedoch nicht mehr, im Lande der Dämmerung zu bleiben. Mein neues Heim befand sich im Bezirke des "Morgenlandes", wohin mich meine Freunde brachten. Es lag jenseits des friedlichen Sees und der Berge, hinter welchen das Licht des dämmernden Tages hervorzutauchen pflegte - das Licht, welches im Lande der Dämmerung niemals heller zu werden schien, dessen Schönheit und Pracht aber im Morgenlande voll zur Geltung kam. Dieses Land lag in entgegengesetzter Richtung von jener Bergkette, hinter welcher sich "die Ebene der Reue" befand.

Im Morgenlande fand ich, daß ich ein kleines Häuschen mein eigen nennen durfte, das ich mir selbst verdient hatte. Es war immer ein Lieblingswunsch von mir gewesen, ein eigenes Heim zu haben, und diese kleine Hütte, so einfach sie schien, war mir daher sehr teuer. Es war in der Tat ein friedvoller Ort, umschlossen von grünenden Hügeln, die sich nach vorn zu öffneten und einen Ausblick auf wellenförmig grüne und goldene Auen gestatteten. In der Umgebung meines neuen Heims waren jedoch keine Bäume, keine Sträucher oder Blumen zu finden, auf denen das Auge mit Wohlgefallen ruhen konnte, denn meine Arbeiten hatten noch keine Blüten getrieben. Doch war eine lieblich rankende Geißblattpflanze da, die sich um die kleine Vorhalle herumschlang und den Wohlgeruch der Blüten in meine Zimmer sandte. Sie war ein Geschenk meiner Geliebten und bedeutete das geistige Wachstum ihrer reinen, liebenden Gedanken, mit denen sie mein Heim umgab, damit sie mir stets von ihrer beständigen Liebe und Treue Kunde geben sollten.

In meinem Häuschen waren nur zwei kleine Räume vorhanden. Einer diente zum Empfang meiner Freunde und zum Studium, der andere war zum Schlafraum bestimmt, wo ich ruhen konnte, wenn ich von meiner Arbeit auf dem Erdenplane ermüdet zurückkehrte. Darin befand sich auch das von Rosen umrahmte Bild meiner Geliebten, sowie alle meine kleinen Schätze. Der blaue Himmel draußen erstrahlte in reinem Lichte und der weiche, grüne Rasen erschien mir nach meinen langen Wanderungen in der Finsternis so köstlich, daß tiefe Gefühle der Dankbarkeit mich übermannten. Eine liebe Hand und eine zärtliche Stimme weckten mich aus meiner Träumerei. Als ich aufschaute, erblickte ich meinen Vater. Welche Freude, welches Glück empfand ich da! Und dies in noch höherem Grade, als er mich bat, mit ihm auf die Erde zu kommen und dieses Heim ihr, meiner Geliebten in einer Vision zu zeigen.

Wenn ich auf dieses mein erstes Heim im Geisterlande zurückblicke, erfüllt mich der Gedanke, es selbst verdient zu haben, mit Stolz. Mein gegenwärtiges Heim ist viel feiner, meine jetzige Sphäre bei weitem schöner in jeder Beziehung; aber niemals fühlte ich ein größeres Glück als in jener Stunde, da dieses Häusdien mir als Eigentum übergeben wurde.
Ich will nicht versuchen, alle die Werke zu schildern, die ich zur damaligen Zeit auf dem Erdenplane verrichtete. Folgendes Beispiel, das die Art meines Wirkens erläutert, mag für viele gelten.

Die Zeit rückt vorwärts - für Geister sowohl wie für Sterbliche - und bringt stets neuen Wandel, neuen Fortschritt. Während ich daran war, anderen zu helfen, lernte ich allmählich jene Aufgabe, die sich für mich als so furchtbar hart erwiesen hatte - die Aufgabe, unseren Feinden vollständig zu vergeben und ihnen von Herzen Böses mit Gutem zu vergelten. Es hatte mich einen schweren Kampf gekostet, selbst auf den Wunsch zu verzichten, daß jenen, der mich so tief gekränkt hatte, gerechte Strafe treffe. Noch härter war es, dieser Person aus freiem Antriebe jetzt Gutes tun zu wollen.

Während ich auf dem Erdenplan arbeitete, ging ich oftmals zu ihm und stand an seiner Seite, ungesehen und unbemerkt; nur die Erinnerung an mich wurde durch meine Anwesenheit bei ihm wachgerufen. Jedesmal beobachtete ich, daß die Gedanken meines Feindes ebenso bitter waren wie die meinigen. Von Liebe war zwischen uns nichts zu bemerken. Stets nahm ich bei ihm die Ereignisse unseres beiderseitigen Lebens in wechselnden Bildern wahr. Im helleren Lichte meines geistigen Wissens bemerkte ich hierbei, wo meine Fehler gelegen hatten, und ebenso deutlich sah ich die meines Feindes. Von solchen Besuchen kehrte ich, von bitterer Reue und Qual übermannt, zu meiner kleinen Hütte zurück. Aber ich war nie fähig, etwas anderes als Erbitterung und Verdruß gegenüber dem zu fühlen, dessen Leben nur durch Ungemach mit dem meinigen verknüpft gewesen zu sein schien.

Als ich eines Tages neben diesem Sterblichen stand, wurde ich mir eines neuen Gefühles, einer Regung des Mitleids vergleichbar, bewußt. Auch jene Person war in ihrem Gemüte bedrückt, auch sie empfand Reue im Hinblick auf unsers Vergangenheit. In dem Manne war ein Wunsch wach geworden, der von einer andersgearteten Strömung gegen mich gefolgt war. So bekamen wir allmählich eine günstigere Meinung von einander. War die Besserung unseres geistigen Verhaltens auch nur unerheblich, so bedeutete sie doch das erste Erweichen und Hinschmelzen der harten Mauer des Hasses, die sich zwischen uns türmte. Dann wurde mir Gelegenheit geboten, jener Persönlichkeit Gutes zu erweisen, gerade wie ich früher solche erhalten hatte, um ihr schaden zu können. Jetzt war ich endlich imstande, meine Erbitterung zu überwinden, und es war meine Hand, welche ihm Hilfe gewährte.

Mein Feind wußte nichts von meiner Anwesenheit, noch auch von meinem Dazwischentreten zu seinen Gunsten. Aber er fühlte dumpf, daß der Haß zwischen uns erstorben war und es vielleicht besser sei, auch unseren alten Streit zu begraben. So kam schließlich ein gegenseitiges Verzeihen zustande, welches die Bindungen löste, die unsere Erdenleben so lange aneinandergefesselt hatten. Ebenso wie im Falle meines Freundes Benedetto werden sich unsere Geister, wenn der Tod den Faden jenes Erdenlebens durchschnitten haben wird, noch einmal begegnen, damit jeder vom anderen Verzeihung erbitten kann. Erst dann werden alle dunklen Verbindungen zwischen uns endgültig gelöst sein und jeder wird in seine ihm bestimmte Sphäre übergehen. Groß und dauernd sind die Wirkungen unseres Liebens auf die Seele. Lange nachdem das Erdenleben vorbei ist, haften sie uns noch an. Aber gar viele Geister waren es, die ich nicht durch gegenseitige Liebe, sondern durch gegenseitigen Haß aneinander gebunden sah . . .

XXIX

Nachdem ich endlich Selbstüberwindung gelernt hatte, schien meine Seele von einer drückenden Last befreit zu sein. Mit erneutem Eifer wandte ich mich wieder dem Studium des Geisterreiches und seiner Verhältnisse zu. Zu jener Zeit traf ich auf meinen Wanderungen sehr häufig Freund Hassein, der mir zum Verständnis vieler Dinge verhalf, die mich in meinem Erdenleben verwirrt hatten.

Gelegentlich einer der vielen Unterredungen bat ich ihn, mir mehr von den Sphären und ihrem Verhältnis zur Erde zu erzählen.
"Der Ausdruck Sphären", sagte er, "wird zunächst auf jene großen Ringe geistiger Materie angewandt, welche die Erde und andere Planeten umgeben. Er wird aber auch für jene größeren, mächtigen Gedankenströme gebraucht, die das ganze Universum durchfluten. So können wir sagen, daß es zwei Arten von Sphären. gibt: - eine, die in gewissem Grade materiell ist und ihren eigenen Planeten oder ihr eigenes Sonnensystem umschließt und den Aufenthaltsort der geistigen Bewohner des betreffenden Planeten bildet. Diese Sphären
sind in Bezirke eingeteilt, welche, gleich den Sprossen in der Leiter der Entwicklung, den moralischen Fortschritt der Geister anzeigen.

Die andere Art von Sphären ist fluidischer Natur. Sie ist nicht fest in ihren Bestandteilen und gehört keinem besonderen planetarischen oder Sonnen-System an, sondern ist so unbegrenzt wie das Universum selbst. Diese Sphären müssen als Emanationen eines Mittelpunktes gedacht werden, um den sich das ganze All dreht. Sie bewegen sich in immer weitere Kreise ziehenden Strömungen. Es heißt, jenes Zentrum sei die unmittelbare Umgebung des höchsten Wesens, von dem diese Gedankenwellen ausgehen. Was ich sagen will, wird vielleicht deutlicher, wenn man sich eine einzige große Sphäre vergegenwärtigt, welche alle die intellektuellen Fähigkeiten oder Attribute umfaßt, die wesentlidie Bestandteile der Seele sind; und wenn man dann diese Sphäre in Bezirke der Philosophie, Kunst, Musik, Literatur usw. einteilt.

Es ist zwar allgemein üblich, diese Kreise Sphären zu nennen. Meines Erachtens aber ist es richtiger, sie als Kreise oder Bezirke zu bezeichnen. Diese Gedanken-Bezirke gleichen großen Rädern und schließen sämtliche kleineren Räder und Spiralen in sich ein, die alle ihr eigenes Sonnensystem oder ihren eigenen Planeten umgeben. D. h. wir gewinnen das Bild von Rädern in Rädern, die sich alle um das eine große Zentrum beständig drehen. In der geistigen Welt bleiben nur diejenigen für immer beisammen, die sich in voller Übereinstimmung befinden. Wenn auch verwandtschaftliche Bande oder zärtliche Erinnerungen solche Seelen, die kein geistiges Gemeinschaftsband umschlingt, manchmal zusammenführen, so werden dies doch immer nur flüchtige Besuche sein. Denn jeder Geist wird von der starken magnetischen Kraft, welche die Sphären und Kreise im Einklang erhält, angezogen und muß zu seiner eigenen Sphäre und seinem eigenen Kreise zurückkehren.

Eine Seele, die zur Sphäre der Musik oder Philosophie gehört, wird sich zu anderen Geistern mit ähnlicher Veranlagung hingezogen fühlen, die sich mit ihr auf derselben moralischen Stufe befinden. Aber die Entwicklung eines höheren Grades in der Musik oder Philosophie befähigt sie nicht, eine höhere Stufe in den geistigen und planetarischen Sphären einzunehmen, als es ihre moralische Entwicklung gestattet. Die Zentralsonnen eines jeden der unermeßlichen Bezirke der Mentalsphäre leuchten wie glänzende Magnete. Sie sind gleich großen Prismen, die in den himmlischen Feuern der Reinheit und Wahrheit erglühen und nach allen Seiten hin ihre glorreichen Strahlen der Erkenntnis senden. In diesen Strahlen versammeln sich die Mengen von Geistern, die an diesen glühenden Altären ihre Lampen zu entzünden suchen.

In jenen Strahlen, welche die Erde rein und ungebrochen erreichen, sind die Keime der Wahrheit zu finden, welche die Seelen der Menschen in allen Perioden der Weltgeschichte erleuchtet und die Berge des Irrtums und der Finsternis in tausend Stücke gespalten haben: geradeso, wie ein leuchtender Blitz einen Granitfelsen zertrümmert und dann das helle Licht von Gottes Sonne in die Tiefen hinunterscheint. Die am weitesten vorgeschrittenen Geister sind jene, die der Zentralgewalt, dem blendenden Lichte dieser sternengleichen Zentren am nächsten wohnen. Jene großen Sphären der gedanklidien und moralischen Kräfte mögen daher "universale" Sphären, jene um die Sonnenzentren "Sonnensphären" und jene um die einzelnen Planeten herum "planetarische" genannt werden. Die ersteren bestehen aus Gedanken- oder Seelen-Essenz, die anderen aus den verschiedensten Graden vergeistigter Materie.

"Wie würdest du denn die Entstehung eines Planeten und seiner Sphären schildern?"
"Man kann sagen, die Entstehung eines Planeten nimmt zu der Zeit ihren Anfang, wo er in Form einer feurigen Nebelmasse von der Muttersonne abgestoßen wird. In diesem Stadium ist er ein äußerst kräftiger Magnet, der die kleinen Stoffteilchen aus dem ganzen Ätherraum an sich heranzieht. Man hat angenommen, daß der Äther keine materiellen Atome enthalte, wie sie in der Atmosphäre der Planeten herumfliegen; aber das ist eine unrichtige Voraussetzung. In Wirklichkeit bestehen die Atome der Materie aus noch viel kleineren Partikelchen. Ihr Verhältnis zu einem Sandkorn ist gleich dem Unterschied zwischen dem Umfang der Erde und dem der Sonne. Anstatt durch die magnetische Anziehungskraft des Planeten zu Atomen jener Größe vereinigt zu sein, wie sie in der Erdatmosphäre als Sonnenstaub herumfliegen, sind sie zerfallen und haben sich im Raume zerstreut. Dadurch wurden sie nicht nur für das körperliche Auge des Menschen unsichtbar, sondern entzogen sich auch der Entdeckung durch die gewöhnlichen chemischen Mittel. Sie sind tatsächlich ätherisiert und wurden infolge Vermischung ihrer gröberen Elemente mit einer gewissen Menge von Seelenessenz zu geistiger Materie ersten Grades umgewandelt.

Von der glühenden Masse eines Planetenembryos angezogen, drängen sich diese Atome sehr dicht zusammen. Die feineren Elemente werden ausgepreßt und entweichen in den Raum zurück, während der feste, gröbere Teil zur Bildung von Gestein u. dgl. zurückbleibt. Die beständige Anziehung neuer Atome und die dadurch notwendige ungeheure Vermehrung des Druckes hat ihre Verdichtung zu fester Masse zur Folge. Die Atome dauern ewig und sind so unzerstörbar wie alle anderen Elemente, aus welchen sich das Universum zusammensetzt. Sie werden von einem Planeten nach dem anderen aufgesogen und wieder abgestoßen, je nach den verschiedenen Stadien, welche diese während ihrer Existenz und Entwicklung durchlaufen.

Die Atome der Materie können im allgemeinen in drei Klassen eingeteilt werden, wovon jede wieder in eine unbegrenzte Zahl von Dichtigkeitsgraden zerfällt. In letzteren findet das Stadium der Verfeinerung Ausdruck, das ein Atom erreicht hat. Die drei Hauptklassen können genannt werden: irdische oder planetarische Materie - geistige oder seelenumhüllende Materie, welche dem menschlichen Auge nicht mehr sichtbar ist, und - Seelenessenz. Letztere ist so verfeinert, daß es mir nicht möglich ist, ihre Natur zu beschreiben.

Von der irdischen Materie ist jene die niederste und gröbste Form, aus der die Minerale gebildet sind, Diese werden als Staub von der Atmosphäre wieder aufgesogen, um durch den beständig und überall vor sich gehenden Naturprozeß in Pflanzen verwandelt zu werden. Die Zwischenstufe zwischen Gestein und Pflanze ist das Flüssige, wo die festeren Teilchen durch die Dunstform der chemischen Elemente, die verschiedenen Gase in Lösung gehalten werden. Der zweite Grad der irdischen Materie ist der des pflanzlichen oder vegetabilischen Lebens, das durch die Verbindung der gröbsten Materie mit dem Flüssigen ernährt wird. So gelangen wir durch unendliche Abstufungen irdischer Materie zur höchsten, nämlich zur Materie des animalischen Lebens. Ob sie nun die Seele eines Menschen oder eines Tieres umhüllt, gehört sie doch noch irdischer Materie an und enthält in diesem höchsten Grade irdisch-materieller Entwicklung alle Elemente der niedrigeren Grade.

Die zweite oder geistige Form der Materie ist nur eine aus der Ätherisierung hervorgegangene, höhere Entwicklungsstufe der irdischen Form. Das belebende Prinzip beider ist, die Seelenessenz, d. h. der göttliche Funke, ohne den die zwei ersten Arten von Materie nicht bestehen könnten. Es ist für die beiden ersten Klassen von Materie Gesetz, daß sie das höhere Seelenprinzip einschließen müssen, andernfalls sie ihre Kohäsionskraft verlieren und wieder in ihre Urelemente zerfallen.

Die Seelenmaterie ist die einzige Materie, welche dauernde Identität besitzt. Sie ist das wahre Ego, das durch keine Macht aufgelöst oder seiner Ichheit beraubt werden kann. Sie ist das wahre Leben, welche niedere Formen der Materie sie auch beseelen mag. Als solches verwandelt sie die niedere Form der Materie und prägt ihr ihre eigene Identität auf. Seelenessenz ist vom Mineral zur Pflanze bis zum Menschen hinauf der höchste Typus alles Lebenden. Und jeder dieser Typen ist der Entwicklung in seine höchste Form fähig, in welchem Zustande sie in der Himmelssphäre eines jeden Planeten und Sonnensystems gefunden werden.

Da also alles, das Hohe wie das Niedere seine Seele hat, darf es den Erdenmenschen nicht Wunder nehmen, wenn man ihm erzählt, daß es auch in der geistigen Welt Pflanzen und Blumen, Felsen und Wüsten, Tiere und Vögel gibt. Diese leben da in ihrem vergeistigten oder entwickelten Zustand und sind um so ätherischer, je höher ihr Fortschritt ist. Dies in Übereinstimmung mit dem Gesetze, das gleicherweise die Entwicklung des Menschen als des höchsten Typs, wie die der niedersten Form von Seelenmaterie leitet.

Wenn eine Pflanze stirbt oder der Fels in Staub zerfällt oder in Gas zerschmilzt, so geht die Seelenessenz mit der geistigen Materie, die zu ihr gehört, in die geistige Welt über, und zwar in diejenige Sphäre, welche mit ihrer Entwicklungsstufe am nächsten verwandt ist. Der materiellste Teil wird hierbei von der Erde absorbiert, während die feineren Partikel der planetarischen Anziehung weniger ausgesetzt sind und deshalb weiter von der Erde entfernt schweben. In der ersten Lebensperiode eines Planeten, wo er noch wenig Seelenessenz, dagegen einen großen Anteil von grober Materie besitzt, werden seine Sphären zuerst in der von seiner Sonne entgegengesetzten Richtung abgeworfen. Diese sind sehr materiell und die Entwicklungsstufe ihrer geistigen Bewohner ist sehr niedrig.

In diesem frühen Stadium sind die vegetabilischen, tierischen und menschlichen Formen des Seelenlebens roh und grob und entbehren der verfeinerten Schönheit, die man mit fortschreitender Entwicklung des Planeten beobachten kann. Allmählich aber ändert sich die Vegetation und die Tiere machen Wandlungen durch. Auch die Menschenrassen, welche erscheinen, werden vollkommener. Ferner als Folge hiervon auch in entsprechendem Verhältnis die geistigen Emanationen, welche abgestoßen werden. In den ersten Lebensstadien eines Planeten sind Sphären kaum vorhanden. Sie können mit der Forrn eines Kegels verglichen werden, dessen Spitze der Planet selbst bildet, während der Erdenplan die höchste Sphäre ist, welche entwickelt wurde. Die tieferen Sphären - infolge der entarteten Begierden und der niederen intellektuellen Entwicklung der Planetenbewohner - befinden sich am breiten Ende des Kegels. Im Verhältnis zur Entwicklung des Planeten nehmen die Sphären an Umfang und Zahl zu. Die höheren fangen dann an sich zu bilden, indem die Spitze des Kegels sich vom Planeten gegen die Sonne zu immer mehr entfernt, so oft eine höhere Sphäre entsteht.

Auf diese Weise werden die Sphären unter und über dem Planeten durch das fortwährende Einströmen der von ihm abgestoßenen Atome gebildet. In gewissen Stadien ihrer Entwicklung, wo die intellektuellen und selbstsüchtigen Neigungen des Menschen stärker entwickelt sind als seine moralischen und selbstlosen Eigenschaften, übersteigen die niederen Sphären an Ausdehnung die höheren bedeutend. Diese Perioden kann man die dunklen Zeitalter der Weltgeschichte nennen, wo Unterdrückung, Grausamkeit und Habgier ihre Schwingen über der Menschheit ausbreiten.

Nach angemessener Zeit bewirkt das ewige Gesetz der Höherentwicklung aller Dinge, daß die höheren und niedrigeren Sphären an Ausdehnung und Zahl gleich sind. Alsdann befinden sich die Kräfte von Gut und Böse im Gleichgewicht. Diese Periode bildet den Meridian oder Höhepunkt des planetarischen Lebens. Hierauf folgt die Zeit, wo sich infolge der allmählichen Veredelung der Menschheit das Bild des Kegels umkehrt: der Erdenplan wird infolge des Schrumpfens und Verschwindens der niederen Sphären wieder zur Spitze des Kegels, während die höheren Sphären sich gegen die höchste zu immer mehr ausdehnen. Zuletzt bleibt nur diese höchste Sphäre allein vorhanden und der Planet selbst verschwindet nach und nach, indem alle groben Partikel von ihm abgeworfen wurden. Letztere fliegen unmerklich davon, um von anderen, noch in Bildung begriffenen Planeten aufgesogen zu werden.

Alsdann wird die Sphäre des Planeten samt ihren Bewohnern in die großen Sphären des zugehörigen Sonnensystems aufgenommen, wo bereits viele Gemeinschaften von Geistern wohnen, deren materielle Planeten nicht mehr existieren. Jede planetarische Gemeinschaft wird jedoch die Individualität ihres Planeten - genau so wie die verschiedenen Nationen auf Erden - so lange beibehalten, bis sie allmählich in der umfassenderen Eigenheit ihres Sonnensystems aufgeht.

So langsam und unmerklich sind diese Entwicklungsprozesse, so ungeheuer die Zeitperioden, die sie zu ihrer Beendigung beanspruchen, daß der menschliche Verstand die zahllosen Verwandlungen nicht begreifen kann, welche da vor sich gehen müssen. Die Lebenszeit der Planeten ist nicht bei allen dieselbe, weil Stellung und Größe im Sonnensystem, wie auch andere Ursachen die Dauer ihrer Entwicklung bestimmen. Im großen Ganzen wird sie jedoch in allen Fällen ähnlich sein, wie ja auch die Materie jedes Planeten keine chemische Substanz aufweist, die nicht in größerer oder geringerer Menge bei jedem anderen vorhanden ist. So sind wir imstande, aus dem Zustande der uns umgebenden Planeten Schlüsse auf die Geschichte unserer Erde zu ziehen, sowohl bezüglich ihrer Vergangenheit wie ihrer letzten Bestimmung."

"Wenn einst unsere Sphären in die unseres Sonnenzentrums aufgehen, wird da auch unsere Individualität als Geister in der des Sonnensystems untertauchen?"
"Nein, sicherlich nicht! Die Individuaütät eines jeden Seelenkeims ist unzerstörbar. Sie ist zwar nur eine kleine Einheit im mächtigen Ozean des Seelenlebens, aber dennoch eine Einheit für sich, da die Persönlichkeit eines jeden Wesens tatsächlich sein ewiges Ego ist. Gerade diese Individualität ist es, diese Unmöglichkeit, eine Seele zerteilen oder zerstören zu können, auf der ihre Unsterblichkeit beruht. Das unterscheidet sie ferner von aller anderen Materie und macht es so schwer, ihre Natur näher zu bestimmen. Du bist ein Mitglied unserer Brüderschaft zur Hoffnung geworden, aber du behältst deine Individualität. Und so verhält es sich auch mit der Seele für ewig ohne Rücksicht darauf, durch welche Existenzbedingungen sie hindurch muß.

Versuche, dir einen Körper vorzustellen, der so leicht ist, daß das ätherisierteste Gas neben ihm schwer erscheint, der aber zugleich eine solche Kohäsionskraft besitzt, daß es durchaus unmöglich ist, seine Teilchen aufzulösen. Und dessen Widerstandskraft gegenüber allen irdischen und geistigen Formen der Materie jener gleichkommt, die eine Stahlstange einer Dampfwolke entgegensetzt. Dann wird dir klar werden, wie es einem Geiste möglich ist, durch feste Türen und Wände aus irdischer Materie zu gehen. Ebenso wie auch ein höherer Geist als du mit derselben Leichtigkeit durch diese Mauern aus geistiger Materie zu dringen vermag, die uns hier umgeben. Je mehr die Seele von der gröberen Materie befreit ist, desto weniger kann sie durch irgend ein Element gebunden werden, desto größer werden ihre Fähigkeiten. Denn es ist nicht die Seelenessenz selbst, sondern ihre Hülle, die auf Erden oder in den Sphären eingekerkert ist.

Für dich bieten die Mauern der irdischen Häuser jetzt kein Hindernis mehr, nach Belieben ein- oder auszugehen. Du gehst so leicht hindurch, wie dein irdischer Körper einst durch Nebel zu schreiten vermochte, dessen Dichtigkeit deinen Lauf nicht aufhalten konnte. Wenn du durch den Nebel gingst, so blieb keine freie Stelle zurück, wo dein Durchgang stattgefunden. Das kam daher, daß die Elemente des Nebels zu rasch wieder zusammengezogen wurden, als daß du hättest bemerken können, wo sie auseinandergetrieben wurden. Genau dasselbe geschieht, wenn wir Geister durch eine irdische Türe oder Mauer dringen: ihre irdischen Atome schließen sich nach unserem Durchgange sogar noch rascher als die des Nebels auf Erden."

"Ich verstehe dich vollkommen. Wenn nun jeder Typus von Seelenessenz seine eigene Individualität, seine ganz bestimmte Eigenart hat, wirst du wohl nicht mit jenen übereinstimmen, die an eine Umwandlung einer Tierseele niederer Ordnung in eine Menschenseele und umgekehrt glauben."
"Gewiß nicht. Die Seele eines jeden Typs halten wir des höchsten Grades von Entwicklung in seiner eigenen Art für fähig. Da aber die Menschenseele der höchste Typus von allen ist, kann sie allein den höchsten Grad von Entwicklung erreichen, nämlich die Stufe der vorgeschrittensten Geister, die wir Engel nennen. Engel sind solche Seelen, die vom niedersten Grad menschlichen Planetenlebens durch alle planetarischen Sphären aufgestiegen sind, bis sie die himmlischen Sphären unseres Sonnensystems erreicht haben. Letztere sind im Fortschritt unserem Himmel der planetarischen Sphären so weit voraus, wie die Sonne den Planeten selbst. Wir glauben, daß die Seele in stets sich vergrößernden Spirallinien weiter aufsteigen wird, bis sie bei dem angelangt sein wird, was wir als das Zentrum des Universums bezeichnen.

Ob wir aber, nachdem wir jenen Gipfel unseres Strebens erreicht haben, nicht entdecken werden, daß auch er nur ein vergänglicher Punkt ist, der sich um ein noch größeres Zentrum dreht, kann ich nicht sagen. Meinem Empfinden nach werden wir von Zentrum zu Zentrum g