Free Hosting : Credit & Debt : Free Web Hosting : Best Credit Cards  

 
 
Thalassa 
 
Mond von Neptun 
 
Durchmesser 80 km  
durchschn. Entfernung vom Neptun 50.075 km ~ Umlaufzeit 7,48 Stunden 
  
 
 ein Wanderer im Geisterland

DIE TAGE DER FINSTERNIS
 
VI

War meine Arbeit an einem Platze beendet, pflegte ich zum Zwielichtlande zurückzukehren, um in einem anderen großen Gebäude Wohnung zu nehmen, das unserer Brüderschaft gehörte. Dieses hatte einige Ähnlichkeit mit dem meines früheren Aufenthalts, doch war es nicht ganz so dunkel, trübselig und eintönig wie jenes. In dem kleinen Zimmer, wie es jedem von uns zugewiesen wurde, befanden sidi mancherlei Gegenstände, mit denen man uns aus Dankbarkeit für unsere Dienste beschenkt hatte. So bewahrte ich zum Beispiel in meinem Zimmer, welches noch etwas kahl aussah, einen großen Schatz - das Bild meines Lieblings! Es glich mehr ihrem Spiegelbilde als einem Gemälde. Wenn ich es genau betrachtete, schien es mir zuzulächeln, als ob ihr Geist sich meines Blickes bewußt wäre. Wollte ich dann lebhaft wissen, womit sie zur Zeit beschäftigt war, veränderte sich das Bild und zeigte mir ihre jeweilige Tätigkeit.

Ein solches Bild besitzen zu dürfen, wurde von allen meinen Gefährten als ein großes Vorrecht betrachtet. Man sagte mir, daß diese Vergünstigung ebenso sehr die Folge ihrer Liebe und ihres treuen Gedenkens an mich sei, als auch meiner eigenen Anstrengungen, mich zu veredeln. Später erst wurde mir erklärt, wie dieses lebende Bild vom Lichte des Astralplanes aus in mein Zimmer und seinen Rahmen geworfen wurde, doch kann ich diesen Vorgang hier nicht ausführlicher beschreiben. Ein anderes Geschenk meines Lieblings besaß ich in Gestalt einer weißen Rosenknospe, die in einer kleinen Vase niemals welk wurde oder ihre Blätter fallen ließ, sondern als stetes Sinnbild der treuen Liebe ihrer Spenderin stets frisch und duftend blieb.

Da ich auf Erden Blumen sehr geliebt und keine mehr zu Gesicht bekommen hatte, seit mein Liebling mein Grab damit geschmückt, war das Verlangen danach bei mir sehr lebhaft gewesen. - An meinem jetzigen Aufenthaltsort gab es keine Blüten, nicht einmal Gras oder Kräuter, geschweige denn Sträucher oder Bäume. Der trockene, dürre Boden unserer Selbstsucht ließ hier nichts Grünendes oder Blühendes aufkommen.

Nachdem es mir gelungen war, kurze Botschaften durch meines Lieblings Hand zu übermitteln, erzählte ich ihr gelegentlich eines Besuches, daß mit Ausnahme ihres Bildes nichts in meinem Besitze sei, an dem mein Auge sich erfreuen könne. Da bat sie, daß man mir eine ihrer Blumen geben möchte. Ihrer Bitte war nun Erfüllung geworden, indem ein Geisterfreund die besagte weiße Rose in mein Zimmer gebracht hatte. Ach, die ihr Blumen achtlos verblühen lasset, ihr könnt euch nicht vorstellen, welche große Freude mir diese Rosenknospe bereitete, und auch das Bild und einige Worte meines Liebs, die sie mir einst geschrieben! Bei meinem Aufstieg von Sphäre zu Sphäre habe ich sie stets mit mir genommen und gedenke sie auch in Zukunft nie wieder von mir zu geben.

Vom Zwielichtlande aus unternahm ich viele Reisen. So verschiedenartig und merkwürdig jedoch die Gegenden waren, die ich sah, - alle trugen sie den Stempel der Kälte und Trostlosigkeit. Einer dieser Orte bildete ein großes Tal. Graue Felsen, düstere, kalte Hügel umschlossen es auf allen Seiten und dämmerndes Zwielicht lag über ihm. Auch hier war kein Blatt, kein Grashalm, kein verkümmerter Strauch oder irgend welche Schattierung in Farbe und Licht zu erblicken. Dem Auge boten sich nichts als trostlose, graue Felsen dar. Die Geister dieses Tals hatten nur sich selbst gelebt und sich selbst geliebt, und ihre Herzen waren der Wärme selbstloser Liebe stets verschlossen gewesen. Sie hatten ihr Dasein nur zur Befriedigung ihrer Begierden benutzt und sahen nun nichts um sich als die graue Trostlosigkeit ihres harten, selbstsüchtigen Lebens. Hier gab es eine Menge Unglücklicher, die rastlos umherwanderten, aber so in sich selbst versunken waren, daß sie die Fähigkeit, andere zu sehen, ganz verloren hatten.

Solche Geister bleiben sich gegenseitig so lange unsichtbar, bis der Gedanke und der Wunsch in ihnen auftauchen, irgend etwas Gutes für einen anderen zu tun. Dann erst werden sie sich ihrer Umgebung bewußt. Und durch ihre Bemühungen, das Los ihrer Gefährten zu erleichtern, fördern sie sich selbst, bis schließlich ihre verkümmerten Gefühle an Kraft gewinnen und das nebelige Tal der Selbstsucht sie nicht mehr gefangen hält.

Jenseits dieses Tales gelangte ich zu einem weiten, trockenen und sandigen Landstrich, welcher ab und zu mit spärlichem Grün bewachsen war. Dessen Bewohner hatten schwache Versuche zur Anlage von Gärten um ihre Behausungen herum gemacht. An manchen Stellen waren diese Behausungen so dicht zusammengerückt, daß sie kleinere oder größere Städte bildeten. Alle aber hatten jenes trostlose, häßliche Aussehen, dessen Ursache die geistige Armut ihrer Bewohner war. Auch dies war ein Land der Selbstsucht und der Begierde, jedoch für das Auge des Beobachters nicht von so vollständiger Gleichförmigkeit wie die vorher geschilderte Gegend. Seine Bewohner suchten bis zu einem gewissen Grade Umgang mit ihren Nachbarn. Viele von ihnen waren von dem grauen Tale her gekommen, die meisten jedoch direkt aus dem Erdenleben. Sie waren nun arme Seelen, die kämpften und rangen, um sich etwas höher zu bringen. Wo immer dies Streben zutage tritt und eine Anstrengung zur Überwindung der Selbstsucht gemacht wird, beginnt der trockene Boden um die Häuser herum zarte Grashalme und kleine, kümmerliche Schößlinge von allerlei Gesträuch zu treiben.

Wie armselig waren doch die Hütten in diesem Lande, wie zerlumpt, herabgekommen und elend seine Bewohner, gleich Landstreichern oder Bettlern! Und doch hatten viele von ihnen zu den Reichsten der Erde gezählt und hatten als hervorragende Persönlichkeiten allen Luxus genossen, den es nur geben kann. Da sie aber ihren Reichtum nur zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse verwendet hatten und anderen nur die armseligen Brocken von ihrem reichen Tische zukommen ließen, waren sie nun hier im Zwielichtlande gleich Bettlern - arm in Bezug auf die geistigen Güter der Seele. Letztere müssen schon im irdischen Dasein sowohl vom reichsten Könige wie vom ärmsten Bettler erworben werden. Diejenigen, welche ohne sie ins Geisterreich herüberkommen - mögen sie zu den Größten oder Niedrigsten der Erde gezählt haben - müssen an diesem Orte Wohnung nehmen, wo alle gleich arm an geistigen Dingen sind.

In Rücksicht auf die Stellungen, die sie während ihres irdischen Lebens innehatten, zanken und beklagen sich hier viele der Geister darüber, daß man schlecht mit ihnen umgegangen sei und sie an einen solchen Ort gebracht hätte. Sie tadeln die anderen, als ob diese an ihrem Hiersein die Schuld trügen und nicht sie selbst. Sie bringen tausend Entschuldigungen und Ausflüchte bei jedem vor, der geneigt ist, ihre Leidensgeschichte anzuhören. Andere wieder möchten ihre irdisdien Pläne noch zur Ausführung bringen. Oder sie suchen ihre Zuhörer glauben zu machen, daß sie Mittel und Wege gefunden hätten, wie man (auf Kosten irgend eines anderen natürlich) die Trostlosigkeit dieses langweiligen Lebens enden könne. Sie ersinnen und erwägen Anschläge, die sie auszuführen suchen, während sie die von anderen, welche ihren Plänen entgegenstehen, zu vereiteln trachten. Auf solche Weise nimmt das öde Dasein in diesem "Lande der Unruhe" seinen Verlauf.

Indem ich allen,.die mich anzuhören gewillt waren, Mut und Hoffnung zusprach und ihnen nützliche Ratschläge gab, damit sie den rechten Weg aus diesem Lande heraus finden möchten, ging ich weiter und kam in das "Land der Geizigen."
Dieses Land ist sich gänzlich selbst überlassen. Denn mit Ausnahme derer, die selbst an der alles verschlingenden Gier nach Anhäufung von Reichtümern kranken, hegen nur wenige Menschen Sympathie für wirkliche Geizhälse.

Die dunklen Geister hier waren bucklig und hatten klauenähnliche Finger. Sie beschäftigten sich damit, in dem schwarzen Boden gleich Raubvögeln nach zerstreuten Goldkörnern zu suchen, und hier und da wurde ihre Mühe belohnt. Nachdem sie ein Stückchen Gold gefunden hatten, steckten sie es in kleine Taschen und bargen sie an ihrem Busen, damit das, was ihnen als höchstes Gut erschien, ihrem Herzen am nächsten ruhe. In der Regel waren es einsame, menschenscheue Wesen, die einander instinktiv aus dem Wege gingen aus Furcht, daß sie ihrer teuren Schätze beraubt werden könnten.

In diesem Lande fand ich nichts zu tun. Ein einziger Mann lauschte für einen kurzen Augenblick auf meine Worte, bevor er sich wieder auf die Suche nach Gold im Erdboden begab. Aber als ich ging, verfolgte er mich mißtrauisch mit seinen Blicken. Jedenfalls hatte er Furcht, ich möchte in Erfahrung bringen wollen, wieviel Gold er bereits zusammengescharrt hatte. Die anderen Geister waren alle derart in das Goldsuchen vertieft, daß ich ihnen nicht einmal meine Gegenwart bemerklich machen konnte. So verließ ich denn bald dies kalte Land.

Mich abwärts wendend, gelangte ich in eine fast ganz dunkle Sphäre. Diese machte den Eindruck, als ob sie sich unter der Erde befände, da der Charakter ihrer Bewohner schlechter war als jener der Mensdien in gewissen Gegenden der Erde.
Hier war vieles ähnlich den Verhältnissen im "Lande der Unruhe", nur daß die Geister, welche daselbst wohnten, noch schlechter und verkommener aussahen. Hier war auch nicht die Spur einer Bodenkultur zu bemerken, und der Himmel zu Häupten war beinahe schwarz wie die Nacht. Das vorhandene Licht gab den Bewohnern nur die Möglichkeit, sich selbst und die Gegenstände in ihrer nächsten Umgebung zu erkennen.

Während man im "Lande der Unruhe" nur Zank, Unzufriedenheit und Eifersucht fand, gab es hier hitzige Schlägereien und erbitterte Kämpfe. Es war dies der Aufenthaltsort für Spieler und Trunkenbolde, für wettende Männer, Falschspieler und Schwindler aus der Handelswelt, für Diebe und Gesindel jeder Art. - Man fand hier sowohl den gemeinen Dieb der Spelunken, wie sein gebildetes Gegenstück, das sich in den höheren Sphären des irdischen Lebens bewegt hatte. An diesem Orte befanden sich alle, deren verbrecherische und liederliche Neigungen zur Selbstsucht und Entartung ihrer Gefühle geführt hatten. Auch sah ich viele, die sich in einem höheren Zustande geistigen Lebens hätten befinden können, wäre nicht ihr beständiger Umgang mit der oberwähnten Sorte von Menschen im irdischen Dasein für sie verhängnisvoll geworden, so daß sie nach ihrem Tode - angezogen durch ihre früheren gesellschaftlichen Verbindungen - bis zu dieser dunkeln Sphäre herabsanken.

Zu dieser letzteren Klasse von Geistern wurde ich jetzt gesandt, denn es war Hoffnung vorhanden, daß noch etwas Gefühl für das Gute und Erhabene bei ihnen zu finden sein würde. Die Stimme des Rufenden in der Wüste sollte von ihnen vernommen werden und sie hinwegführen in ein besseres Land.
Die Behausungen und Wohnstätten dieses dunklen "Landes des Elends" lagen über weite Flächen zerstreut. Alle aber boten einen schrecklichen Anblick von Unreinlichkeit, Schmutz und Verfall. Sie glichen den Gebäuden in einigen Diebesvierteln unserer Großstädte, wo einstmals prächtige, mit Reichtum und Luxus ausgestattete Paläste nun zu Zufluchtsorten des schlimmsten Lasters und Verbrechens geworden sind. Hier und da stieß ich auf weite, verlassene Länderstriche, die nur wenige zerstreute Häuser, besser gesagt elende Hütten aufwiesen. In anderen Gegenden gab es Häuserkomplexe ähnlich den Großstädten der Erde, in denen die Einwohner dicht zusammengedrängt hausten und einen düsteren, unerfreulichen Anblick darboten. Überall konnte man Schmutz, Unrat und Elend bemerken: ein wahrhaft trostloser Zustand, der durch die geistigen Ausströmungen der lasterhaften Bewohner dieser Gegend verursacht wurde. Nicht eine Spur von etwas Reinem, Schönem oder Anmutigem war hier zu entdecken, auf dem das Auge gerne hätte verweilen mögen.

Unter diesen Unglücklichen wanderte ich mit meinem kleinen Sternenlicht umher. Es war so winzig, daß es einem leuchtenden Pünktchen glich, das in der Dunkelheit aufblitzte und sich bewegte. Doch um mich her verbreitete es eine sanfte, milde Helle und bildete einen Hoffnungsstern für alle, die nicht infolge ihrer Selbstsucht und ihrer Leidenschaften zu verblendet waren, um es wahrzunehmen.

Ab und zu fand ich solche Unglückliche an irgend eine Wand gelehnt oder in der Ecke eines armseligen Zimmers kauernd. Besaßen sie genügend Kraft, sich aufzurichten und auf meine Worte zu hören, dann begannen sie den Weg zum Guten zu suchen und auf diesem Wege zu den höheren Sphären, aus denen sie durch ihre Sünden gefallen waren, zurückzukehren. Einige konnte ich dazu bewegen, mir bei meinen Bemühungen, anderen zu helfen, beizustehen. In der Regel jedoch waren diese Ärmsten nur imstande, an ihr eigenes Elend zu denken und sich nach etwas Höherem als ihrem gegenwärtigen Zustande zu sehnen. So gering dies auf den ersten Blick erscheinen mag, war es dennoch der erste Schritt nach vorwärts, dem dann der zweite - nämlich der Gedanke, wie man anderen helfen könne - ebenso sicher folgte.

Eines Tages kam ich bei meinen Wanderungen durch dieses Land in das Gebiet einer großen Stadt inmitten einer weiten, trostlosen Ebene. Der Boden war schwarz und trocken. Er war am besten mit den Ablagerungen von Asche, Schutt und Schlacken zu vergleichen, die man in der Nähe großer Eisenwerke findet. Ich befand mich gerade zwischen den Trümmern einiger verfallener Hütten, die den Übergang von der unglücklichen Stadt zu jener trostlosen Ebene bildeten, als ich einen großen Lärm und Streit vernahm, der aus einer Hütte zu mir drang. Neugierde trieb mich an, nachzusehen, worum es sich handle und ob nicht etwa ein Schutzbedürftiger hier anzutreffen sei.

Das Gebäude, in welches ich eintrat, glich eher einem Stall als einem Hause. In einem Raume stand ein großer, rohgezimmerter Tisch, um ihn herum saßen ungefähr ein Dutzend Männer auf kleinen hölzernen Stühlen. Welche Männer! Sie waren fast eine Beleidigung für das menschliche Geschlecht und eher mit Orang-Utans zu vergleichen. Ihre groben, aufgedunsenen, entstellten Gesichtszüge erinnerten in ihrem Ausdruck an die Physiognomie von Schweinen, Wölfen und Raubvögeln.

Es ist mir unmöglich, diese Gesichter, diese mißgestalteten Körper und verdrehten Glieder zu beschreiben. In ihren zerschlissenen Gewändern, ihrer Kleidung im irdischen Leben ganz ähnlich, boten sie einen grotesken Anblick. Manche gingen in der Tracht früherer Jahrhunderte einher, andere waren nach neuester Mode gekleidet. Insgesamt aber sahen sie zerlumpt, gemein und schmutzig aus. Ihr Haar war ungekämmt und hing ihnen wirr um den Kopf; ihre Augen erglühten bald im Feuer heftiger Leidenschaft, bald starrten sie in finsterer Verzweiflung oder boshafter Tücke vor sich hin.

Damals glaubte ich mich im tiefsten Abgrunde der Hölle zu befinden. Seitdem bin ich jedoch in eine Region gekommen, welche noch viel dunkler war und weit schrecklicher aussah als diese. Sie wird von Wesen bewohnt, denen gegenüber die hier Beschriebenen harmlos menschlich genannt werden müssen. Später, wenn ich auf jenen Teil meiner Wanderungen zu sprechen komme, wo ich die untersten Reiche der Hölle besuchte, werde ich diese niedersten Wesen genauer beschreiben.

Die Geister, welche ich in dem erwähnten Gebäude antraf, waren über einen Beutel voll Geld, der auf dem Tische lag, in Streit geraten. Einer von ihnen hatte das Geld gefunden und es als Einsatz gegeben, damit die ganze Gesellschaft darum spiele: Der Zank schien dadurch entstanden zu sein, daß jeder den Beutel einfach an sich nehmen wollte, ohne irgendwie die Rechte des anderen zu beachten. Die Rechtsfrage war zur Machtfrage geworden, und man bedrohte sich bereits in heftiger Weise. Der Finder des Geldes - oder besser des geistigen Gegenstücks unseres irdischen Geldes - war ein junger Mann von verhältnismäßig gutem Aussehen. Wären nicht die Spuren der Leidenschaften so tief in sein Antlitz eingegraben gewesen, so hätte er in diese verkommene Gesellschaft nicht hineingepaßt. Er behauptete, das Geld sei sein Eigentum und wenn er es auch gesetzt habe, damit ehrlich darum gespielt werde, so dulde er doch nicht, daß man es ihm mit Gewalt abnehme.

Meinem Gefühl nach gab es hier nichts für mich zu tun. Nachdem ich diesen wüsten Ort verlassen hatte, hörte ich hinter mir ein lautes Gebrüll von Entrüstungsrufen und Verwahrungen. Kaum war ich ein kurzes Stück Weg gegangen und befand mich gerade bei einem anderen verlassenen Hause, als die ganze wilde Bande streitend und kämpfend aus der Hütte kam, um an den jungen Mann mit der Geldbörse heranzukommen. Sie drängten einander weg, während der Vorderste von ihnen den Ärmsten schlug, mit Füßen trat und ihm den Beutel zu entreißen suchte. Als dies gelungen war, stürzten sich alle auf ihn, so daß der junge Mensch Fersengeld gab und auf mich zuzulaufen begann. In diesem Augenblick entstand ein gellendes Geschrei. Man schickte sich an, den Fliehenden wieder einzufangen und ihn wegen Betrugs zu züchtigen, da der Beutel statt des Geldes nur Steine enthielt. Es war gleich dem Feengold im Märchen verwandelt worden, jedoch nicht in welke Blätter, sondern in harte Steine.

Der unglückliche junge Mensch hatte sich eben an mich geklammert und mich laut gebeten, ihn vor diesen Teufeln zu schützen, als die ganze Bande in Verfolgung ihres Opfers auf uns losstürmte. Den armen Menschen mit mir reißend, sprang ich mit Blitzesschnelle in das leere Gebäude und zog die Türe hinter mir zu. Um unsere Verfolger auszusperren, stemmte ich den Rücken gegen die Tür. Großer Gott! Wie schrieen, stampften und tobten sie bei ihren Versuchen, durch die Türe einzudringen, und wie spannte ich meinerseits alle Kräfte des Geistes und Körpers an, sie abzuhalten! Damals wußte ich noch nicht, daß unsichtbare Mächte mir beistanden und die Türe zuhielten, bis endlich die Angreifer bemerkten, daß sie dieselbe nicht zu bewegen vermochten. Schließlich zogen die Ruhestörer enttäuscht und ärgerlich ab, um anderswo einen Anlaß zu neuem Streit zu suchen.

VII

Hierauf sah ich nach meinem Begleiter, welcher gleich einem Häuflein Elend in einer Ecke der Hütte saß, und half ihm auf. Ich erklärte ihm, daß es ratsam wäre, diesen Ort zu verlassen, sobald er sich bewegen und ein wenig gehen könne. Es könnte den Männern recht wohl einfallen, zurückzukommen und uns Ungelegenheiten zu bereiten. Mit vieler Mühe und Anstrengung hob ich ihn auf und brachte ihn an einen sicheren Ort draußen auf der dunklen Ebene, wo wir allerdings ohne Obdach waren, aber doch nicht Gefahr liefen, eingeschlossen zu werden. Dann tat ich mein Bestes, seine Leiden durch Anwendungen zu mildern, die ich während meines Aufenthaltes im Hause der Hoffnung gelernt hatte.

Nach einiger Zeit war der arme Bursche fähig zu sprechen und zu erzählen, wie er in dieses dunkle Land gekommen sei. Er war anscheinend erst vor kurzem aus dem Erdenleben geschieden, nachdem er von einem eifersüchtigen Ehemanne, dessen Weib er unerlaubte Aufmerksamkeiten erwiesen hatte, erschossen worden war. Das einzige versöhnende Moment in der Geschichte dieses armen Geistes war, daß er keinen Haß oder Rachegedanken, sondern lediglich Reue und Scham dem Manne gegenüber empfand, der ihn seines Lebens beraubt hatte. Was am meisten dazu beigetragen hatte, ihm die Augen über seine Verkommenheit zu öffnen, war die Entdeckung, daß die Frau, um deren Liebe willen alles dies geschah, eine Unwürdige war. Sie war hart, selbstsüchtig und so weit entfernt von einem wirklichen Liebesempfinden, daß ihr ganzes Sinnen und Trachten nur darauf hinausging, sich zu vergnügen und eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen. Unmut und Langeweile waren die Hauptgefühle, die sie ihrem unglücklichen Gatten und dem Opfer seiner Eifersucht entgegengebracht hatte.

Der junge Mann, den ich "Raoul" nennen will, erzählte mir: "Als ich wußte, daß ich wirklich gestorben war und dennoch die Macht besaß, wieder auf die Erde zurückzukehren, war mein erster Gedanke, zu ihr zu gehen und sie nach Möglichkeit zu trösten. Oder sie wenigstens empfinden zu lassen, daß der tote Geliebte noch lebe und ihrer auch nach dem Tode gedenke. Aber in welcher Verfassung fand ich sie! Nicht etwa in Trauer um mich oder in Sorge um ihn. Nicht im mindesten! Nur an sich selbst denkend, wünschte sie, daß keiner von uns ihr je begegnet wäre. Am liebsten hätte sie uns aus ihrem Gedächtnis gestrichen, um mit einem anderen, gesellschaftlich Höherstehenden ein neues Leben zu beginnen.

Da fiel es wie Schuppen von meinen Augen und ich sah, daß ich ihre Liebe niemals besessen hatte. Mein Reichtum und mein Adel hatten es ihr angetan. Damit hoffte sie eine einflußreichere Stellung in der Gesellschaft zu gewinnen oder eine Rivalin aus dem Felde zu schlagen. Nur aus kalter Berechnung hatte sie Ehebruch begangen und ich war nichts als ein armer blinder Narr, der seine Torheit mit dem Leben bezahlen mußte. Für sie war ich nichts als eine unerfreuliche Erinnerung an den Skandal, dem sie ausgesetzt war. In meiner Bitterkeit floh ich damals die Erde. Ich konnte an keine Treue irgendwelcher Art mehr glauben und meine wilden Gedanken und Wünsche zogen mich zu diesem dunklen Orte und seinen Bewohnern herab. Unter ihnen fand ich meine irdischen Freunde wieder, die mich umschmeichelt hatten, unter denen ich meine Kräfte vergeudet und meine Seele verloren hatte."

"Und nun, mein unglücklicher Freund", erwiderte ich, "willst du jetzt nicht den Weg der Sühne betreten, der dich zu besseren Ländern zurückführt, auf dem du dein verlorenes Menschentum und dein höheres Selbst wiederfinden wirst?"
"Leider ist es hierzu zu spät", sprach Raoul. "In der Hölle - und sicher ist dies die Hölle - gibt es keine Hoffnung mehr."
"Keine Hoffnung? für niemanden?" antwortete ich. "Sprich nicht so, mein Freund. Ich kann dir versichern, daß selbst für Geister in der verzweifeltsten Lage noch Hoffnung vorhanden ist. Auch ich habe Kummer und Bitterkeit erfahren. Trotzdem habe ich die Hoffnung nie verloren, denn sie, die ich liebte, war rein wie ein Engel. Sie war stets bereit, mir Liebe und Hoffnung einzuflößen. Um ihretwillen arbeite ich und erwecke in anderen die Hoffnung, die mir selbst zuteil wurde. Komm, laß mich dich führen, und ich werde dich zu einem besseren Lande geleiten."

"Und wer bist du, mein Freund, mit den schönen Worten und noch schöneren Taten, die mich dem Leben wiedergeben sollen? Mir wurde gesagt, daß es hier unmöglich sei, zu sterben. Man könne leiden bis zum Punkte des Todes, ja man könne alle seine Martern durchkosten; aber der Tod selbst treffe keinen von uns, denn wir befänden uns jenseits desselben. Haben wir da nicht eine Ewigkeit des Leidens vor uns? Sage mir, wer du bist, wie du hierher kommst, und wie du deine Worte der Hoffnung mit solchem Vertrauen an mich richten kannst. Ich könnte glauben, du seiest ein Engel, der mir zur Hilfe gesandt wurde - aber dazu gleichst du mir selbst zu sehr."

Da erzählte ich ihm meine Lebensgeschichte, schilderte ihm, wie ich mich heraufgearbeitet hatte und wie er das nun ebenfalls tun müsse. Auch sagte ich, daß ich zuversichtlich hoffe, einst mit meiner Liebsten in einem Lande leben zu können, wo wir nicht mehr getrennt würden.
"Und du glaubst", sagte er, "daß sie ihr ganzes Leben auf Erden einsam verbringen wird, damit sie einst im Himmel mit dir verbunden werde, nachdem du selbst dahin gekommen bist? Mein Freund, du belügst dich selbst! Keine Frau, sie wäre denn alt und häßlich, wird sich dazu verstehen, um deinetwillen allein zu leben. Sie wird es vielleicht eine Zeitlang tun, wenn kein anderer kommt, um sie zu werben. Aber glaube mir, wenn sie nicht ein vollkommener Engel ist, wird sie sich nach und nach trösten. Wenn deine Hoffnungen nicht besser gegründet sind, so kann ich dich nur bedauern."

Ich muß gestehen, daß mich diese Worte ärgerten; sie waren das Echo der Zweifel, welche mich oftmals quälten, und wirkten wie eine kalte Dusche auf den Enthusiasmus, mit dem ich mich aufrecht erhalten hatte. Sowohl zur Besänftigung meiner eigenen Zweifel als auch der seinigen sagte ich nun mit einigem Eifer: "Wenn ich dich nun mit zur Erde nehme und wir finden mein Lieb in Trauer um mich, in Gedanken nur mit mir beschäftigt: willst du dann glauben, daß ich mich keiner Täuschung hingebe? Willst du dann zugestehen, daß du in deiner Lebenserfahrung bezüglich der Frauenwelt, wie auch in anderer Hinsicht noch lernen kannst?"
"Mein guter Freund, ich bitte dich herzlich um Entschuldigung, wenn mein Zweifel dir Pein verursacht hat. Ich bewundere dein großes Vertrauen und wünschte nur, selbst ein wenig davon zu besitzen. Doch laß uns unter allen Umständen gehen und sie besuchen."

Hierauf nahm ich ihn bei der Hand. Mittels meines energischen Wollens, daß wir uns bald bei meinem Lieb befinden möchten, erhoben wir uns und durchquerten fast mit der Schnelligkeit eines Gedankens den Raum. In wenigen Augenblicken befanden wir uns in dem Zimmer, in dem meine Geliebte weilte. Sie selbst und ihr Schutzgeist, der sie bewachte, waren meinem Auge wohl sichtbar. Die Umrisse der Räumlichkeit und die Ausstattung konnte ich undeutlich erkennen, während mein Freund Raoul außer der in ihrem Sessel ruhenden Gestalt meiner Geliebten überhaupt nichts wahrnahm. Im strahlenden Glanze ihres geistigen Körpers, vom matten, sanften Lichte ihrer Aura umflossen, glich sie einer Heiligen. Dieses geistige Licht ist für euch Erdenmenschen nicht wahrnehmbar; für uns Geister jedoch erscheinen alle, deren Leben rein und gut ist, in einem solchen Lichte, während die Bösen von einer dunklen Wolke umhüllt sind.

"Mein Gott", rief Raoul aus und sank vor ihr auf das Knie. "Sie ist ein Engel! Du hast mich zu einer Heiligen gebracht, nicht zu einer Frau. Sie ist kein irdisches Weib."
Ich nannte sie beim Namen und sie hörte den Laut meiner Stimme. Da schwand die Traurigkeit aus ihrem Antlitz; sie strahlte vor Freude und sagte leise: "Bist du wirklich da, mein Liebster? Ich sehnte mich so sehr darnach, daß du wiederkommen möchtest. Mein ganzes Sinnen und Trachten geht nach dir. Kannst du mich berühren?" Sie streckte ihre Hand aus, und einen Augenblick ruhte die meinige in der ihren. Aber selbst diese kurze Berührung ließ sie erschauern, als ob ein eisiger Wind sie gestreift hätte.
"Sieh, mein Liebling, ich habe einen unglücklichen Freund mitgebracht, dem nach deiner Fürbitte verlangt. Ich möchte ihn wissen lassen, daß es auf Erden die Liebe treuer Frauen gibt, die unser Segen werden könnten, wenn wir uns ihrer nur würdig machen wollten."

Sie hatte nicht alles, was ich sagte, genau verstanden, aber ihr Geist hatte den Sinn erfaßt. Und mit einem Lächeln sprach sie: "O ja! Ich bin dir stets treu, mein Geliebter, wie du es auch mir bist, und eines Tages werden wir sehr glücklich sein." Da erhob Raoul, welcher bis dahin vor ihr gekniet hatte, seine Hände und versuchte, die ihrigen zu berühren. Aber der unsichtbare Schutzwall hielt auch ihn, wie dies bei mir bisher der Fall war, davon ab. Mein Freund mußte von seinem Vorhaben absehen und sagte zu ihr: "Wenn dein Herz so voller Liebe und Mitleid ist, so spende auch mir etwas davon, der ich wirklich unglücklich und deiner Fürbitte bedürftig bin. Ich weiß, daß deine Gebete erhört werden, die meinen aber ungehört verhallen. Darum bete, daß auch mir geholfen werde. Ich kann mich dann der Hoffnung hingeben, daß selbst für mich noch ein besseres Leben möglich ist."

Meine Geliebte vernahm die Worte des Unglücklichen und, indem sie neben ihrem Stuhle niederkniete, sprach sie ein kurzes, einfaches Gebet um Hilfe und Trost für uns alle. Raoul war hierdurch so weich gestimmt, daß er vollständig zusammenbrach. Ich mußte ihn bei der Hand nehmen und ihn zum Geisterlande zurückbringen, doch nicht wieder in jene Sphäre, welche aller Hoffnung bar ist.

Von da ab arbeiteten Raoul und ich eine kurze Zeit zusammen in der dunklen Gegend, in der er früher gewohnt hatte, und von Tag zu Tag wurde er hoffnungsvoller. Von Natur aus lebhaft und heiter, war er ein echtes Kind seines Landes (er war Franzose), voll lustigen, anmutigen Leichtsinns, den selbst der schreckliche Aufenthalt an diesem düstern Orte nicht völlig hatte unterdrücken können. Wir wurden gute Freunde, und unsere Arbeit wurde dadurch angenehmer, daß wir uns darin teilten. Diese gemeinsame Tätigkeit war damals nicht von langer Dauer. Seitdem sind wir uns aber öfters begegnet und haben miteinander gearbeitet - wie Kameraden verschiedener Regimenter, die durch die Zufälle des Krieges einmal zusammengeführt und dann wieder getrennt werden.

VIII

Wieder einmal aufgefordert, meine Wanderungen in den geistigen Sphären zu unterbrechen, um auf der Erde eine Mission zu erfüllen, geschah es, daß die größte und schrecklichste Versuchung meines Lebens an mich herantrat. Im Verlaufe meines Rettungswerkes begegnete ich einem Erdenmenschen, dessen Einfluß auf mein irdisches Leben mehr als alles andere dazu beigetragen hatte, dieses zu zerstören. Obgleich ich keineswegs schuldlos war, überkam mich doch stets eine große Bitterkeit und ein heftiges Rachegefühl, so oft ich an diese Persönlichkeit und alle die Kränkungen, welche ich durch sie erlitten, dachte - Kränkungen, die mir so nahegingen, daß ich manchmal glaubte, leidenschaftlichen Ausbrüchen des Zornes Ausdruck geben zu müssen.

Bei meinen Wanderungen auf dem Erdenplane hatte ich viele Mittel und Wege kennengelernt, durch welche ein Geist denen, die er haßt, Schaden zufügen kann; auch wenn sie sich noch im Fleische befinden. Es ist uns weit mehr Macht zu eigen als ihr glaubt! Aber ich halte es für weiser, den Schleier nicht zu lüften, der über allen Möglichkeiten liegt, die sich rachsüchtigen Personen selbst nach dem Tode noch zur Erreichung ihrer bösen Absichten bieten.

Ich könnte schreckliche Fälle aufzählen, von denen ich weiß, daß sie wirklich stattgefunden haben: geheimnisvolle Morde, merkwürdige Verbrechen, welche auf der Erde - scheinbar ohne Grund und Ursache - von Menschen begangen wurden, deren Bewußtsein so betäubt war, daß sie für ihre Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden konnten. Sie waren nur Werkzeuge in den Händen von Geistern, die Besitz von ihnen genommen hatten. Von diesen und ähnlichen Vorkommnissen haben wir hier in den geistigen Sphären Kenntnis. Diese Dinge haben hier oftmals ein recht verschiedenes Ansehen von dem, was sich euch auf Erden darbietet. Der alte Glaube an die Besessenheit durch Dämonen ist demnach nicht unbegründet, nur waren die in Betracht kommenden Dämonen und Teufel einstmals selbst Bewohner der Erde.

Nach langen Jahren der Trennung begegnete ich also jener verhaßten Persönlichkeit noch einmal. Alle die früheren Gefühle des Schmerzes und der Kränkung erwachten aufs neue in mir mit einer Heftigkeit, die meinen früheren Zorn im irdischen Leben um das Zehnfache überstieg. Denn ein Geist besitzt die Eigenschaft, weit mehr entbehren oder genießen zu können, weit mehr sich zu freuen oder zu leiden, zu lieben oder zu hassen als jemand, dessen Sinne noch stumpf und durch die irdische Hülle verschleiert sind. Die Empfindungsfähigkeit aller Sinnesorgane ist bei uns Geistern um das Vielfache erhöht.

Beim Anblick dieser Person erwachte also mein lange unterdrücktes Rachegefühl von neuem, und mit ihm drängte sich mir ein teuflischer Plan zu dessen Befriedigung auf. Meine Radiegelüste zogen aus den Winkeln des tiefsten Abgrunds Geister von solcher Schwärze, von solch schrecklicher Art an mich heran, wie ich sie nie zuvor gesehen oder auch nur erträumt hatte: Geschöpfe, deren Existenz ich ohne weiteres geleugnet und in das Reich der Fabel verwiesen hätte. - Diese Wesen können weder auf der Erde noch in den niedrigeren Sphären, welche erstere umgeben, ihr Dasein fristen. Es sei denn, daß ein Mensch durch seine falsche Geistesrichtung eine gewisse Affinität zu ihnen entwickelt und hierdurch eine starke magnetische Anziehung entsteht, durch die sie für einige Zeit auf der Erde festgehalten werden. Werden sie auch oft durch heftige böse Wünsche seitens eines Sterblichen oder erdgebundenen Geistes angezogen, so können sie doch nicht lange in der Erdsphäre verweilen. In dem Augenblick, wo die anziehende Kraft schwächer wird, verlieren sie gleich einem zerreißenden Seil ihren Halt und sinken in ihre dunklen Wohnplätze zurück.

In Zeiten großer allgemeiner Unzufriedenheit und Empörung - wie im Falle einer Revolution, wo die Leidenschaften im unterdrückten Volke die Oberhand gewinnen - wird durch den Haß und Rachedurst der Unterdrückten eine ganze Wolke solcher dunkler Wesen angezogen. Schreckenszustände, wie man sie während großer Revolutionen und bei anderen Erhebungen geknechteter Völker beobachtet hat, müssen entstehen, da die wütende Masse von diesen wahrhaften teuflischen Geistern zeitweise völlig beherrscht wird.
In meinem Falle drängten sich diese schrecklichen Wesen mit freundlicher Miene an mich heran, zischelten mir in die Ohren und wiesen mir einen Weg zur Befriedigung meiner Rache. So einfach und doch so furchtbar, so entsetzlich in seiner Verruchtheit, daß ich es nicht wage, ihn niederzuschreiben. Denn der Gedanke könnte im Kopfe irgend eines Verzweifelten festen Fuß fassen und gleich dem Samen, der auf fruchtbaren Boden fällt, seine verderblichen Blüten treiben.

Zu jeder anderen Zeit hätte ich mich mit Abscheu von diesen Wesen und ihren schrecklichen Versuchungen abgewandt. Doch jetzt, in meiner wahnsinnigen Leidenschaft, waren sie mir willkommen. Gerade wollte ich ihre Hilfe zur Ausführung meiner Rache anrufen, als gleich dem Klang einer Silberglocke die Stimme meines Lieblings an mein Ohr schlug. Jene Stimme, für deren Mahnungen ich niemals taub war und deren Laute mich wie nichts anderes rührten. Bei allem, was uns heilig war, bei all den Gelübden, welche wir ausgetauscht, beschwor mich mein Lieb, zu ihr zu kommen. Zwar konnte ich den Gedanken an meine Rache nicht sofort aufgeben, doch wurde ich bald wie an einem Seile von dem einen, den ich haßte, weg- und zu der andern, die ich liebte, hingezogen. Die ganze wilde Bande von schwarzen Teufeln hing sich an mich und versuchte, mich zurückzuhalten. Ihre Kraft wurde jedoch immer schwächer, je mehr die Stimme der Liebe, Reinheit und Wahrheit mein Herz durchdrang.

Ich fand meine Geliebte in ihrem Zimmer, die Arme erhoben, um mich zu sich heranzuziehen, und ihr zur Seite bemerkte ich zwei mächtige, strahlende Schutzgeister. Um sie herum war ein Kreis von flammendem Silberlichte gezogen, so daß es aussah, als ob sie von einem blitzenden Sdmtzwall umgeben wäre. Auf ihre Aufforderung durchschritt ich den Wall und befand mich an ihrer Seite. Die schwarze Schar versuchte mir zu folgen, wurde aber durch den Flammenring zurückgehalten. Nur einer der Verwegensten drängte sich an mich heran im Augenblick, als ich den Schutzwall erreicht hatte, und wollte mich fassen. Da wurden seine Hand und sein Arm von der leuchtenden Flamme ergriffen und schrumpften zusammen, als ob sie in einen Schmelzofen gesteckt worden wären. Einen Schmerzensschrei ausstoßend ging der schwarze Geselle unter dem wilden Geheul und Hohngelächter der übrigen wütend davon.

Mit der ganzen Kraft ihrer Liebe ermahnte mich nun mein Liebling, jenen schrecklichen Plan aufzugeben und nie wieder solch niedrigen Gedanken Raum zu geben. Sie fragte mich, ob mir an der Befriedigung meiner Rache denn mehr gelegen sei als an ihr, und ob ich die schreckliche Schuld eines vorsätzlichen Verbrechens als unüberwindliche Schranke zwischen uns errichten wolle. Ihre Liebe habe nach allem, was geschehen, doch wohl etwas mehr Rücksicht verdient.

Anfangs wollte ich nicht nachgeben. Aber schließlich begann sie zu weinen, und ihre heißen Tränen, die mir wie Feuer in der Seele brannten, schmolzen die eisige Kälte meines harten Sinnes hinweg und erwärmten mein Gemüt. In Seelenqual darüber, daß ich die Ursache ihrer Tränen war, sank ich ihr zu Füßen und betete, daß mir meine gottlose Gesinnung vergeben werden möche. Und daß mir ihre Liebe zu meinem Trost und Beistand erhalten bleibe und es mir gestattet sei, bei ihr, meiner einzigen Hoffnung, meinem Alles auch fernerhin zu verweilen. Und siehe, während meines Gebets zerstob die Schar von schwarzen Geistern, die mich mit List und Gewalt zu sich herauszuziehen versucht hatte, wie eine dunkle Nebelwolke, wenn der Wind sie hinwegfegt. Die Geister kehrten in ihr eigenes Reich zurück, während ich selbst erschöpft vor den Füßen meines Lieblings zusammenbrach.

Später bemerkte ich noch öfters, wie diese schwarzen Gesellen sich an mich heranzudrängen suchten, doch konnten sie mir niemals wieder so nahe kommen, da ich durch meine Liebe gegen ihre Angriffe geschützt war.

IX

Ich erhielt jetzt den Auftrag, ein Land zu besuchen, dessen Existenz in der geistigen Welt seltsam erscheinen mag. Es war das Eis- und Schneeland - das "Frost-Land", in dem alle die lebten, welche auf Erden kalt und selbstsüchtig berechnend waren. Sie hatten in sich und anderen gegenüber alle jene warmen Regungen und zarten Gefühle, die das Leben von Herz und Seele ausmachen, ersterben, erstarren und erkalten lassen. Das Liebegefühl war bei ihnen so ertötet, daß die lebenspendende Wärme der Sonne in ihrer Gegenwart nicht wirken konnte und alles Leben erloschen schien.

Große Staatsmänner sah ich unter den Bewohnern dieses Landes, welche ihr Volk nicht geliebt hatten, noch auf dessen Wohl bedacht gewesen waren. Nur die Befriedigung ihres Ehrgeizes und ihre eigene Verherrlichung hatten sie gesucht. Nun schienen sie in großen Eispalästen auf den stolzen kalten Höhen ihrer eigenen Bestrebungen zu wohnen. Auch andere, die auf weniger hohen Pfaden des Lebens gewandelt waren, bemerkte ich. Aber auch sie waren in gleicher Weise erstarrt und erfroren in der schrecklichen Kälte und Unfruchtbarkeit eines Lebens, aus dem alle Wärme, alles Gefühl gewichen war. Hatte ich früher die Übel kennengelernt, welche infolge eines Übermaßes von Erregung und Gefühl entstanden waren, so bemerkte ich jetzt die bösen Folgen eines gänzlichen Mangels dieser Eigenschaften. Dieses Land hatte gottlob weit weniger Bewohner als das andere. Denn so schrecklich die Wirkungen einer mißlichen Leidenschaft auch sein mögen, sind sie doch nicht so schwer zu überwinden als jene, die sich infolge Fehlens aller zarteren Triebe des Menschenherzens eingestellt haben.

Hier befanden sich auch einzelne Männer, die auf Erden hervorragende Vertreter der religiösen Bekenntnisse verschiedener Nationen waren. Römisch-katholische Kardinäle und Priester von strenger und frommer, aber kalter und selbstsüchtiger Lebensführung; puritanische Prediger, methodistische und presbyterianische Geistliche; Bischöfe und Kleriker der englischen Kirche; Missionare, Brahminen, Parsen, Ägypter, Mohammedaner - kurz alle religiösen Richtungen waren im "kalten Lande" zu finden. Kaum einer seiner Bewohner hatte genügend Gefühlswärme in sich, um das Eis um sich herum auch nur in geringerem Maße zu schmelzen. Sobald jedoch ein kleiner warmer Tropfen, eine Träne des Kummers floß, begann das Eis zu tauen und die betreffende arme Seele hatte dann Hoffnung, einmal aus diesem kalten Lande herauszukommen.

Hier traf ich einen Mann an, der in einem Eiskäfig eingeschlossen zu sein schien. Die Stäbe des Käfigs waren zwar auch von Eis, aber von solcher Härte, als ob sie aus poliertem Stahl beständen. Dieser Mann verwaltete einst das Amt des Großinquisitors beim Ketzergericht in Venedig. Er war einer von denen, deren Namen allein schon genügten, um den Unglücklichen, die in ihre Hände fielen, Schrecken einzujagen. Eine berühmte geschichtliche Persönlichkeit, aber in seinen Lebensbeschreibungen finden wir nicht die geringste Andeutung, daß je bei Ausübung seines Amtes oder im privaten Leben ein Schatten von Mitleid für seine Opfer das Herz dieses Mannes gerührt hätte. Nichts konnte ihn in seinem Entschluß, die Unglücklichen, welche in die Gewalt der Inquisition gerieten, zu martern und zu töten, auch nur einen Augenblick wankend machen.

Er war ein Mensch, der durch sein ernstes und strenges Leben bekannt war und keinerlei Nachsicht hatte, weder mit sich selbst noch mit anderen. Kalt und mitleidlos, war ihm jedes Mitgefühl für die Leiden anderer fremd. Sein Antlitz hatte das charakteristische Aussehen kalter unbeweglicher Grausamkeit: lange, schmale und hohe Nase, vorstehendes, spitzes Kinn, hohe und breite Backenknochen, dünne und schmale Lippen gleich einer geraden Linie quer über das Gesicht. Der Schädel etwas flach und breit über den Ohren, während die tief liegenden, durchdringenden Augen mit dem kalten stählernen Glanze eines Raubtiers unter den vorstehenden Brauen hervorfunkelten.

Ich sah die Phantome von vielen Opfern dieses Mannes wie in einer Prozession hinter ihm einhergleiten. Zerschunden und verstümmelt, zerfleischt und blutig infolge der ausgestandenen Martern - bleiche Gespenster, wandernde Astralbilder, aus denen die Seelen für immer geschieden waren. Schatten, welche aber diesem Manne noch anhingen und sich so lange nicht in ihre Elemente auflösen konnten, als sein Magnetismus sie wie an einer Kette nach sich zog. Die Seele und ihre höheren Elemente hatte diese Gebilde - wirkliche Astralhüllen - für immer verlassen. Dennoch besaßen sie noch einen gewissen Grad von Vitalität, die aber nicht von den befreiten Geistern stammte, die sie einst bewohnt hatten, sondern allein diesem Manne entzogen wurde. Es waren Gespenster, wie man sie an Orten spuken sehen kann, wo jemand, der zu gut und unschuldig war, um an die Erde gebunden zu bleiben, ermordet wurde. Ihre Mörder und andere halten sie für lebend und glauben, daß sie von ihnen heimgesucht würden. Doch ist das Leben solcher Astralschatten (oder Gespenster) nur ein reflektiertes und erstirbt, sobald genügend Reue und Sühne vorhanden sind, um das Band zu trennen, das sie an ihre Mörder kettet.

Auch bemerkte ich, daß andere Geister den hilflosen Mann umschwärmten und ihn wegen ihrer früheren Leiden quälten. Diese waren jedoch von ganz anderer Art. Ihre Erscheinung war stofflicher, und sie besaßen eine Kraft, Stärke und Intelligenz, wie sie bei jenen anderen nebligen Schatten nicht vorhanden waren. Es waren Geister, deren astrale Hüllen die unsterbliche Seele noch gefesselt hielten, da sie so gemartert worden waren, daß nur der grimme Wunsch nach Rache in ihnen weiterlebte.

Diese Geister bemühten sich unablässig, an ihren einstigen Bedrücker heranzukommen, so daß nur der Eiskäfig, in dem sich der Mann befand, ihm als eine Schutzwehr gegen seine Feinde, aber auch zum Gefängnis für ihn selber diente. Einer, der geschickter war als die übrigen, hatte sich eine lange, scharfgespitzte Stange gemacht, die er zwischen den Stäben des Käfigs hindurchstieß, um den Mann darin zu stacheln. Letzterer entwickelte eine staunenerregende Behendigkeit, um der scharfen Spitze zu entgehen. Andere hatten kurze, spitze Wurfspieße, die sie durch die Stäbe nach ihm warfen. Wieder andere bespritzten ihn mit schmutzigem Schlammwasser, und manchmal vereinigte sich der ganze Haufen zu einem gemeinsamen Angriff, um die schützenden Stäbe zu durchbrechen. Das gelang ihnen aber nicht. Der Gefangene, den lange Erfahrung die Unverletzlichkeit seines Käfigs gelehrt hatte, verspottete sie in kühler, überlegener Ruhe wegen ihrer fruchtlosen Bemühungen.

Auf meine geistig gestellte Frage, ob dieser Mann wohl jemals wieder frei würde, empfing ich von jenem erhabenen Geiste Antwort, dessen Stimme nur selten zu mir gesprochen hatte, seit ich sie zum erstenmal an meinem Grabe vernahm. Wie bei verschiedenen Anlässen, wo ich um Hilfe oder Rat gebeten hatte, rief er mich auch jetzt aus der Ferne an. Seine Stimme erschallte so laut wie bei den Propheten des Alten Testaments, wenn sie glaubten, der Herr spreche im Donner zu ihnen. In vollen, tiefen Tönen traf diese Stimme mein Ohr, doch weder der gefangene Geist, noch die, welche ihn umschwärmten, vermochten sie zu vernehmen. Ihre Ohren waren zu taub, um hören, und ihre Augen zu blind, um sehen zu können.

Die Stimme sprach zu mir, "Mein Sohn, behalte die Gedanken dieses Mannes einen kurzen Augenblick im Auge und siehe, welchen Gebrauch er von der Freiheit machen würde, so er frei wäre."
Da erkannte ich die Gesinnung dieses Mannes, indem mir seine Gedanken wie in einem Spiegel vor Augen traten. Zuerst kam ihm die Idee, daß er frei werden könne und sich dann die Rückkehr zum Erdenplane erzwingen wolle. Daselbst hoffte er, einige gleichgesinnte Sterbliche zu finden, mit deren Hilfe es ihm möglich wäre, der Menschheit ein noch schwereres Joch aufzuerlegen: eine noch grausamere Schreckensherrschaft, eine noch erbarmungslosere Inquisition, die seinen unterdrückten Opfern den letzten Rest von Freiheit rauben sollte. Er wußte, daß er jetzt eine weit größere Macht als einst auf Erden zu entfalten vermochte mit einem Körper, der von allen irdischen Fesseln frei war. Seine Absicht war, verwandte Geister als Mitarbeiter um sich zu versammeln, deren Seelen ebenso kalt und grausam waren wie die seinige.

Er schien in diese neuen Unternehmungen sehr vertieft zu sein. Der Gedanke, daß er gegen das Wehgeschrei, das Stöhnen und Bitten der Opfer, die er zu Tode martern ließ, stets unbeweglich geblieben war, erfüllte ihn mit Genugtuung. Zur Befriedigung seiner Herrschsucht hatte er gewirkt, und die Vergrößerung seines Ordens mußte ihm als Vorwand zu seinen grausamen Handlungen dienen. Niemals war in seinem harten Gemüt ein Funke von Mitleid oder Reue aufgetaucht.

Einen solchen Mann zu befreien und ihn zur Erde zurückkehren zu lassen, wäre eine Quelle weit größerer Gefahr, als wenn man das wildeste Raubtier losließe, da er in der Betätigung seiner Kräfte weit weniger beschränkt wäre. Er wußte nicht, daß seine gepriesene Inquisition, deren todbringende Gewaltherrschaft er noch zu vermehren trachtete, bereits der Vergangenheit angehörte. Und daß sie durch eine Macht, die stärker war als die ihrige, von Gottes Erdboden hinweggefegt worden war. Mit dem schrecklichen Zeitalter, in dem sie sich wie ein giftiges Gewächs entfaltet hatte, war sie verschwunden, um nie wiederzukehren, nie wieder die Menschheit durch Verbrechen zu schänden, die im Namen dessen verübt wurden, der auf die Erde kam, um Liebe und Friede zu predigen. Aber die Wunden, welche die Inquisition geschlagen, sind noch nicht ganz vernarbt. Ihre Folgen lasten noch immer auf den Menschenseelen, die weder an Gott noch an Unsterblichkeit zu glauben vermögen. Und viele Jahre werden noch vergehen, bis das Gute, Reine und Wahre wieder zur Macht kommen wird und die Menschen zum Glauben an einen Gott der Liebe zurückgeführt werden.

Erkältet und betrübt schied ich von diesem "Frostigen Lande." Ich hatte keine Lust, weitere Geheimnisse darin zu erforschen, obwohl es nicht ausgeschlossen ist, daß ich es später noch einmal besuche. In diesem Lande gab es nichts für mich zu tun und niemanden, den ich verstand. Seine Bewohner machten mich nur erschaudern und beunruhigten mich, während ihnen mein Tun von keinerlei Nutzen sein konnte.

Auf meinem Rückweg vom "Frostigen Land" nach dem "Zwielichtland" bekam ich eine Anzahl ungeheurer Höhlen zu Gesicht, welche die "Schlummerhöhlen" genannt werden. In diesen lag eine große Menge Geister im Zustande völliger Betäubung, vollständig unbewußt dessen, was um sie herum vorging. Ich erfuhr, daß diese Geister ihr irdisches Leben durch Genuß und Rauchen von Opium selbst verkürzt und sich aller Entwicklungsmöglichkeit auf diese Weise beraubt hatten. Anstatt in ihrer Entwicklung vorwärts zu schreiten, konnte man das Gegenteil bei ihnen beobachten. Gleich einem Gliede, welches bei Nichtgebrauch verkümmert, waren sie schwach geworden und zurückgeblieben. Sie waren hilfloser wie ein ungeborenes Kind und gleich diesem unfähig zu einem selbständigen und selbstbewußten Leben.

In manchem Falle dauert der Schlaf dieser Geister jahrhundertelang. In anderen, wo das Verlangen nach dem Gifte in geringerem Maße befriedigt worden war, mag er zwanzig, fünfzig oder hundert Jahre währen. Diese Geister lebten - das war alles. Ihre Sinne waren nicht viel mehr entwickelt als die eines Schwammgewächses, das ohne einen Funken von Intelligenz vegetiert. Doch in ihnen allen lag noch der unsterbliche Seelenkeim, der gleich dem in die Umhüllung einer ägyptisdien Mumie eingeschlossenen Saatkorn lebensfähig bleibt und aufgeht, sobald er in günstige Keimverhältnisse gebracht wird.

Diese Höhlen, in welche gütige Geisterhände die Ärmsten niedergelegt hatten, waren von lebenspendendem Magnetismus erfüllt. Eine Anzahl anwesender Geister, die im irdischen Leben selbst einen ähnlichen Zustand von Opiumvergiftung durchgemacht hatten, waren damit beschäftigt, Lebenskräfte auf diese betäubten geistigen Körper zu übertragen, die wie tot in Reihen auf dem Boden lagen.
Ganz allmählich und im Verhältnis, wie die betreffenden Geister von dem Gifte, das sie im Erdenleben genommen hatten, angegriffen waren, erwachen diese unglücklichen Wesen zum Bewußtsein und zu all den Leiden, die der Morphiumsüchtige erduldet, wenn er das tödliche Gift entbehren muß. In langen Zwischenpausen erwacht bei diesen armen Geschöpfen ein Sinn nach dem anderen, bis sie endlich so weit sind, daß sie wie schwache, kranke Kinder Unterricht empfangen können. Man bringt sie dann in Anstalten, die mit den Asylen für Schwachsinnige auf Erden Ähnlichkeit haben. Dort wird ihr erwachendes Bewußtsein erzogen und in seiner Entwicklung gefördert, bis die Fähigkeiten wieder erlangt sind, die ihnen im Laufe des irdischen Lebens abhanden gekommen waren.
Solche armen Seelen schreiten nur sehr langsam vorwärts, da sie nun ohne Unterstützung irdischen Lebens die Aufgaben nachholen müssen, das sie letzteres hätte lehren sollen. Anstatt zu lernen, hatten sie gleich den Trunkenbolden (nur in viel höherem Grade) ihr Gehirn und ihre Sinnesorgane geschwächt und waren den Verpflichtungen aus dem Wege gegangen, die das irdische Leben für die Entwicklung des Geistes jedem Erdenbürger auferlegt.

Die Besichtigung der "Schlummerhöhlen" betrübte mich unaussprechlich. Besonders trug hierzu der Gedanke bei, daß diese unglücklichen Schläfer sich so gar nicht des Wertes der langen Zeit bewußt waren, die sie durch ihren traum- und hoffnungslosen Todesschlaf verloren. Es erging diesen armen Seelen wie dem Hasen in der Fabel. Während sie schliefen, wurden sie von anderen, die weniger befähigt waren als sie, überholt und mußten sich nun während langer Zeit vergebens bemühen, den Verlust wieder einzubringen.

Wenn diese Schläfer endlich wieder erwachen, was für ein Los harret da ihrer! Welch langen Weg müssen sie da zurücklegen, um jene Höhe wieder zu erreichen, von der sie im irdischen Leben gefallen waren! Muß nicht Entsetzen unsere Seele ergreifen, daß es auf der Erde Menschen gibt, welche vom Verkauf des Opiums leben und Reichtümer damit erwerben? Aus dem Handel mit einem Gift, welches viel mehr noch die Seele als den Körper zu zerstören scheint, - und zwar in so hohem Grade, daß man sich verzweifelt fragen muß, ob für seine Opfer denn überhaupt noch Hoffnung vorhanden ist.

Diese furchtbaren Höhlen, diese Entsetzen einflößenden, bewußtlosen Geister! Können Worte ein Schicksal ausmalen, das grauenhafter wäre als das ihrige? Ein schließliches Erwachen mit dem Intellekt eines Idioten, ein jahrhundertelanges allmähliches Wachstum, um endlich wieder in den Besitz von den geistigen Kräften eines Kindes zu gelangen. Und es bedarf der Zeit von vielen Generationen, um das zu lernen, was sie der Zeitraum eines Erdenlebens hätte lehren können. Ich habe sagen hören, daß viele von diesen unglücklichen Wesen, sobald sie die Entwicklungsstufe eines Kindes erreicht haben, auf die Erde zurückgesandt werden, um dort nochmals in einem irdischen Körper die Vorteile genießen zu können, von denen sie früher einen so schlechten Gebrauch gemacht hatten. Jedoch habe ich hiervon nur durch Hörensagen Kenntnis und bin deshalb nicht in der Lage, es als eine Wahrheit zu behaupten. Ich würde mich sehr freuen, wenn es für diese Unglücklichen eine solche Möglichkeit gäbe, durch die sie ihren Entwicklungsprozeß abkürzen und das wiedergewinnen könnten, was sie früher auf Erden verloren hatten.

X

Wieder zum Zwielichtlande zurückgekehrt, nahm ich für einige Zeit Aufenthalt in meinem Heim. Mit großem Eifer war ich jetzt bemüht, mich selbst und die Kräfte, die in mir waren, immer besser verstehen zu lernen und die Erfahrungen auf meinen Wanderungen zu verwerten. Der Lehrer, welcher mich nun unterrichtete, glich in mancher Hinsicht mir selbst. Er hatte auf Erden ein Leben ähnlich dem meinigen geführt und war durch die niederen Sphären aufgestiegen, so wie ich es gegenwärtig tat. Sein Wohnsitz befand sich in einem herrlichen Lande voll Sonnenschein. Von dort kam er, um die Mitglieder unserer Brüderschaft, die gleich mir seine Schüler waren, zu unterrichten und ihnen zu weiterem Fortschritt behilflich zu sein.

Außerdem hatte ich noch einen anderen Lehrer oder Führer. Ich bekam ihn nur hier und da zu Gesicht, der aber einen weit größeren Einfluß auf mich ausübte und mich mit vielen merkwürdigen Dingen bekannt machte. Da er jedoch einer viel höheren Sphäre angehörte als der andere, war ich nur selten imstande, seine Gestalt wahrzunehmen. Seine Mitteilungen empfing ich meistens auf dem Wege der Gedankenübertragung oder in Form von inspirierten Unterredungen, indem meine geistig gestellten Fragen in derselben Weise beantwortet wurden. Da ich von diesem Geiste zur Zeit meines Aufenthaltes im Zwielichtlande nur eine ganz vage Vorstellung hatte, sehe ich davon ab, ihn jetzt schon näher zu beschreiben. Nachdem ich mich zu einer reineren Sphäre aufgeschwungen hatte, war er meinem Auge deutlich sichtbar.

Obgleich mir sein Anblick damals fast gänzlich entzogen war, wurde ich mir seiner Gegenwart und Hilfe doch häufig bewußt. Als ich später erfuhr, daß er während meines Erdenlebens mein Schutzgeist gewesen war, konnte ich manche Einfälle sowie einen Teil meines höheren Strebens leicht auf seinen Einfluß zurückführen. Es war auch seine Stimme gewesen, die oft zu mir gesprochen, um mich zu warnen oder zu ermutigen, als ich beim Eintritt in die geistige Welt in meinem damaligen schrecklichen Zustande fast zusammenbrach. In den Tagen der Finsternis bemerkte ich ihn kaum, wenn er in meiner kleinen Zelle ein- und ausging und meine schrecklichen Leiden durch seinen Magnetismus und seine wunderbare Heilkraft linderte.

So oft ich von meinem Besuche der dunkleren Sphären zum Zwielichtlande zurückkehrte, hatte ich das Gefühl, als ob ich heimkäme. Denn so kahl und ärmlich mein Zimmer war, enthielt es doch alle meine Schätze: den Gemäldespiegel, in welchem ich meine Geliebte sehen konnte, die Rose und den Brief, den sie mir einst gesandt. Außerdem hatte ich daselbst Freunde, meine Leidensgefährten. Und wenn wir auch in der Regel allein waren und über unsere früheren Fehler und ihre Folgen nachdachten, so war es ein um so größeres Vergnügen für uns, wenn bei uns ein Freund zu Besuch erschien. Denn wir alle, die wir durch unser Verhalten im irdischen Leben Unehre auf uns gehäuft hatten und nun den rechten Weg suchten, befanden uns in ähnlicher Lage. Dies allein war schon ein Grund zu gegenseitiger Sympathie.

Könnte ich euch unser Leben richtig schildern, würde es euch sehr seltsam erscheinen. Es war einem irdischen Leben ähnlich und doch auch wieder unähnlich. So oft wir uns z. B. hungrig fühlten, nahmen wir eine einfache Mahlzeit ein, die man für uns - ich möchte sagen auf magische Weise - bereitete. Oft aber dachten wir eine Woche lang an keine Nahrung, es sei denn, daß der eine oder andere von uns, der auf Erden Freund eines guten Tisches gewesen war, daran gemahnte. In diesem Falle trat der Wunsch nach Befriedigung des Hungers häufiger und lästiger auf. Was mich anbelangt, so waren meine Gelüste in dieser Beziehung stets mäßig gewesen, und weder Essen noch Trinken an sich hatten eine besondere Anziehung auf mich ausgeübt.

Stets waren wir von einem Zwielicht umflossen; nie wechselten dunkle Nacht und heller Tag miteinander ab. Diese Einförmigkeit war ganz besonders für mich, der Licht und Sonne wie ein lebenspendendes Bad empfand, sehr ermüdend, denn auf Erden lebte ich in einem Lande voll Sonnenschein und Blütenpracht.
Geradeso wie ihr verließen auch wir häufig das Haus und ergingen uns in der Umgebung. Zwar konnten wir, wenn wir wollten, auch ein wenig fliegen, aber nicht so gut wie die weiter vorgeschrittenen Geister. Hatten wir aber die Absicht, rasch irgendwohin zu gelangen, so schien unser Wille uns fast mit Gedankenschnelle dahin zu bringen.

Was den Schlaf betrifft, so konnten wir eine lange Zeit zubringen, ohne dessen Bedürfnis zu fühlen. Dann wieder lagen wir und schliefen wochenlang ununterbrochen, zuweilen halbbewußt dessen, was um uns vor sich ging, dann wieder in voller Bewußtlosigkeit.
Eine merkwürdige Sache war es mit unserer Kleidung, welche sich gar nicht abzunutzen schien und sich auf eine geheimnisvolle Weise selbst erneuerte. Während meiner ganzen Wanderungen und meines Aufenthaltes in diesem Hause, war sie von sehr dunkler blauer Farbe, mit einem gelben Gürtel um die Hüften und einem in den linken Ärmel eingewirkten gelben Anker, unter dem die Worte "Hoffnung währet ewiglich" standen. Die eng anschließenden Unterkleider waren von derselben dunklen Farbe. Die Oberröcke waren lang, wie man sie bei büßenden Brüderschaften oder Mönchen auf Erden sehen kann. Von den Schultern herab hingen Kapuzen, derer wir uns bedienen konnten, wenn wir Kopf und Gesicht vor dem Anblick anderer schützen wollten. Oft kam es vor, daß wir dies zu tun wünschten, denn Leiden und Gewissensbisse hatten häufig eine solche Veränderung an uns hervorgebracht, daß wir froh waren, unser Antlitz vor denen verhüllen zu können, die wir liebten. Die hohlen Augen, die eingefallenen Wangen, die verwüsteten und gebeugten Körperformen, die tiefen Leidenslinien, welche jedes Antlitz durchfurchten, sprachen nur allzu deutlich. Leicht verständlich, daß wir vor lieben Freunden auf Erden und im Geisterlande, die sich noch um unseren Verlust grämten, unsere entstellten Körperformen und Gesichter manchmal zu verbergen suchten.

Unser Leben hatte bei der Regelmäßigkeit, mit welcher Studium und Unterricht wie ein Uhrwerk abliefen, etwas Monotones an sich. Den Fortschritt eines jeden Geistes rechnete man nicht nach der Zeit, nach Tagen oder Wochen, sondern nach gewissen Entwicklungsstufen, die er je nach seiner geistigen Begabung in längerer oder kürzerer Frist erreichte. Hatte er eine Aufgabe erfüllt, so war er für eine höhere Klasse in der besonderen Richtung seines Studiums reif geworden.

Bei vielen dauert es eine sehr lange Zeit, bis sie die Bedeutung der ihnen zugewiesenen Aufgabe erfassen können. In solchem Falle wird der Geist keineswegs zur Eile gedrängt, wie bei der Erziehungsmethode auf Erden, wo die Zeit zum Lernen allzu kurz erscheint. Als Geist hat ein Mensch die ganze Ewigkeit vor sich und kann stehen bleiben oder weitergehen, wie es ihm beliebt. Er kann Halt machen, wo er sich gerade befindet und so lange stehen bleiben, bis ihm durch Nachdenken klar geworden, was er tun muß. Dann erst wird er reif für die nächste Stufe. Niemand ist da, der einen Geist weiter treiben würde, als er selbst gehen will. Niemand tritt ihm entgegen, wenn er in unentwickeltem Zustande weiterzuleben wünscht, solange er die Freiheit anderer achtet und sich mit dem einfachen Gesetz im Einklang befindet, das jene große Brüderschaft regiert: dem Gesetz der Freiheit und Liebe für alle.

Keiner von uns wurde zum Lernen gedrängt, keiner davon zurückgehalten. Alles geschah aus freiem Willen; und wenn, wie es oft geschah, jemand diesen Ort zu verlassen wünschte, so konnte er gehen wohin er wollte und zurückkehren, wann es ihm beliebte. Die Tore waren niemandem verschlossen, weder dem Gehenden noch dem Kommenden. Und keiner tadelte den anderen wegen seiner Fehler oder Mängel, denn jeder fühlte seine eigene große Schuld.

Wie ich erfuhr, sind einige jahrelang hier geblieben, da die ihnen gestellten Aufgaben schwer erschienen und nur langsam von ihnen bewältigt werden konnten. Andere wieder hatten sich hinwegbegeben und waren so oft zur Lebensweise des Erdenplanes zurückgekehrt, daß sie schließlich in die niederste geistige Sphäre herabsanken und sich im "Hause der Hoffnung", in welchem ich selbst gewesen war, einer Reinigungskur unterziehen mußten. Zwar waren diese Geister zurückgekommen, aber das war in Wirklichkeit kein Rückschritt, sondern nur eine ihnen notwendige Erfahrung. Denn sie wurden auf diese Weise von dem Wunsche geheilt, die Vergnügungen des Erdenplanes nochmals zu durchkosten. Nur wenige, welche gleich mir einen starken und mächtigen Drang nach vorwärts in sich verspürten, machten rasche Fortschritte und stiegen schneller von Stufe zu Stufe empor. Leider aber gab es nur zu viele, welche aller nur denkbaren Hilfe bedurften, um in ihren Prüfungen aufrecht erhalten und getröstet zu werden.

Ich selbst war gesegnet durch einen Strom von Liebe und Sympathie, welcher mir fortwährend von meiner Geliebten auf Erden zufloß und mich mit seinen Verheißungen kommenden Glücks und endlichen Friedens zu neuen Anstrengungen ermunterte. Es war mein schönes Los, weniger Glücklichen aus dem reichen Schatze meiner eigenen Hoffnungsfreudigkeit mitteilen zu dürfen.

Als es mir möglich wurde, eine längere Zeit auf Erden bei meinem Liebling zuzubringen, während der sie sich meiner Gegenwart vollkommen bewußt wurde, da eröffnete sich mir eine Quelle neuer Freude. Bei allen meinen Wanderungen hatte ich noch so viel Zeit, um zur Erde zu gehen und nach ihr zu sehen. Obwohl ich für sie noch fast gänzlich unsichtbar war, war sie jetzt doch imstande, meine Anwesenheit zu bemerken und den Druck meiner Hand zu empfinden. Wir saßen dann wieder Seite an Seite nebeneinander wie einst in den vergangenen Erdentagen. Sie sprach zu mir und vermochte meine Antwort ziemlich gut zu verstehen. Sogar meine Gestalt konnte sie - wenn auch undeutlich - zuweilen erkennen. Was war es doch für eine merkwürdige Sache: dieser feierliche Ernst und diese traute Lieblichkeit, die über dem Verkehr zwischen der Lebenden und dem Toten walteten!

Wenn ich zu ihr kam, das Herz voll Qual und bitterer Reue über das Vergangene, da war es die Gewißheit, daß sie mich trotz allem liebte, die mein Gemüt besänftigte und mir neuen Mut gab weiterzukämpfen. Aus der Trostlosigkeit unseres Lebens erwuchs uns in jenen seltsamen Zusammenkünften Glaube und ein Vertrauen auf die Zukunft, wie es keine Worte zu schildern vermögen. Ich beobachtete, wie sie ihre Fähigkeiten entwickelte, die wahrhaft wunderbaren Gaben, die sie besaß und die so lange brach gelegen hatten, zu gebrauchen, während sie selbst hocherfreut war zu sehen, wie der Schleier, der mich von ihr trennte, immer mehr gelüftet wurde.

In der geistigen Welt gibt es viele einsame Seelen, die auf die Erde zurückkehren und kundtun möchen, daß sie noch leben, noch an ihre Hinterbliebenen denken. Die noch an deren Kämpfen Anteil nehmen und fähig sind wie früher vielleicht sogar noch besser - zu raten und zu helfen, wenn sie nicht durch die Schranken des Fleisches davon abgehalten würden. Ich habe überaus viele Geister gesehen, die noch am Erdenplane hingen, obgleich sie sich in einer reineren Sphäre hätten aufhalten können. Wegen ihrer Lieben, die sie in den Versuchungen der Erde und in tiefster Trauer um ihren Tod zurückgelassen hatten, verzichteten sie aber hierauf - immer in der Erwartung einer Gelegenheit, die es ihnen ermöglichen würde, den geliebten Sterblichen von ihrem Dasein und ihrer treuen Liebe Kunde zu geben. Könnten solche Geister mit ihren Angehörigen in Verbindung treten - wie es auf Erden Freunde tun, wenn einer von ihnen nach einem entfernten Lande gehen und den anderen zurücklassen muß - fürwahr, es gäbe keine so hoffnungslose Trauer, wie ich sie so häufig beobachtet habe. Wenn auch die Zeit und liebreiche Engel den Gram der meisten Sterblichen lindern: wäre es nicht ein glücklicherer Zustand für beide Teile, für die Menschen wie für die Geister, könnten sie noch wie ehemals bewußten Verkehr miteinander pflegen?

Ich traf Geister in Sorge und Verzweiflung darüber, daß es ihnen nicht gelang, von ihren Geliebten einen Blick oder Gedanken aufzufangen, der ihnen gezeigt hätte, daß ihre Gegenwart gefühlt und sie verstanden wurden. Sie warfen sich in ihrer Hoffnungslosigkeit vor den Sterblichen nieder und suchten ihre Hände, ihre Kleidung, irgend etwas zu erfassen. Die Geisterhand jedoch war unfähig, die sterbliche zu ergreifen, das irdische Ohr taub für die Stimme des Geistes. Nur ein Gefühl der Trauer und ein starkes Verlangen, den Verstorbenen wiederzusehen, wurde günstigen Falles geweckt, nicht aber auch die bestimmte Empfindung, daß der sogenannte Tote wirklich zugegen war.

Es gibt auf Erden kein solches Gefühl der Verzweiflung, das der Verzweiflung eines Geistes gleichkommt, wenn ihm zum erstenmal mit voller Wucht die Bedeutung der Schranke zum Bewußtsein kommt, die der Tod zwischen ihm und der Welt der Sterblichen errichtet hat. Ist es da zu verwundern, wenn auf der geistigen Seite des Lebens von denen, welche die trauernden Seelen aufzurichten suchen, alle Mittel ergriffen werden, um diese Schranken zu beseitigen? Um die Tore weit zu öffnen, damit Menschen und Engel auf Erden miteinander verkehren können wie in den Tagen der grauen Vorzeit, als die Welt noch sehend war.

Gewiß ist in spiritistisdien Kundgebungen so manches Triviale enthalten. Gewiß ist vieles albern, unsinnig, manches gemein und vieles sonderbar; ebensowenig wird bestritten, daß es innerhalb der Bewegung betrügerische Medien, leichtgläubige Narren und eingebildete Egoisten gibt. Aber ist das nicht immer der Fall gewesen, wenn neuentdeckte Wahrheiten allgemeine Anerkennung suchten? So plump und unsinnig vieles scheinen mag - sollte man es nicht lieber entschuldigen mit Rücksicht auf die Tatsache, daß es Versuche sind, die Tore der Geisteswelt zu öffnen und der sorgenbeladenen Erde das Licht aus ihrer Sphäre zu erschließen? Man kann die falschen und verkehrten Anstrengungen tadeln, aber man suche nach Erfahrung, um sie verbessern zu können. Man unterstütze diejenigen, welche nach höheren Dingen streben, anstatt sie zu verspotten und zu unterdrücken. Und man erkenne ihre Anstrengungen an als das, was sie in Wirklichkeit sind - die Versuche einer unsichtbaren Welt, den Schleier zu lüften, der die geliebten "Toten" unseren Blicken verhüllt.

XI

Zu diesen Zusammenkünften ging ich stets in Begleitung jenes erhabenen Geistes, von dem ich bereits gesprochen habe und dessen Name mir nun bekannt geworden war. Es war Ahrinziman, ein "Führer aus dem Osten". Da ich ihn jetzt deutlicher sehen konnte, will ich ihn hier beschreiben: Ein stattlicher Mann von majestätischem Äußeren, angetan mit weißen, von Gelb umsäumten wallenden Gewändern und einem gelben Gürtel um die Hüften. Seine Haut hatte jene bräunliche Färbung, wie sie für die Orientalen charakteristisch ist. Die Gesichtszüge trugen den Stempel der Offenheit und waren ähnlich denen, welche man bei den Statuen des Apollo findet, wenn auch ihr eigenartiger östlicher Ausdruck sie etwas verschieden vom griechischen Typus erscheinen ließ. Seine Augen waren groß, dunkel, sanft und weich, wie die einer Frau. Doch in ihren Tiefen brannte ein verborgenes Feuer und eine Glut, die zwar von seinem starken Willen beherrscht wurde, seinem Blick und Mienenspiel aber dennoch eine große Wärme und Kraft verlieh. Dieser Gesichtsausdruck verriet mir, wie sehr er in seinem irdischen Leben alle Süßigkeiten einer großen Liebe und alle Leiden eines starken Hasses gekostet haben mochte. Jetzt waren seine Leidenschaften gereinigt von allen irdischen Schlacken und dienten nur noch als Verbindungsglieder zwischen ihm und jenen, die gleich mir mit ihrer niederen Natur noch im Kampfe lagen. Ein kurzer schwarzer Bart bedeckte Wangen und Kinn, und sein schwarzgewelltes langes Haar hing ihm über die Schultern herab. Seine Gestalt, obwohl groß und stark, besaß doch die ganze Geschmeidigkeit und biegsame Grazie der östlichen Rasse. Denn so ausgesprochen ist die Eigenart eines jeden Volkes, daß selbst der Geist noch die Spuren seiner irdischen Nationalität an sich trägt. Obgleich Jahrhunderte vergangen waren, seit Ahrinziman seinen irdischen Körper verlassen hatte, waren doch die Merkmale, welche die östlichen Völker von den westlichen unterscheiden, bei ihm noch nicht verschwunden.

Dieser Geist glich einem irdisch-sterblichen Menschen, und war einem solchen durch den blendenden Glanz seines Körpers und Gesichtes dennoch so unähnlich, daß keine Worte jemals die seltsame Feinheit eines solchen Körpers schildern könnten. Nur wer einen Bewohner der höheren Sphären mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich eine richtige Vorstellung davon machen. Schon während seines irdischen Lebens war Ahrinziman tief in die Geisteswissenschaften eingedrungen. Nach seinem Eintritt in die geistige Welt hatte er dieses Wissen bis zu einem solchen Grade vermehrt, daß es mir schien, als ob seiner Macht keine Grenzen gesetzt wären. Gleich mir von heißem, leidenschaftlichem Temperament, hatte er während der langen Jahre seines geistigen Lebens gelernt, alle seine Leidenschaften zu meistern. Nun stand er auf seiner machtvollen Höhe, von der er immer wieder niederstieg, um ringenden Geistern, die bereit waren, ihre Schwäche zu bekämpfen, Hilfe zu bringen. Ein anderer, der nicht selbst gefallen gewesen war, hätte wohl vergebens zu uns gesprochen. Bei aller Güte und Hilfsbereitschaft besaß er jedoch eine Willenskraft, gegen die man umsonst anzukämpfen suchte, wenn er sie zu gebrauchen für nötig fand.

Ich selbst habe bei mehr als einer Gelegenheit beobachtet, wie er einige der wilden, leidenschaftlichen Wesen, unter denen er wirkte, zur Ruhe brachte, wenn sie im Begriffe standen, sich oder anderen Schaden zuzufügen. Sie wurden von ihm festgebannt und unfähig gemacht, ihre Glieder zu bewegen, obgleich er sie niemals berührte. Nur durch seinen mächtigen Willen, um vieles stärker als der ihrige, wurden sie zeitweise gelähmt und damit unfähig zu jedem Widerstand. Dann erörterte er mit ihnen in gütiger, offener Weise den Gegenstand des Streites und zeigte ihnen mit Hilfe seines wunderbaren Erkennens die volle Tragweite dessen, was ihr Tun für sie selbst und andere zur Folge haben mußte. Danach löste er den Bann und stellte ihnen jetzt, wo sie unterrichtet waren, frei, die beabsichtigte Sünde zu begehen oder nicht. Selten sah ich einen, der nach einer solch ernsten Warnung darauf bestand, seinen eigenen Weg zu gehen. Ich selbst wurde stets für einen sehr willensstarken Menschen gehalten, der nicht leicht von einem gefaßten Entschluß abstand. Aber diesem Geiste gegenüber fühlte ich mich schwach wie ein Kind, und mehr als einmal habe ich mich vor seiner Macht gebeugt.

Hier möchte ich nochmals betonen, daß der Mensch in der geistigen Welt frei ist. Er darf seinen eigenen Neigungen und Begierden folgen, wenn er will und es nicht vorzieht, den guten Rat anzunehmen, den man ihm gibt. Das Maß aber, in dem ein Geist die Rechte anderer verletzen kann, ist bedingt durch den Grad von Gesetz und Ordnung, die in der Sphäre herrschen, zu der er gehört.
In der allerniedrigsten Sphäre, wo kein anderes Gesetz regiert als das Gesetz des Stärksten, kann jeder tun, was ihm beliebt. Man kann jemanden beleidigen oder knechten bis zur äußersten Grenze des Erträglidien, aber ein Stärkerer wird mit diesem ebenso verfahren. Der unfreieste Sklave auf Erden ist weniger unglücklich als jene, die ich in der allerniedersten Sphäre gesehen habe. Dort herrscht kein Gesetz und dort leben nur solche Geister, die jedes Gottes- und Menschengesetz mißachtet haben und nur sich selbst Gesetz waren, indem sie ihre Mitmenschen in schrankenlosester Weise bedrückten und ihnen Übles zufügten.

Ich will diese Sphären kurz beschreiben. Es scheint, daß hier - so stark, grausam und hart ein Geist auch sein mag - sich stets ein anderer findet, der noch stärker, noch grausamer, noch böser und tyrannischer ist, um ihn zu bedrücken. Bis man schießlich bei jenen anlangt, von denen es heißt, daß sie in der Hölle regieren - bei den Königen des Bösen. So geht es weiter, bis zuletzt das Böse in höchster Potenz sich selbst kuriert. Der Bösartigste und Herrschsüchtigste wird sich schließlich nach anderen Zuständen sehnen. Er wird wünschen, die Wirksamkeit irgend eines Gesetzes aufzuhalten oder sonst eine Kraft unter seine Herrschaft zu bringen, die er als höhere ahnt.

Dieses Gefühl ist das erste Verlangen nach einem besseren Leben. Für die Brüder der Hoffnung, die als Helfer in diese dunkeln Sphären ausgesandt werden, bildet es den ersten Angriffspunkt, um einem solchen Geiste den Gedanken einer noch möglichen Besserung einzuprägen. In dem Verhältnis, wie er dann nach aufwärts fortschreitet, findet er auf jeder Stufe der Entwicklungsleiter einen höheren Grad von Gesetz und Ordnung, in die er sich schicken muß, - wie er auch von anderen erwarten darf, daß auch sie sich fügen, wo die Gesetze es erheischen. - Eine vollkommene Beobachtung der höchsten Moralgesetze findet sich nur in den reinsten Sphären. Aber es gibt viele Abstufungen bis dahin, und wer die Rechte anderer achtet, wird die Erfahrung machen, daß auch seine Rechte geachtet werden. Derjenige, welcher die Rechte seines Nachbarn mit Füßen tritt, muß sich von einem Stärkeren als er treten lassen.

In der geistigen Welt ist der Mensch in jeder Hinsicht frei. Er kann fleißig oder träge sein, Gutes oder Böses tun, Segen oder Fluch auf sich herabziehen. So wie er ist, wird sich seine Umgebung gestalten. Die Sphäre, für die er reif ist, wird stets die höchste für ihn sein, bis er durch eigene Anstrengungen würdig geworden ist, Bewohner einer höheren zu werden.

So bedarf das Gute keines Schutzes gegen das Böse in der geistigen Welt. Die Verschiedenheit der Veranlagung selbst errichtet eine unübersteigliche Schranke zwischen ihnen. Die Oberen können zwar, wenn sie es wünschen, stets herabsteigen, um die Tieferstehenden zu besuchen oder ihnen beizustehen. Zwichen ihnen und den niederen Geistern aber ist eine breite Kluft, die letztere nicht zu überschreiten vermögen. Nur auf der Erde und auf anderen Planeten mit materiellem Leben kann eine Vermischung von guten und bösen Einflüssen bei fast gleicher Stärke bestehen. Ich sage, mit fast gleicher Stärke, denn sogar auf der Erde besitzt das Gute die größere Macht - es sei denn, daß der Mensch durch die Hingabe an seine niedere Natur sich dieser Macht selbst entäußere.

In den Tagen des Altertums, als der Mensch in seinem Gemüte noch einfältig war gleich einem Kinde, stand er, ohne es zu wissen, in innigster Verbindung mit der geistigen Welt. Jetzt aber haben sich die Menschen dieser Welt entfremdet und gleichen nun den Matrosen auf einem schwanken Boote, welche diese Verbindung durch Nacht und Nebel wieder suchen: Freundliche Lotsen aus dem Geisterreiche sind bereit, ihnen hierbei Hilfe zu leisten und sie zu jenem strahlenden Lande zu geleiten, von wo sie einen Schatz von Licht und Hoffnung den müden Kämpfern auf der Erde zurückbringen sollen.

XII

Nach ungefähr drei Monaten wurde ich von Ahrinziman aufgefordert, mich auf eine große Veränderung vorzubereiten, die in meinen Verhältnissen vor sich gehen würde. Es handle sich um meinen Übertritt in eine höhere Sphäre.
Ich habe von mehreren Geistlehrern gehört, daß die Sphären in verschiedene Abteilungen zerfallen, doch ist es nicht von allzu großer Bedeutung zu wissen, ob sie alle nach demselben Plane eingeteilt sind oder nicht. Ihre Unterabteilungen gleichen gewissermaßen Ländern, deren Grenzgebiete unmerklich ineinander übergehen. Die Veränderungen bei Land und Leuten drängen sich dem Beobachter auf der Durchreise von selbst auf. Einige werden daher berichten, daß es sieben Sphären gibt, und daß die letzte davon den Himmel bedeutet, von welchem in der Bibel die Rede ist. Andere werden behaupten, daß es zwölf Sphären seien, und wieder andere werden noch größere Zahlen nennen. Jede Sphäre ist indessen gewöhnlich in zwölf Kreise eingeteilt, obwohl auch hier wieder einige Geister anders rechnen, wie ja auf Erden die Normalmaße ebenfalls verschieden sind, während der gemessene Gegenstand stets derselbe bleibt. Ich für meine Person bin gewöhnt, mit sieben Sphären oberhalb der Erde und sieben Sphären innerhalb derselben zu rechnen, indem ich die Ausdrücke "oberhalb" und "innerhalb" zur Bezeichnung der jeweiligen Nähe oder Entfernung von der großen Zentralsonne unseres Sonnensystems gebrauche.

Der der Sonne zunächst befindliche Anziehungspunkt gleichwohl noch innerhalb der Erdsphären - ist als die höchste Grenze des für uns Erreichbaren gedacht, während der am weitesten von ihr entfernte Punkt unsere niederste oder verkommenste Sphäre bezeichnet. Jede Sphäre ist dann wieder in zwölf Kreise eingeteilt, die so innig untereinander verbunden sind, daß man fast unmerklich von einem in den anderen gelangt. Ich hatte seither auf dem sogenannten Erdenplane gelebt, der gleich einem großen, breiten Gürtel die Erde umgibt und ihre Atmosphäre durchdringt. Dieser Erdenplan umfaßt von den sieben Sphären oberhalb und innerhalb der Erde je die erste. Der Ausdruck "Erdenplan" wird gewöhnlich bei der Beschreibung der Wohnorte von Geistern gebraucht, welche noch in höherem oder geringerem Maße "erdgebunden" sind, weil es ihnen nicht möglich ist, tiefer zu sinken, als es die irdischen Anziehungen gestatten, noch sich von diesen Einflüssen ganz zu befreien.

Man sagte mir, daß ich meine physischen Begierden über­wunden und mich von den Anziehungen der Erde so weit befreit habe, um in die zweite Sphäre übergehen zu können. Der Übergang aus dem Kreise einer niederen Sphäre in den einer höheren vollzieht sich meistens, doch nicht immer wäh­rend eines tiefen Schlafes, der genau dem Todesschlaf eines Menschen gleicht, wenn er den irdischen Körper verläßt. Im glei­chen Verhältnis, wie ein Geist vorwärts schreitet und ätheri­scher wird, ist diese Umwandlung von einem entsprechend höheren Grade von Bewußtsein begleitet, bis schließlich das Aufsteigen von einer hohen Sphäre zu einer noch höheren nur noch dem Vertauschen eines Gewandes mit einem etwas feine­ren gleicht, indem eine geistige Hülle abgelegt wird und eine andere, ätherischere zum Vorschein kommt. Auf solche Weise steigt die Seele aufwärts, indem ihre Hülle immer weniger irdisch, immer weniger materiell wird, bis sie über die Gren­zen der Erdsphären hinaus in den Bereich der Sonnensphären gelangt.

Bei der Rückkehr von einem meiner Besuche auf der Erde geschah es, daß mich ein seltsames, ungewohntes Schläfrigkeits­gefühl überkam, welches mehr einer Gehirnlähmung als ge­wöhnlichem Schlafe ähnlich war. Ich zog mich in mein kleines Zimmer im Zwielichtlande zurück, und als ich mich daselbst auf mein Ruhebett geworfen hatte, sank ich sofort in einen traumlosen, todesähnlichen Schlummer.

In diesem bewußtlosen Zustande lag ich ungefähr zwei Wochen nach irdischer Zeitrechnung. Während seiner Dauer verließ meine Seele den entstellten Astralkörper, um gleich einem neugeborenen Kinde in einer schöneren und reineren geistigen Hülle zum Vorschein zu kommen, die sich infolge meiner Bemühungen, das Böse zu überwinden, gebildet hatte. Jedoch wurde ich nicht als Kind, sondern als ausgewachsener Mann geboren, wie ja auch meine Erfahrungen und mein Wissen die eines reifen Geistes gewesen waren. Es gibt Sterbliche, deren Lebenserfahrungen so beschränkt sind, deren Geistes­fähigkeiten so wenig gepflegt wurden und deren Naturen so einfach und kindlich sind, daß sie nur als Kinder in die gei­stige Welt geboren werden können; einerlei, wieviele Jahre irdischen Lebens sie gezählt haben mögen. Dies war jedoch bei mir nicht der Fall.

Als ich mich in meinem neuen Zustand betrachtete, fand ich, daß auch mein geistiger Körper auf die Altersstufe schließen ließ, die ich im irdischen Dasein erreicht hatte. Unter dem Beistand geistiger Freunde ging meine wiedergeborene Seele in völlig bewußtlosem Zustande in die zweite Sphäre über, wo ich in traumlosem Schlummer liegen blieb, bis die Zeit des Erwachens herannahte. Die Astralschale, welche ich verlassen hatte, wurde durch die Kraft dienstbereiter Geister in die Elemente der Materie des Erdenplanes aufgelöst: Genau so, wie mein irdischer Leib, den ich bei meinem ersten Tode verließ, zu Erde wurde, von der er genommen war. Staub wird wieder zu Staub, während die unsterbliche Seele in einen höheren Zustand hineingeboren wird. So ging ich durch meinen zweiten Tod und erwachte zur Auferstehung meines höheren Selbst.
 
weiter zu Despina, Tages-Anbruch, Teil XIII - XVI
 
 

 
 
 zurück zu Neptun, ein Wanderer im Geisterland
 
zurück zur Sonne, Hauptseite