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Proteus 
 
Mond von Neptun 
 
Durchmesser 402 -- 436 km  
durchschn. Entfernung vom Neptun 117.647 km  ~ Umlaufzeit 1,12 Tage 
 
 
Ein Wanderer im Geisterland

 
DAS REICH DER HÖLLE
 
XXII

Nach einer kurzen Strecke Wegs sah ich Treufreund, der sich etwas abseits niedergelassen hatte und offenbar auf mich wartete. Ich war sehr erfreut, ihn wiederzusehen und mich seiner Führung anvertrauen zu können. Wir begrüßten uns mit großer Herzlichkeit. Er war, wie er mir sagte, angewiesen, mich ein Stück auf meiner jetzigen Reise zu begleiten, und erzählte mir viele merkwürdige Erlebnisse, die ihm begegnet waren.

Treufreund führte mich auf einen hohen Turm, von dessen Spitze aus wir die ganze Stadt überblicken konnten, die wir zu besuchen beabsichtigten. Er meinte, diese vorherige Besichtigung sei ebenso nützlich als interessant für mich. Stets umgab uns ein mitternächtliches Dunkel, und die Atmosphäre war schwer und schwarz wie Rauch. Hier und da wurde die Finsternis durch jenes merkwürdig phosphoreszierende Licht aufgehellt, das ich schon beschrieben habe, an anderen Stellen durch die fahlen Flammen, welche sich an den grimmigen Leidenschaften der geistigen Bewohner entzündeten.

Als wir die Spitze des Turmes, der aus einem schwarzen Gestein erbaut zu sein schien, erklommen hatten, sahen wir ein weit ausgedehntes dunkles Land unter uns liegen. Schwere Wolken hingen am Horizont. Vor uns lag die große Stadt - eine merkwürdige Mischung von Pracht und Verfall, die alle die Städte charakterisierte. Eine baumlose, schwärzliche Einöde umgab sie, und große Massen von blutiggefärbtem Dunst hingen brütend über dieser großen Stadt der Sorge und des Verbrechens. Die mächtigen Schlösser, stolzen Paläste, stattlichen Gebäude - alle trugen sie den Stempel des Ruins und Verfalls; alle waren sie verdunkelt durch die Schandflecken des sündhaften Lebens, das in ihnen sein Wesen trieb. Es waren Gebäude, in Auflösung begriffen, jedoch durch den Magnetismus ihrer geistigen Bewohner noch zusammengehalten. Gebäude, welche so lange bestehen bleiben, als Verbindungen, die durch das irdische Leben ihrer geistigen Bewohner entstanden sind, sie an diesem Orte aufrecht erhalten. Und die in Staub zerfallen werden, sobald die Reue jener Seelen diese Verbindungen löst und die Geister selbst in Freiheit setzt. Diese Gebäude zerfallen jedoch nur, um durch eine andere sündige Seele, deren irdisches genußsüchtiges Leben ihnen Gestalt und Form verleiht, wieder aufgebaut zu werden. Hier stand ein Palast, dort, neben ihm, eine Hütte. Genau so, wie das Leben und die Bestrebungen der darinnen wohnenden Geister auf Erden verkettet und vermischt waren, entstanden auch hier ihre Wohnungen eine an der anderen.

Habt ihr, die ihr jetzt auf der Erde wohnt, jemals daran gedacht, daß die Genossen eures irdischen Lebens auch im geistigen mit euch verbunden sein werden? Daß auf Erden hergestellte magnetische Verbindungen im Geisterlande euch und euer Schicksal so miteinander verketten, daß ihr sie nur mit Mühe und vielen Schmerzen wieder lösen könnt? So sah ich z. B. vor mir eines stolzen Patriziers Palast, der - aufgebaut und verunstaltet durch seine Verbrechen - mit den niederen Behausungen seiner einstigen Sklaven, Parasiten und Kuppler auf Erden verbunden war.

Diese Behausungen waren auf dieselbe Weise, d. h. durch die Wünsche ihrer Bewohner entstanden. Zwischen ihnen und dem Palaste des Patriziers waren im Geistigen dieselben magnetisdien Verbindungen vorhanden wie im Irdischen zwischen ihm und jenen, die Genossen und Werkzeuge seiner niederen Leidenschaften gewesen waren. Er kann sich nun so wenig von ihren Zudringlichkeiten befreien als sie selbst imstande sind, seiner Tyrannei zu entgehen. So lange, bis nicht ein reinerer Wunsch in der einen oder anderen Seele erwacht und sie über ihre gegenwärtige Stufe hinaushebt. So geschah es, daß sie ihr irdisches Dasein immer wieder wie in einem schrecklichen Traum durchlebten - ausgelöst durch die Erinnerung, die ihnen immer wieder gleich einem beweglichen Panorama ihre früheren Handlungen vor Augen führte. So können sie selbst bei den wildesten Ausschreitungen in diesem dunkeln Lande nicht der nagenden Tätigkeit des Gewissens entgehen, bis der letzte Funke von Sündenlust und Gottlosigkeit in ihrer Seele erloschen ist.

Die Dunkelheit über dieser großen, aus dem Erdendasein geborenen geistigen Stadt war stellenweise von einem geheimnisvollen, matten Lichtschein erhellt, der schwachleuchtendem Rauch von stahlgrauer Farbe glich. Man belehrte mich, daß dieses Licht von der gewaltigen Geisteskraft jener Einwohner herrühre, deren Seelen verkommen, aber nicht unentwickelt waren und deren hohe Intelligenz sich niederen Dingen zugewandt hatte. Daher verloren sie das wahre Seelenlicht, und allein dieser merkwürdige Abglanz ihrer intellektuellen Fähigkeiten blieb zurück. In anderen Teilen der Stadt schien die Atmosphäre selbst feurig zu sein. Flammen hingen in der Luft und flackerten von einer Stelle zur anderen wie gespenstige Feuer, deren Nahrung zu Asche verwandelt worden war. Während die schwebenden Flammengebilde durch die Luftströmungen bald hierhin, bald dorthin getragen wurden, sah ich Gruppen von dunklen Geistern die Straßen auf und ab gehen. Sie schienen diesen Erscheinungen keine Beachtung zu schenken oder sich gar nicht bewußt zu sein, daß sie selbst durch ihre heftigen Leidenschaften diese geistigen Flammen erzeugten.

Als ich auf diese seltsame Stadt von verlorenen Seelen herabblickte, beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl. Denn in ihren zerfallenen Mauern und Gebäuden konnte ich eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Stadt entdecken, die meinem Herzen teuer war, denn ich war einer ihrer Söhne. Überrascht rief ich aus, was das für eine Vision sei, die ich vor mir wahrnahm. Ob sie die Vergangenheit, die Zukunft oder die Gegenwart meiner geliebten Vaterstadt betreffe?

Mein Begleiter antwortete: "Sie bedeutet alles zusammen. Was du jetzt vor dir siehst, sind die Gebäude und Geister ihrer Vergangenheit, so weit dieselben böse waren. Und was du dazwischen bemerkst, sind die halbvollendeten Häuser, welche ihre jetzigen Bewohner für sich selber bauen. Wie die Wohnungen der Vergangenheit jetzt sind, so werden diese halbfertigen Gebäude in der Zukunft sein, wenn jeder, der jetzt daran baut, sein Lebenswerk der Sünde und Bedrückung errichtet haben wird. Betrachte sie genau und präge sie dir tief ein. Dann kehre als warnender Bote zur Erde zurück und rufe deinen Landsleuten zu, was für ein Schicksal so viele von ihnen erwartet. Wenn deine Stimme nur in einem einzigen Herzen Widerhall findet und den Weiterbau nur eines dieser unvollendeten Häuser aufhält, wirst du ein gutes Werk getan haben, und dein hiesiger Besuch wird alles wert sein, was er dir gekostet hat. Doch ist dies nicht der einzige Zweck deines Hierseins. Es sind Seelen hier, die wir aus ihrem dunklen Dasein erlösen können und die sodann zur Erde zurückgehen werden, um den Menschen die Schrecken der Wiedervergeltung zu verkünden, die sie selbst erfuhren und vor denen sie andere bewahren möchten.

Bedenke, wieviele Zeitalter seit der Erschaffung der Welt dahingegangen sind und welche Veredlung das Leben und Denken der Menschen seitdem erfahren hat! Müssen wir da nicht zugeben, daß diese Entwicklung ganz sicher auch dem Einfluß derer zuzuschreiben ist, die zur Erde zurückgekehrt sind, um andere vor dem Abgrunde des Stolzes und Hochmuts, der Wollust und Sünde zu warnen? Bedeutet die Lehre, daß Gott seine Kinder als dienende Geister auf die Erde zurücksendet, um anderen im Kampfe beizustehen und sie zu stärken, nicht ein höheres Ideal als der Glaube, daß er jemanden zur hoffnungslosen Pein ewiger Strafe verdammen könne? Auch wir sind beide Sünder gewesen, doch wir haben Gnade gefunden vor unserem Gott sogar noch in der letzten Stunde. Soll da nicht für diese auch noch Hoffnung sein? Wenn sie tiefer sanken als wir, dürfen wir deshalb bei unserem kurzen Menschenverstand den Höhen Grenzen setzen, die sie trotzdem künftig erklimmen mögen? Nein! Es ist nicht daran zu denken, daß solche Schrecken, wie wir sie in diesen Höllenreichen wahrgenommen haben, ewig dauern können. Gott ist gut, und seine Gnade geht über alles menschliche Begreifen!"

Wir stiegen nun vom Turme herab und betraten die Stadt. In einem der großen Viertel, dessen irdisches Gegenstück mir wohlbekannt war, fanden wir einen großen Haufen dunkler Geister versammelt, die hier irgend einer Bekanntmachung lauschten. Offenbar betraf diese einen Gegenstand, welcher ihren Spott und Zorn erregte, denn allerseits ertönte lautes Geschrei. Als ich näher trat, bemerkte ich, daß es sich um eine Kundgebung handelte, die man erst kürzlich in ihrem irdischen Gegenstück gelesen und welche die Befreiung des Volkes zum Gegenstand hatte. Dies erweckte hier unten in der Hochburg der Bedrückung und Tyrannei nur den Wunsch nach Vereitlung jener Bestrebung. Die Geister um mich her gelobten, der Verwirklichng der guten Absicht nach Möglichkeit Hindernisse in den Weg zu legen. Je mehr die Menschen unterdrückt werden und je leidenschaftlicher sie gegen den Zwang ankämpfen, um so mächtiger werden jene Wesen hier unten, sich in deren Angelegenheiten einzumischen und Kampf und Streit unter ihnen zu erregen. Je freier, erleuchteter und edler die Menschen, desto weniger Aussicht, daß diese dunklen Geister durch Erregung der ihnen verwandten Leidenschaften zur Erde gezogen werden und dadurch die Möglichkeit haben, die Menschen für ihre eigenen schlechten Zwecke auszubeuten. Diese dunklen Wesen haben Freude an Krieg, Elend und Blutvergießen, und kehren stets gerne zur Erde zurück, um aufs neue die grausam-grimmigen Leidenschaften der Menschen zu entzünden.

Wenn zu Zeiten großer nationaler Bedrückung und Erhebung die menschlichen Leidenschaften bis zur Fieberglut gesteigert sind, werden diese Bewohner der Tiefen durch die Kraft der erwachten Begierden an die Oberfläche der Erde gezogen. Sie erregen oder drängen hier zu Revolutionen, die zuerst aus reinen und edlen Motiven begonnen werden und dann unter der Macht der Leidenschaft und dem Einfluß jener dunklen Wesen aus der niedersten Sphäre schließlich nur noch zum Vorwand für wilde Metzeleien und Exzesse aller Art dienen müssen. Infolge dieser Ausschreitungen entsteht dann eine Reaktion, durch welche die dunklen Dämonen und jene, die von ihnen beherrscht werden, unter dem Beistande der höheren Mächte hinweggefegt werden. Eine breite Spur von Zerstörung und Leiden aber bezeichnet den Weg, wo diese Teufel ihr Unwesen getrieben haben. Auf solche Weise reift für die niederste Hölle eine reiche Ernte heran; denn mit den bösen Geistern werden die unglücklichen Seelen derer herabgezogen, welche ihren Versuchungen erlegen waren.

Als ich so dastand und die Menge beobachtete, lenkte Treufreund meine Aufmerksamkeit auf eine Gruppe von Geistern, welche nach uns deuteten und offenbar uns anzureden beabsichtigten.
"Ich werde für kurze Zeit weggehen", sagte er, "und dich allein mit ihnen sprechen lassen. Dies wird ratsamer sein, denn, da ich schon früher hier war, könnten sie mich erkennen. Auch wünsche ich, daß du dir selbst ein Urteil über sie bildest. Ich werde mich aber in der Nähe aufhalten und dich später wieder treffen, sobald ich sehe, daß ich dir dadurch nützlich sein kann. In diesem Augenblick gemahnt mich etwas, dich für eine kurze Zeit zu verlassen."

Bei diesen Worten trat er beiseite, während sich die dunklen Geister mir mit den freundlichsten Mienen näherten. Ich hielt es für gut, ihre Höflichkeit zu erwidern, obgleich ich in meinem Herzen den heftigsten Abscheu gegen ihre Gesellschaft hegte, denn sie waren abstoßend schrecklich in ihrer gottlosen Häßlichkeit.
Einer derselben berührte meine Sdmlter. Als ich mich ihm zuwandte mit dem dumpfen Gefühl, ihn früher schon gesehen zu haben, stieß er ein wildes Gelächter aus und rief: "Ich grüße dich, mein Freund. Du erinnerst dich meiner anscheinend nicht so gut als ich mich deiner; es war auf dem Erdenplane, wo wir uns früher begegneten. Ich und andere wollten dir damals gern zu Diensten sein, aber du nahmst unsere Hilfe nicht an, sondern spieltest uns statt dessen einen bösen Streich. Trotzdem haben wir, die wir jetzt lammfromm geworden sind, dir verziehen."

Ein anderer kam ebenfalls zu mir her und sagte, mich mit einem wahrhaft teuflischen Lächeln angrinsend: "So, so Freund, du bist also allem Anscheine nach ebenfalls hier bei uns in diesem hübschen Lande! Was hast du wohl getan, um diese Auszeichnung zu verdienen? Denn niemand ist hier, der nicht mindestens einen Mord auf dem Gewissen hat, während viele von uns sich einer ganzen Reihe von Mordtaten rühmen können. Unsere angesehensten Bürger aber zählen ihre Morde nach Hunderten. Du brachtest demnach jenen Mann doch noch ums Leben? - Ha, ha! ha!" und er stieß ein solch wildes, schallendes Gelächter aus, daß ich kehrt machte, um zu fliehen. Denn in meiner Seele blitzte die Erinnerung an jene Zeit auf, wo auch ich fast zum Mörder geworden wäre. Nun erkannte ich in diesen schrecklichen Wesen die Geister wieder, die mich damals umgaben und mir zeigten, wie meine Rache befriedigt werden könnte, obgleich ich keinen irdischen Körper mehr besaß. Ich schrak vor ihnen zurück, aber sie dachten nicht daran, mich gehen zu lassen. Sie hofften, ich sei für immer hier, und suchten mich bei sich zu behalten, damit sie ihre Kurzweil mit mir treiben und sich für ihre frühere Niederlage an mir rächen könnten.

Ich las diese Absicht in ihrem Geiste, obgleich sie sich mir gegenüber äußerlich sehr freundlich gebärdeten. Für einen Augenblick war ich im Zweifel, was ich tun solle. Dann entschloß ich mich, mit ihnen zu gehen und zu sehen, was sie im Schilde führten, indem ich gleichzeitig die erste beste Gelegenheit wahrnehmen wollte, mich von ihnen zu befreien. Ich duldete es daher, daß sie mich beim Arme nahmen. So schritten wir auf ein großes, frei stehendes Haus zu, wo sie mich ihren Reden nach bei ihren Freunden einführen wollten. Treuhand ging in diesem Augenblicke dicht an uns vorbei und gab mir folgende Warnung:
"Gehe mit ihnen, aber hüte dich, an ihren Vergnügungen teilzunehmen oder dich irgendwie auf ihre Stufe herabziehen zu lassen."

Wir traten ein und stiegen eine breite Treppe von gräulichem Stein hinauf. Auch hier trug alles die Flecken von Schande und Verbrechen. Die breiten Stufen waren geborsten und unvollständig. Hier und da wies die Treppe Löcher auf, groß genug, um einen Mann in die kerkerartige Tiefe durchfallen zu lassen. Während wir hinaufstiegen, fühlte ich, daß einer meiner Begleiter mir einen leichten Stoß versetzen wollte, gerade als wir über eines dieser Löcher schritten. Wäre ich nicht auf einen solchen Anschlag vorbereitet gewesen, so wäre ich wohl gestrauchelt und hinuntergefallen. So beugte ich mich einfach zur Seite und mein allzu dienstfertiger Gefährte wäre beinahe selbst ausgeglitten, worüber die anderen in ein Gelächter ausbrachen, während er selbst mir finstere Blicke zuwarf. Ich erkannte in ihm den Mann, dessen Hand in dem feurigen Silberring, der meine Geliebte umgab, einschrumpfte - damals, als mich ihre Liebe zu ihr zog und mich vor der Verführung dieser dunklen Feinde rettete. Dieser Geist hielt seine Hand sorgfältig unter dem Mantel verborgen; ich konnte jedoch hindurchsehen und den geschrumpften Arm und die Hand wahrnehmen. Nun wußte ich, daß ich mich vor ihm wirklich zu hüten hatte.

Von der Treppe aus gelangten wir in einen prächtigen Raum, der durch einen feurigen Lichtschein erleuchtet und ringsum mit dunklen Draperien behangen war. Diese befanden sich in einem vollständig zerlumpten Zustande und waren alle mit hochroten Flecken frischen Blutes bespritzt, als ob das Zimmer der Schauplatz nicht nur eines, sondern zahlreicher Morde gewesen wäre. Im Raume waren die geistigen Abbilder von altem Mobiliar aufgestellt, roh, schmutzig und verdorben. Das Zimmer war von einer Menge von Geistern erfüllt. Was für Männer und was für Frauen! Sie hatten alles verloren, was ihnen früher vielleicht Anspruch auf Menschlichkeit verliehen hatte. Sie waren häßlicher als die anrüchigsten Exemplare jener Gattung, die man in einer irdischen Spelunke zur Nachtzeit finden kann. Nur in der Hölle konnten Frauen bis zu einem solch erschreckenden Grad von Verkommenheit sinken. Die Männer waren womöglich noch schlimmer als die Frauen, und es würden mir die Worte fehlen, wollte ich sie beschreiben. Sie aßen, tranken, schrieen, tanzten, spielten Karten und gerieten über das Spiel in Streit - kurz es ging in einer Art zu, wovon die niedersten Szenen irdischer Vergnügungen nnr einen schwachen Begriff geben können.

Ich nahm bei jedem eine schwache Spiegelung seines irdischen Lebens wahr und wußte, daß alle ohne Ausnahme nicht nur ein lasterhaftes Leben geführt hatten, sondern auch des Mordes schuldig geworden waren. Zu meiner Linken befand sich eine Frau, die zur Zeit des 16. Jahrhunderts eine Herzogin war und während ihres Lebens nicht weniger als sechs Personen aus Eifersucht und Haß vergiftet hatte. Neben ihr stand ein Mann aus derselben Zeit, der verschiedene, ihm mißfällige Personen, durch seine Bravos hatte umbringen lassen. Außerdem hatte er während eines Streites mit eigener Hand einen anderen auf verräterische Weise niedergestoßen.
Eine zweite Frau hatte ihr uneheliches Kind getötet, weil es ihr bei Erlangung von Reichtum und Rang im Wege stand. Sie befand sich noch nicht sehr lange an diesem Orte und empfand mehr Reue und Gewissensbisse als die übrigen. Daher beschloß ich, mich ihr wenn möglich zu nähern.

Mein Eintritt war mit lautem Gelächter und wildem Beifall begrüßt worden. Während sich mir ungefähr ein halbes Dutzend Hände eifrig entgegenstreckten und mich an den Tisch zogen, wurden Rufe laut, wie: "Laßt uns auf die Verdammnis dieses unseres neuen Bruders trinken!" "Laßt uns ihn mit diesem feinen, kühlen Wein taufen!" Bevor ich ihre Absichten noch recht erkannt hatte, schwenkten sie alle unter Geschrei und schrecklichem Gelächter ihre Gläser in der Luft, während einer ein volles Glas des feurigen Trankes über mich auszuschütten suchte. Ich hatte gerade Geistesgegenwart genug, zur Seite zu treten, sodaß fast alle Flüssigkeit auf den Boden floß. Nur eine kleine Menge traf meine Kleidung, die dadurch gesengt und verbrannt wurde, als ob das Getränk Vitriol gewesen wäre. Der Wein selbst verwandelte sich in eine bläuliche Flamme und verschwand schließlich unter einem Knall ähnlich einer Pulverexplosion. Dann setzten sie mir einen Teller mit Speisen vor, welche irdischen Delikatessen glichen. Bei genauerer Besichtigung bemerkte ich jedoch, daß sie voll Würmer und ekelhafter Maden waren. Als ich mich mit Abscheu abwandte, faßte mich eine Hexe von Weib, deren triefende Augen und boshafter Blick mich schaudern machten, um den Nacken. Sie sah älter und häßlicher aus als das verkommenste Beispiel ihrer Art, das man auf Erden hätte finden können. O irdische Vergänglichkeit! Einst war sie eine große Schönheit gewesen und versuchte nun, unter einer Grimasse mich zu einem Kartenspielchen mit ihr zu gewinnen.

"Der Einsatz, um den wir spielen", sagte sie, "besteht im Verlust der Freiheit des Verlierenden. Wir haben uns diese Art von Zeitvertreib hier zu eigen gemacht, um dadurch die Erinnerung an die Vergnügungen unserer Vergangenheit wieder wachzurufen. Es gibt hier kein Geld zu gewinnen. Wäre dies auch der Fall, so würde es uns nichts nützen, da es sich unter unseren Händen in Schmutz verwandelt. Daher haben wir folgende Art der Schuldentilgung angenommen. Wir kommen überein, jedem, der uns im Spiel an Geschicklichkeit übertrifft, so lange Sklave zu sein, bis wir ihn mit gleicher Münze bezahlen, indem wir selbst gewinnen und ihn umgekehrt zu unserem Sklaven machen. Wie reizend diese Unterhaltung ist, davon kannst du dich überzeugen, wenn du uns ein wenig Gesellschaft leisten willst. Diese anderen hier", fügte sie mit einer seltsamen Mischung von unverschämter Anmaßung und Gereiztheit im Tone hinzu, - "sind nur Gesindel, der Abschaum der Straße, und du tust wohl daran, dich von ihnen und ihren Vergnügungen abzuwenden. Ich aber bin eine königliche Herzogin und diese meine Freunde sind alle von edler Abkunft. Wir würden dich, der du ebenfalls zu den Auserlesenen gehörst, gerne unter uns aufnehmen."

Mit der Miene einer Königin wies sie mir einen Platz neben sich an. Wäre sie nur um einige Grade weniger häßlich gewesen, so wäre ich versucht gewesen zu folgen, wenn auch nur aus Neugierde, um ihr Spiel kennen zu lernen. Mein Widerwille war jedoch zu groß und ich befreite mich von ihr, indem ich wahrheitsgemäß sagte, daß Karten niemals Anziehungskraft für mich besessen hätten. Mein Bestreben ging dahin, an die Frau heranzukommen, die ich sprechen wollte. Sehr bald bot sich mir hierzu eine Gelegenheit.

An ihrer Seite sprach ich sie mit gedämpfter Stimme an und fragte, ob sie wegen des Mordes an ihrem Kinde bekümmert sei und ob sie diesen Ort zu verlassen wünsche, auch wenn es ein langer, trauriger und leidensvoller Weg wäre. Wie strahlte ihr Antlitz, als ich so zu ihr sprach! Eifrig stieß sie hervor: "Was meinst du damit?"

"Sei versichert", sagte ich, "ich meine es gut mit dir. Wenn du warten und mir folgen willst, werde ich für uns beide Mittel und Wege finden, um diesen schrecklichen Ort verlassen zu können." Sie drückte zum Zeichen ihres Einverständnisse meine Hand, wagte aber nicht zu sprechen, da die anderen Geister sich wieder an uns herandrängten in einer Weise, die immer beunruhigender wurde, obgleich sie den Schein der Freundlichkeit noch aufrecht erhielten.

Die Herzogin und ihre Gesellschaft, die sich wieder gierig dem Kartenspiel hingegeben hatten, waren darüber in Streit geraten und beschuldigten einander des Betrugs, was ohne Zweifel seine Berechtigung hatte. Es schien, als ob ein Kampf sich in jener Edce des Zimmers entspinnen wollte, um die Einförmigkeit des Daseins etwas zu beleben. Ich beobachtete auch, daß die anderen Geister sich an den Türen zu Gruppen vereinigten, offenbar mit der Absicht, mich nicht entschlüpfen zu lassen, falls ich dies etwa zu tun wünschte. Meinen Feind mit der geschrumpften Hand sah ich mit anderen Geistern einer sehr niederen Gattung tuscheln, die in ihrem früheren Leben seine Sklaven gewesen sein mögen. Ein halbes Dutzend Männer und Frauen kamen auf mich zu und bestürmten mich, an einem Tanze teilzunehmen. Der Tanz war mit jener Art von Greueln verbunden, wie man sie als Hexensabbath in vergangenen Tagen des Aberglaubens und der Zauberei beschrieben findet. Ich nehme davon Abstand, diese ausführlicher zu schildern.

Beim Anblick dieser Szenen kam mir der Gedanke, ob nicht vielleicht doch Wahrheit in jenen alten Geschichten enthalten sein könne. Ob die Erklärung dafür nicht die sei, daß die unglücklichen als Hexen angeklagten Geschöpfe sich von bösen Geistern beherrschen ließen, wodurch ihre Seelen zeitweise in diese Sphären herabgezogen wurden und sie an den schrecklichen Orgien der Geister wirklich teilnahmen. Es scheint wirklich eine merkwürdige Übereinstimmung zu bestehen zwischen den Vorgängen, deren Zeuge ich jetzt war, und dem, was diese sogenannten Hexen berichteten. Ich glaube, diese nur halb zurechnungsfähigen Menschen waren eher zu bedauern als zu verdammen.

Als diese Kreaturen näherkamen, bemerkte ich, daß sie sich hinter uns zu einem Ringe zusammenzuschließen und uns zu umzingeln trachteten. Ein gewisser Instinkt gebot mir, dies nicht zuzulassen. Ich zog mich daher dicht an die Wand zurück, indem ich die Hand der Frau ergriff und ihr zuflüsterte, keinen Augenblick von meiner Seite zu weichen. Die Geister drängten sich nun gegen das Zimmerende zu, wo ich mich befand. Die Wildheit ihrer Gesichtszüge und die grausame Glut ihrer Augen standen dabei in schrecklichem Gegensatz zu ihrer geheuchelten Fröhlichkeit. Immer mehr näherten sie sich uns - eine sich heranwälzende Masse von verkörpertem Bösen.

Für den Augenblick waren ihre Zänkereien hinter dem gemeinschaftlichen Wunsche zurückgetreten mich niederzuwerfen, auf mir herumzutanzen und rnich in Stücke zu reißen. Wie das Rollen des Donners bei einem nahenden Gewitter wurden grollende Worte des Hasses und der Drohung laut, während diese Dämonen noch immer vor uns tanzten und ihre wilden Possen trieben. Plötzlich erhob sich ein großes Geschrei, und die Menge brach in ein wütendes Geheul aus. "Ein Spion, ein Verräter, ein Feind befindet sich unter uns! Es ist einer der verfluchten Brüder von oben hierhergekommen, um uns auszuspionieren und unsere Opfer zu entführen. Nieder mit ihm! Drückt ihn zu Tode! Reißt ihn in Stücke! Werft ihn hinab in das Kellergewölbe! Hinweg mit ihm!"

Wie eine Lawine den Berg hinab stürzten diese wütenden Feinde auf uns los. Ratlos, was wir tun sollten, konnte ich nur bedauern, daß ich diesen Ort überhaupt betreten hatte. Ich glaubte mich schon verloren, als gerade in dem Augenblicke, wo die uns nächsten Geister über uns herfallen wollten, sich die Wand plötzlich öffnete und Treufreund und ein anderer Geist uns hindurchzogen. Die Wand schloß sich so schnell wieder, daß die heulende Menge kaum wußte, wie wir verschwunden waren.

Glücklich draußen, wurden wir an einen Ort in der Nähe getragen, von wo wir bei rückwärts gewandtem Blick durch die Mauern hindurch (die für unsere Augen durchsichtig geworden waren), wahrnehmen konnten, wie die ganze teuflische Geistergesellschaft miteinander stritt und kämpfte, indem jeder dem anderen vorwarf, daß er uns hätte entkommen lassen.

"Siehst du", sagte Treufreund, "wärest du auch nur für einen einzigen Augenblick auf ihre Anschläge eingegangen, würde es uns nicht möglich gewesen sein, dir zu helfen. Denn du hättest dich dadurch für einige Zeit mit ihrem Magnetismus umkleidet, und die Mauern hätten dich gefangen gehalten. Du wärst zu grobstofflich geworden, um die Materie, aus der diese Mauern bestehen, durchdringen zu können. Jene Geister konnten dir bis jetzt nichts anhaben, doch mußt du dich in acht nehmen, wenn du sie wiedersiehst; selbst die kurze Zeit auf dem Erdenplane, während der du dich ihrem Einfluß aussetztest und ihren Ratschlägen zu folgen geneigt warst, hat zwischen dir und ihnen eine Verbindung geschaffen, die schwer zu trennen sein wird, ehe du eine höhere geistige Entwicklungsstufe erreicht hast. Erst dann wird eine Kluft zwischen euch entstehen.

Man hat mir gesagt, daß du bis jetzt deine Leidenschaften noch nicht vollständig überwunden hast. Du hast zwar gelernt, sie zu zähmen, aber es ist noch nicht jeder Wunsch nach Rache erstorben, denen gegenüber, welche dich früher gekränkt haben. Und so lange dies so steht, wird es dir nicht gelingen, dich von diesen Wesen völlig zu befreien; besonders nicht, wenn du dich in ihrer eigenen Sphäre aufhältst, wo sie wirklich mächtig sind. Auch ich habe einen Kampf gekämpft, nicht unähnlich dem, welchen du jetzt wagst. Keiner weiß besser, wie hart es ist, da vergeben zu sollen, wo wir schwer gekränkt worden sind. Doch ich weiß auch, daß du dies eines Tages aus freier Wahl und innerem Drange heraus tun wirst. Dann werden diese dunklen Geister keine Macht mehr haben, deinen Weg zu kreuzen.

Meine Befehle gehen dahin, dich jetzt zu dem Palaste eines Geistes zu führen, den zu sehen du sehr überrascht sein wirst. Es ist einer, dessen Name dir vertraut ist, obgleich er lange vor deiner Zeit auf Erden lebte. Du warst erstaunt, wie wenig die Geister hier imstande sind, zwischen deinem und ihrem wahren Zustande zu unterscheiden. Wisse denn, daß du die Fähigkeit, klarer und heller zu sehen, ihr verdankst, deren reine Liebe dir stets wie ein ununterbrochener Strom kristallhellen Wassers zufließt. Sie macht dich fähig, höhere Dinge wahrzunehmen und diese niederen Geister in ihrer ganzen Verderbtheit zu durchschauen.

Zwischen dir und deiner Geliebten besteht jetzt ein so starkes Band, daß du unbewußt an den Gaben ihrer höheren Natur Anteil hast, wie auch sie selbst Kraft von dir empfängt. Bei deiner jetzigen Entwicklungsstufe wäre es den dunklen Wesen hier leicht möglich, dir manches von der Fäulnis dieses Ortes durch List zu verbergen. Doch in dem reineren Unterscheidungsvermögen, das dir zuteil wurde, hast du die Fähigkeit, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind und dem Blicke eines reinen Geistes erscheinen müssen. So versucht man vergebens, deine Sinne durch Blendwerk zu täuschen. Groß ist daher die Macht ihrer Liebe, womit sie die beschützt; gleichsam ein Schild, der dich in allen deinen Prüfungen beschirmt.

Bevor wir diese Sphäre verlassen, muß ich dir noch ein anderes Bild vorführen, das für dich zwar betrübend, aber auf alle Fälle sehr lehrreich sein wird. Es betrifft einen Mann, der so ist, wie du geworden wärest ohne ihre Liebe - allein im Kampf mit der hoffnungslosen Last deiner Sünden und Leidenschaften und aller jener Wohltaten der Reinheit und Liebe beraubt, die dir von ihrer Seite stets zuströmen. Ist dein Aufenthalt an diesem Orte beendet, wirst du mir dahin folgen, wo dieses andere Bild zu sehen ist. Wir glauben, daß sein Anblick dich doppelt nachsichtig gegen jene unglücklichen Männer machen wird, denen du besser als sonst jemand helfen kannst. Im Gefühl der Dankbarkeit wirst du dann an anderen zu vergelten suchen, was man für dich selbst getan hat."

Als er gesprodien hatte, verließen wir schweigend den Ort. Mein Herz war zu voll, als daß ich ihm hätte antworten können. Das arme Weib hatten wir in der Obhut eines strahlenden Engels der oberen Sphären gelassen und waren sicher, daß ihr jede Hilfe zu ihrem Fortkommen gewährt wurde.

XXIII

An der äußeren Grenze der Stadt sahen wir einen prächtigen Palast liegen, der mir merkwürdig bekannt und doch wieder fremd erschien. Schon bei unserer Wanderung durch die Stadt wurde ich so an deren irdisches Gegenstück erinnert, daß mir zumute war wie jemandem, der während eines nächtlichen Alpdrückens einen schönen und vertrauten Ort in häßlicher Verzerrung wahrnimmt. Oft hatte ich in meiner Jugend an diesem Gebäude emporgeblickt und mit Stolz erfüllte mich der Gedanke, daß ich dem Geschlechte entstammte, dem der Bau und alle ausgedehnten Ländereien einst gehörte. Ihn jetzt hier in solchem Zustande wiederzusehen, betrübte und ängstigte mich. Alle Schönheit war verschwunden, sein Marmor beschmutzt und befleckt, seine Terrassen und Statuen zerstört oder beschädigt. Seine schöne Front war durch schwarze Spinngewebe - die Zeiten früherer, in seinen Mauern begangener Verbrechen - verunstaltet, und seine hübschen Gärten wie durch einen Pesthauch in eine traurige Einöde verwandelt. Mit schwerem Herzen folgte ich meinem Freunde in das Innere.

Wir stiegen die breite Freitreppe hinan und durchschritten die Flügeltüren, die sich von selbst öffneten, um uns einzulassen. Vielen dunklen Geistern, welche kamen und gingen, begegneten wir. Alle begrüßten uns wie Gäste, auf deren Kommen man vorbereitet ist. An der letzten Türe verließ mich Treufreund und versprach, mich an einem anderen Orte wieder zu treffen.

Ein heller Schein von rotem Licht traf mein Auge, als sich die letzte Türe öffnete. Man hätte meinen können, daß jemand die Türe eines Schmelzofens aufgemacht habe, so heiß und erstickend war die Atmosphäre. Anfangs glaubte ich fast, der Ort stehe in Flammen. Dann erlosch der Lichtschein allmählich zu einer mattroten Glut und eine Welle von stahlgrauem Nebel strich durch den Saal, während ein eisiger Wind seine frostige Kälte auf mich zu übertragen schien. Diese merkwürdigen Flutwellen von Hitze und Kälte waren durch das starke Feuer der Leidenschaft und den kalten, selbstsüchtigen Frost der Doppelnatur des Mannes verursacht, der hier als Herrscher gebot. Mit unersättlichen Begierden und heißen Leidenschaften vereinigte er in sich höchste Selbstsucht und außerordentlichen Verstand.

Wie als Eigenschaften seines irdischen Lebens bald feurige Leidenschaft, bald kalte Berechnung bei ihm vorherrschte, so riefen jetzt die Schwingungen seines Geistes hier den gleichen unvermittelten Wechsel zwischen intensiver Hitze und äußerster Kälte hervor. Wie er auf Erden alle Menschen knechtete, die in den Bereich seiner Macht kamen, so beherrschte er jetzt die geistigen Wesen seiner Umgebung und gebot über sie ebenso selbstherrlich wie einst über seine irdischen Untergebenen.

Ich sah ihn am Ende des Saales auf seinem Throne sitzen, in dessen Nähe sich königliche Abzeichen befanden. Die Wände waren mit den geistigen Teilen alter gewirkter Tapete behangen. Aber wie sahen diese aus! Nicht nur, daß sie verblichen und zerlumpt waren: es war, als ob die Gedanken und der Magnetismus dieses Mannes in diese hineinverwoben worden wären und sie durch ihre Fäulnis verdorben hätten. Anstatt der Bilder von Jagdszenen, Nymphen und Meergöttern zeigten sie ein beständig wechselndes Panorama vom verflossenen Leben dieses Mannes, das in seiner ganzen Nacktheit und Scheußlichkeit auf die Fetzen der einst prächtigen Draperie geworfen wurde.

Die großen Fenster waren mit den geistigen Teilen von einstmals prächtigen irdischen Samtvorhängen bekleidet. Jetzt aber machten sie den Eindruck von Leichentüchern, da sich in ihnen gespensterhafte Gestalten bargen, die gleich Geistern der Rache drohend aus ihnen hervorschauten. Dies waren geistige Bilder von solchen, welche dieser Mann seiner Wollust und seinem Ehrgeiz geopfert hatte. Trinkgefäße von Silber, die glühend heiß zu sein schienen, wenn man sie anfaßte, und kostbare Vasen schmückten die Tische. Wie überall in dieser Sphäre bot sich mir auch hier der Anblick eines Festgelages immer das gleiche Trugbild irdischer Freude und sinnlichen Vergnügens.

Bei meinem Eintritt erhob sich der Beherrscher dieses schrecklichen Ortes, um mich mit liebenswürdigen Worten zu begrüßen. Mit Schrecken erkannte ich in ihm den Geist jenes Vorfahren, auf den wir als seine Nachkommen so stolz waren, und dessen Bild ich, wie man mir sagte, sehr ähnlich sah. Es war ohne Zweifel derselbe Mann, mit den schönen, stolzen Gesichtszügen. Aber ach wie schrecklich war die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Zeichen der Schande und Unehre waren jeder Linie seines Gesichtes aufgeprägt und offenbarten seine Verdorbenheit trotz der Maske königlichen Anstandes, womit er seine Verkommenheit zu verdecken suchte. Hier in der Hölle erscheinen alle Menschen so, wie sie sind. Keine Macht gibt es, auch nur ein Atom ihrer Gemeinheit zu verbergen - und dieser Mann war wirklich gemein. Selbst in einem Zeitalter großer Sinnlichkeit war er durch seine Laster aufgefallen. Und zu einer Zeit, wo die Menschen kaum an Grausamkeiten dachten, hatte er sich als ein Mann ohne Gnade und Barmherzigkeit erwiesen. Ich sah dies jetzt alles in den Bildern seiner Umgebung wie in einem Spiegel, und fühlte mich beängstigt bei dem Gedanken, in unseren Charakteren könnten irgendwelche übereinstimmende Punkte gewesen sein. Der eitle Stolz derer, die sich der Verwandtschaft mit einem solchen Menschen rühmten, weil er zu seiner Zeit eine fast königliche Macht besaß, machte mich schaudern.

Da ich zu seinem Geschlechte gehörte, zeigte dieser Mann Interesse für mich und redete mich an. Er hieß mich willkommen und wünschte, daß ich bei ihm wohnen möchte. Die geheimnisvolle Verbindung unserer irdischen Verwandtschaft ermöglichte es ihm, mein Leben auf Erden zeitweise zu beeinflussen. Von meinem stolzen Wunsch, den Großen der Erde gleich zu sein wie früher meine Vorfahren, wurde er angezogen und stachelte meinen hochmütigen Geist an, der in gewissem Sinne dem seinigen verwandt war. Er war es auch, wie er mir sagte, der mich zu jenen Handlungen meines Lebens trieb, deren ich mich jetzt am meisten schämte - Handlungen, für die ich mein Leben gegeben hätte, um sie ungeschehen zu machen. Er war es ferner, der mich in der Welt vorwärts zu bringen suchte, denn er hatte gehofft, durch mich selbst wieder Macht über die Menschen zu gewinnen, was ihn für seine Verbannung an diesen Ort der Finsternis etwas entschädigen sollte.

"Pfui!" rief er. "Dies ist ein Haus voll modernden Gebeins und toter Gerippe! Aber jetzt, da du gekommen bist, um dich mit mir zu verbünden, werden wir zusammen etwas unternehmen, um die Bewohner der Erde in Furcht vor uns zu versetzen und sie zum Gehorsam zu zwingen. Ich habe viele Enttäuschungen mit dir erlebt, o Sohn unseres edlen Geschlechts, und ich fürchtete, du würdest mir am Ende entschlüpfen. Schon vor Jahren habe ich versucht, dich herabzuziehen, meine Absicht wurde aber stets durch eine unsichtbare Macht vereitelt. Immer wieder, so oft ich glaubte, dich ganz sicher in Händen zu haben, schütteltest du mich ab, bis ich des Kampfes beinahe müde wurde. Aber ich gebe nicht leicht jemanden auf. Wenn ich nicht selbst bei dir sein konnte, dann sandte ich dir jemanden aus meinem Gefolge, und so bist du nun endlich selbst hier und sollst mich nicht wieder verlassen. Siehe, welch herrliche Freuden ich für dich in Bereitschaft habe."

Er ergriff meine Hand - die seinige schien heißer als Fieberbrand - und führte mich zu einem Sitz neben sich. Zögernd entschloß ich mich, Platz zu nehmen und die Dinge, die da kommen sollten, abzuwarten. Im innersten Herzen aber betete ich, daß ich vor Versuchung bewahrt bleiben möchte. Ich bemerkte wohl, daß er mir nicht Speise noch Trank anbot, dagegen ließ er eine liebliche Musik ertönen. Wie lange mußte ich schon den Trost dieser himmlischen Kunst entbehren, die stets sehr auf meine Gefühle gewirkt hatte. Eine wilde, sinnenbetörende Weise, wie sie die Sirenen gesungen haben mögen, wenn sie ihre Opfer anzulocken suchten, erklang - bald anschwellend, bald dahinsterbend. Keine Musik der Erde konnte zugleich so schön und so furchtbar sein - konnte so Kopf und Herz berauschen und mich dennoch mit einem solch starken Gefühle der Furcht und des Widerwillens erfüllen.

Dann erschien vor uns ein schwarzer Spiegel, in dem die Bilder der Erde und des Lebens auf ihr, sowie mein eigenes Bild sichtbar wurden. Ich lenkte hier die Gemüter von Tausenden durch den bestrickenden Zauber solcher Musik, die ich mir aneignen konnte. Durch diese Kunst erregte ich die niedersten, stärksten Leidenschaften, bis die Lauscher unter ihrem mächtigen Bann sich selbst und ihre Seelen verloren.

Hierauf erschienen im Spiegel Völker und Heere, die durch den Einfluß meines Vorfahrens von ehrgeizigen Plänen erfüllt waren. Er regierte sie als Despot durch den ihm zur Verfügung stehenden Organismus. Auch in diesem Punkte, sagte er, solle ich seine Macht mit ihm teilen.

Dann wieder sah ich, wie ich Wissenschaft und Literatur beherrschte und mit deren Hilfe die Einbildungskraft der schreibenden Sterblichen beeinflussen konnte. Unter meinem Einfluß würden diese Bücher schreiben, die sich an die Vernunft, den Verstand und die sinnlichen Begierden der Menschen wenden, bis diese - durch den falschen Schein verführt - die empörendsten Ideen und abscheulichsten Lehren billigen würden.

Er zeigte mir Bild um Bild, wie der Mensch auf Erden durch Geister mit genügender Willenskraft als Werkzeug zur Befriedigung ihrer Gier nach Macht und sinnlichen Genüssen gebraucht werden konnte. Vieles davon war mir schon vorher bekannt gewesen. Aber niemals hatte ich mir die ganze Größe des Unheils vorgestellt, das einem Wesen, wie dem vor mir, anzurichten möglich wäre, würde ihm nicht durch höhere Mächte Einhalt getan. Letztere kennt solch ein Geist nur als eine ihm entgegenwirkende unsichtbare Kraft, die seine Anstrengungen bei jeder Gelegenheit vereitelt - es sei denn, daß er einen geistesverwandten Menschen als Medium findet, mit dem er so zusammen wirken kann, als ob sie beide nur ein Wesen wären. Aus solcher Verbindung entstehen viel Kummer und Elend: wir haben dann jene Scheusale von triumphierender Bosheit vor uns, die zu allen Zeiten die Menschheitsgeschichte geschändet haben. Diese Wesen werden jetzt gottlob immer seltener, je mehr die Menschheit und die geistige Welt durch die Lehren der Engel aus himmlischen Sphären gereinigt werden.

Zuletzt zeigte sich eine weibliche Gestalt von solcher Schönheit und verführerischem Reiz, daß ich mich einen Augenblick erhob, um mich zu überzeugen, ob sie Wirklichkeit sei oder nicht. Da zog sich zwischen mich und den schwarzmagischen Spiegel ein feiner Nebel, in dem die Gestalt eines Engels mit dem Antlitz meiner Geliebten sichtbar wurde. Neben letzterer erschien mir jenes Weib sogleich grobmateriell und widerwärtig, so daß die momentane Verblendung meiner Sinne verschwand und ich die Frau für das erkannte, was alle ihrer Art sind: Sirenen, welche die Seelen der Männer verraten, zerstören und zur Hölle herabziehen, während sie selbst nur seelenlose Geschöpfe sind.

Dieser Umschwung in meinen Gefühlen lenkte die Wellen des magnetisdien Äthers, die uns die Musik und die Bilder zutrugen, ab und ließ sie verschwinden. Noch einmal war ich mit meinem Versucher allein, dessen Stimme mir in den Ohren gellte. Er malte mir aus, wie ich alle diese Freuden genießen könnte, wenn ich nur bei ihm bleiben und sein Schüler werden wollte. Aber seine Worte trafen taube Ohren, seine Versprechungen rührten mich nicht. In meinem Herzen war nur Abscheu vor all diesen Dingen, und ein starkes Verlangen ergriff meine Seele, mich von der Gegenwart dieses Geistes zu befreien.

Ich erhob mich und versuchte fortzugehen, konnte aber keinen Schritt tun. Eine unsichtbare Kette hielt mich fest, und unter höhnischem Gelächter schrie mich der schreckliche Mann mit triumphierendem Hohne an: "Geh doch, da du meine Gunst und Versprechungen zurückweisest! Gehe fort und sieh, was dich erwartet." Ich konnte keinen Fuß bewegen, während mich ein seltsam beunruhigendes Gefühl beschlich und eine merkwürdige Benommenheit des Gehirns und der Glieder eintrat. Ein Nebel schien mich einzuhüllen und mich in seine kalte Umarmung einzuschließen. Phantome von schrecklichem Aussehen und riesenhafter Größe kamen immer näher. O Entsetzen! Es waren meine eigenen früheren Missetaten, meine eigenen bösen Gedanken und Wünsche, die mir durch den Mann neben mir eingeflüstert worden waren: indem sie sich in meinem Herzen festsetzten, schufen sie jene Verbindung, die mich nun an ihn fesselte.

Ein wildes, grausames Lachen erschallte bei meiner Niederlage. Er wies auf jene unheimlichen Gestalten hin und gebot rnir achtzugeben, was ich, der sich für seine Gesellschaft zu gut dünke, für ein Wesen sei. Dunkler und dunkler wurde es im Saal. Wie Woge um Woge rauschten die grimmigen Phantome heran, indem sie immer schwärzer und schrecklicher wurden und mich von allen Seiten bestürmten. Unter unseren Füßen öffnete sich ein gruftähnliches Gewölbe, in dem ich eine erhitzte Masse kämpfender Menschen zu sehen glaubte. Mein schrecklicher Vorfahre erging sich in wildesten Ausdrücken der Wut und brach dann in ein boshaftes Lachen aus. Indem er auf die sich herandrängenden Phantome deutete, befahl er ihnen, mich in die dunkle Grube zu werfen. Plötzlich jedoch erglänzte in der Finsternis über mir ein Stern, von dem ein Lichtstrahl mich traf. Ich erfaßte diesen Strahl gleich einem Seil mit beiden Händen. Und während sich das Licht um mich her ergoß, wurde ich von jenem dunklen Ort und dem grauenvollen Palaste hinweg in die Höhe gezogen.

Als ich mich von meinem Erstaunen über die empfangene Hilfe erholt hatte, befand ich mich mit Treufreund und keinem Geringeren als meinem östlichen Führer selbst in einer offenen Gegend. Letzterer machte magnetische Striche über mir, denn ich war von dem Kampfe ganz zerschlagen und erschöpft. Mein Führer redete mir in liebreichster Weise zu und erzählte mir, daß er diese Prüfung zugelassen habe, damit die Erkenntnis der wahren Natur jenes Mannes mir für die Zukunft ein guter Schutz gegen seine Tücken und Angriffe bilde.

"So lange", sagte er, "als du mit Stolz und Ehrfurcht an diesen Mann als deinen Vorfahren dachtest, konnte seine Macht dich beeinflussen. Jetzt aber wird dein eigenes Gefühl des Abscheus als abstoßende Kraft tätig sein und seinen Einfluß von dir abhalten. Dein Wille ist ebenso stark wie der seinige; du hättest, wüßtest du es nur, keinen anderen Schutz nötig. Bei der letzten Zusammenkunft ließest du deine Sinne betören, damit wurde dein Wille durch dieses dunkle Wesen gelähmt, bevor du es merktest. Hätte ich dich nicht befreit, so wäre er imstande gewesen, dich für kurze Zeit seinem Willen zu unterwerfen und hätte dir dabei ernstlichen Schaden zufügen können. Hüte dich daher, in dieser Sphäre deine Selbstbeherrschung noch einmal zu verlieren. Die Herrschaft über dich selbst ist dein höchstes Gut und kann dir von niemandem genommen werden, es sei denn, daß dein schwankender Wille selbst sein Einverständnis dazu gibt. Ich verlasse dich jetzt wieder, um im Geiste deine Pilgerfahrt weiter zu verfolgen. Sie wird bald beendet sein. Sei guten Mutes, deine Belohnung wird dir werden von ihr, die du liebst, und die dir stets ihre zärtlichsten Gedanken sendet."

Auf dieselbe geheimnisvolle Weise, wie er gekommen, war er verschwunden. Treufreund und ich ließen uns noch einmal nieder, um abzuwarten, was uns weiter begegnen würde. Ich dachte gerade darüber nach, als zwei Geister mit wichtiger Miene auf uns zueilten und fragten, ob wir nicht Mitglieder der Brüderschaft zur Hoffnung seien. Wenn dem so sei, hätten sie für einen von uns eine Botschaft von einem lieben Freunde auf Erden zu überbringen. Sie seien von einem unserer Leiter hierzu beauftragt. Zuerst war ich sehr erfreut. Ich dachte sofort an meinen Liebling, und hoffte, daß die beiden von ihr gesandt seien, da sie in ihrem Äußeren nicht so dunkel waren wie die anderen Geister hier. Ihre Kleider erschienen in einem eigenartig blaugrauen Lichte, das sie fast wie eine Wolke umgab, so daß ich Mühe hatte, ihre Gesichter zu unterscheiden. Als mir dies gelang, fuhr ich erschrocken zurück und ein Gefühl des Mißtrauens beschlich mich. Denn der flackernde Schleier von graublauer Gaze, der sich zwischen uns befand, wurde zuweilen so dünn, daß ich unter ihnen zwei höchst widerwärtige dunkle Geister entdecken konnte. Treufreund drückte zur Warnung heimlich meinen Arm, und so fragte ich sie mit Vorsicht, was ihre Botschaft sei.

"Im Namen des Propheten", begann der eine, "wir haben dir zu sagen, daß deine Geliebte sehr krank ist. Sie bittet, daß du ohne Verzug auf die Erde zurückkehrst, um sie zu besuchen, sonst wird ihr Geist schon vor deiner Ankunft in Reiche übergegangen sein, in die du ihr nicht zu folgen vermagst. Wir sollen dir den kürzesten Weg zu ihr zeigen."
Ihre Worte flößten mir anfangs große Angst ein. "Wie lange", fragte ich eifrig, "ist es, seit ihr sie verlassen habt?" "Nicht zwei Tage", war die Antwort, "wir sollen dich sofort zu ihr bringen. Dein östlicher Führer ist bei ihr und hat uns selbst gesandt."

Nun wußte ich, daß sie logen, denn mein östlicher Führer hatte mich eben verlassen und kein Wort davon gesagt, daß meine Geliebte krank sei. Ich hielt jedoch an mich und sagte:
"Gib mir das geheime Zeichen unserer Brüdersdiaft, da ich ohne dieses nicht in der Lage bin, mit euch zu gehen."
Der gazeartige Nebel war fast geschwunden, und ich konnte ihre dunklen Körperformen immer deutlicher unter ihm wahrnehmen. Als sie nicht sofort antworteten, sondern sich leise mit einander besprachen, fuhr ich fort:
"Wenn du vom Leiter unserer Brüderschaft gesandt bist, wirst du mir sicherlich das Gegenzeichen unseres Ordens geben können?"
"Ja, gewiß. Sicherlich kann ich es. Hier ist es - Hoffnung währt ewiglich" - und er lächelte mit der ehrlichsten Miene. "Gut", sagte ich, "weiter, den Schluß!"
"Schluß? Bedarfst du noch mehr?" Überrascht stand er da. Der andere stieß ihn an und flüsterte ihm etwas zu, worauf er hinzufügte: "Hoffnung währt ewiglich, und Wahrheit ist - hm - hm - was, mein Freund?"
"Unvermeidlich", sagte der andere. Ich sah sie beide freundlich an. "Ihr seid so klug, meine Freunde, ohne Zweifel könnt ihr mir jetzt auch das Symbol geben?" "Symbol? Teufel! Wir wissen von keinem Symbol, das wir zu geben hätten."
Nicht?" sagte ich, "dann bin ich es, der es euch geben muß."

Sie erhoben beide die Arme, um mich zu ergreifen. Ich sah hierbei, daß der eine von ihnen eine geschrumpfte Hand hatte, und wußte nun, wem ich diesen kleinen Anschlag zu verdanken hatte. Als sie auf mich losstürzten, trat ich zurück und machte das heilige Zeichen der Wahrheit, das zu allen Zeiten und in allen Welten dasselbe ist.
Beim Anblick dieses Zeichens stürzten sie auf die Erde nieder, als ob ich sie niedergeschlagen und betäubt hätte. Hier überließen wir sie ihrem Schicksal.

Als wir uns entfernten, fragte ich Treufreund, was die beiden seiner Meinung nach jetzt wohl beginnen würden.
Sie werden sich", antwortete er, "in kurzer Zeit erholt haben. Du hast ihnen eine Erschütterung beigebracht und sie für den Augenblick bewußtlos gemacht, aber bald werden sie wieder mit einer neuen Teufelei hinter uns her sein. Wärst du mit ihnen gegangen, dann hätten sie dich in jenen Morast dort drüben geführt und dich halb erwürgt darinnen umherwandern lassen, oder sie hätten dir noch ernsteren Schaden zugefügt. Du mußt stets eingedenk sein, daß sie in ihrer eigenen Sphäre große Macht über dich gewinnen, wenn du dich ihrer Führung in irgendwelchem Sinne anvertraust."

XXIV

Treufreund schlug nun vor, eine weitere Stadt in diesem merkwürdigen Lande zu besuchen, um daselbst den Mann zu treffen, dessen Schicksal das meine gewesen wäre, hätten Beharrlichkeit und Liebe mich nicht aufrecht erhalten. Unser beiderseitiger Lebenslauf unterschied sich in vieler Hinsicht, doch bot er auch übereinstimmende Momente, namentlich in bezug auf unsere Veranlagung. Dieser Umstand ließ mir die Kenntnis seiner Lebensgeschichte vorteilhaft erscheinen, während ich ihm andererseits vielleicht in späterer Zeit von Nutzen sein konnte.

"Es sind jetzt mehr als zehn Jahre her", sagte Treufreund, "seit dieser Mann die Erde verließ. Erst jüngst ist der Wunsch, fortzuschreiten, in ihm aufgetaucht. Ich fand ihn bei meinem früheren Besuch hier an diesem Orte. Es war mir möglich, ihm ein wenig Beistand zu leisten und ihn schließlich unserer Brüderschaft zuzuführen. Man hat mich benachrichtigt, daß er binnen kurzem diese Sphäre verlassen wird, um sie mit einer höheren zu vertauschen."

Ich war mit der vorgeschlagenen Reise einverstanden. Nach einem kurzen, aber sehr raschen Fluge befanden wir uns schwebend über einer weit ausgedehnten Lagune, auf deren dunklem Grunde eine große Stadt erbaut war. Ihre Türme und Paläste ragten aus dem Wasser hervor und warfen ihr Bild darauf wie auf einen Spiegel von schwarzem, mit dunkelroten Linien durchzogenem Marmor. Letztere machte den Eindruck, als ob es Ströme von Blut wären. Wie über jener anderen Stadt, so hing auch über dieser ein dunkler Wolkenmantel, der stellenweise von stahlgrauen oder feurigroten Dunstströmungen beleuchtet war. Allem Anscheine nach waren wir im Begriffe, das Venedig dieser unteren Sphären zu betreten. Als ich diese Vermutung Treufreund gegenüber aussprach, antwortete er: "Ja, so ist es. Du wirst hier viele berühmte Männer finden, deren Namen man in der Geschichte ihrer Zeit mit feurigblutigen Lettern geschrieben findet."

Wir betraten nun die Stadt selbst und besichtigten ihre hauptsächlichsten Kanäle und Plätze.
Ja, da waren sie, die entstellten Erscheinungen all der herrlichen Plätze, die uns durch den Stift der Künstler so vertraut waren. Da rauschte es in den Kanälen, als ob sich aus riesigen Schlachtbänken Ströme von dunkelgerötetem Blut ergössen. Die Fluten unterwühlten die Marmorstufen der Paläste und hinterließen zahlreiche schmutzige Flecke. Selbst aus den Steinen der Gebäude und des Wegpflasters schien Blut zu sickern und zu träufeln. Die Luft war dick von rötlichem Dunst. Tief unten in den geröteten Wassern sah ich die Gerippe der zahllosen Tausenden, die, durch Meuchelmord oder gesetzlichere Arten von Mord getötet; in den dunklen Fluten ihr Grab gefunden hatten: In den Gefängnissen, welche die Stadt unterminierten, nahm ich viele Geister wahr, die in dichten Haufen wie Raubtiere eingesperrt waren. Die Wildheit des Tigers und die rachsüchtige Bosheit gefesselter menschlicher Tyrannen offenbarten sich in ihren glühenden Augen und in jeder Bewegung ihrer kriechenden Gestalten.

Es waren Geister, für welche die Haft notwendig war, denn sie waren wilder als Raubtiere. Lange Züge von Amtspersonen der Stadt mit ihren Dienern, stolze Edle mit ihrem bunten Gefolge von Soldaten, Matrosen und Sklaven; Kaufleute und Priester, einfache Bürger und Fischer, Männer und Frauen aller Klassen und aller Zeiten kamen an uns vorüber. Fast alle waren verkommen und häßlich. Als sie vorüberzogen, schien es mir, als ob knöcherne Hände und gespensterhafte Arme durch die Steine des Pflasters aus den darunter befindlichen Gefängnissen heraufgriffen, um jene in ihr Elend herabzuziehen. Bei vielen bemerkte man einen abgehetzten Ausdruck im Gesicht, und schwere Sorge schien ihnen beständig im Nacken zu sitzen.

Weit draußen schwammen auf den Wassern der Lagune gespensterhafte Galeeren, die mit Sklaven bemannt waren. Sie waren an ihre Ruderbänke gekettet, aber kein hilfloses Opfer politischer oder privater Rache war unter ihnen zu finden. Es waren die Geister von hartherzigen Zuchtmeistern und geschickten Ränkeschmieden, die viele Menschen dem lebendigen Tod überantwortet hatten. Draußen im offenen Meere gewahrte ich größere Schiffe, während sich in nächster Nähe im zerstörten Hafen die geistigen Gegenstücke von Fahrzeugen aufhielten, die der Seeräuberei in der Adria gedient hatten. Diese waren mit Piratengeistern bemannt, welche einst Plünderung, Raub und Krieg zu ihrem Vergnügen getrieben hatten. Ihre Zeit verbrachten sie nun damit, daß sie sich gegenseitig bekämpften und auch Angriffe auf andere unternahmen. Gespensterhafte Gondeln schwammen auf den Wasserwegen in der Stadt. Sie trugen Geister, die noch den Geschäften und Vergnügungen ihres früheren Lebens oblagen.

In dem Venedig hier, wie auch in den anderen Städten dieser Sphäre, herrschte ein dem irdischen ähnliches Leben, nur daß diesem Orte alles Gute und Wahre, alle die wirklichen Patrioten und selbstlosen Bürger fehlten. Nur die Bösen waren geblieben, um sich gegenseitig zu berauben und in der Hand der Vorsehung ihren verbrecherischen Mitschuldigen gegenüber als Werkzeuge aufzutreten.
Auf der Brustwehr einer der kleineren Brücken fanden wir einen Mann sitzen, der die Kleidung der Brüder zur Hoffnung trug - ein dunkelgraues Gewand, wie auch ich eines im Anfange meiner Wanderungen angehabt hatte. Seine Arme waren über der Brust gekreuzt und sein Antlitz war durch den Hut so weit verdeckt, daß man seine Gesichtszüge nicht sehen konnte. Ich wußte jedoch sofort, daß dies der Mann war, welchem unser Kommen galt. Ebenso erkannte ich in ihm einen berühmten venetianischen Maler, mit dem ich in meiner Jugend verkehrt hatte. Wir waren uns später nicht wieder begegnet. Ich wußte nicht, daß er die Erde verlassen hatte, bis ich ihn jetzt auf der Brücke dieser Höllenstadt sitzend fand. Ich gestehe, dieses Wiedersehen erschütterte mich etwas, indem ich der Tage unserer Jugend gedachte und was das Leben ihm alles gebracht haben mußte, um aus ihm zu machen, was er jetzt war.

Da er uns nicht sah, schlug Treufreund vor, ein wenig zur Seite zu gehen, bis er mir das Schicksal dieses Geistes erzählt habe. Dann wollten wir beide uns ihm nähern und mit ihm sprechen. Der Ruf dieses Mannes - den ich Benedetto nennen will, da sein irdischer Name besser in Vergessenheit bleibt schien nach unserer Bekanntschaft rasch einen Ruf erlangt zu haben, denn er war beim Verkauf seiner Bilder sehr erfolgreich. Des Künstlers reichste Gönner waren Engländer und Amerikaner, die Venedig besuchten. Im Hause eines solchen begegnete Benedetto der Frau, die sein ganzes Leben hindurch einen verderblichen Einfluß auf ihn ausüben sollte. Er war jung, hübsch, feingebildet und stammte aus einer alten, aber armen Familie. Daher hatte er in der besten Gesellschaft Venedigs Zutritt. Die Dame, an die Benedetto sein Herz verlor, bekleidete einen höheren Rang in diesem Gesellschaftskreise. In seiner jugendlich romantischen Schwärmerei glaubte er, daß sie sich damit begnügen würde, die Frau eines strebsamen Künstlers zu werden, der nichts weiter besaß, als sein Talent und seinen wachsenden Ruf.

Sie war kaum zwanzig Jahre alt, als die beiden sich zum erstenmal begegneten. Ausgestattet mit allen den Reizen ermutigte sie Benedetto in jeder Weise, so daß der arme Junge glaubte, ihre Liebe sei ebenso innig wie die seinige. Aber bei all ihrer leidenschaftlichen Sucht nach Bewunderung und Liebe war sie kaltberechnend, ehrgeizig, oberflächlich und vor allem unfähig, wahre Liebe zu verstehen oder zu erwidern. Sie fühlte sich durch seine leidenschaftliche Huldigung geschmeichelt und war stolz, die Eroberung eines so hübschen und begabten Mannes gemacht zu haben - aber es lag ihr jeder Gedanke ferne, für ihn irgend etwas zu opfern. Selbst dann, wenn sie ihm am zärtlichsten erschien, waren ihre Herzenswünsche darauf gerichtet, die Frau eines venetianischen Edelmannes mittleren Alters zu werden, nach dessen Reichtum und Rang es sie gelüstete, während sie den Mann selbst verachtete.

Das Ende von Benedettos Traum kam nur allzu rasch. Er wagte es, seiner Angebeteten Herz und Zukunft zu Füßen zu legen, indem er ihr die Liebe seiner Seele gestand. Sie nahm dies alles sehr kühl entgegen und erklärte ihm, wie unmöglich es ihr sei, ohne Geld und Stellung zu leben. Schließlich verabschiedete sie ihn mit einer Gleichgültigkeit, die ihn fast wahnsinnig machte. Er verließ Venedig und ging nach Paris, wo er sich in alle Zerstreuungen dieser fröhlichen Stadt stürzte, um seine unglückselige Leidenschaft zu vergessen. So begegneten sich die beiden mehrere Jahre nicht. Da führte Benedettos Schicksal ihn noch einmal nach Venedig zurück - geheilt, wie er hoffte. Er war inzwischen ein berühmter Maler geworden. Die Dame hatte jenen Edelmann wirklich geheiratet und herrschte nun als Schönheit der Gesellschaft, umgeben von einer Menge von Bewunderern, die sie nicht immer bei ihrem Gatten einzuführen für nötig fand. Benedetto war entschlossen, ihr mit kalter Gleichgültigkeit entgegenzutreten, doch seine Absicht stand nicht im Einklange mit ihrem Willen. Einmal ihr Sklave, dann für immer - so war ihre Losung. Noch einmal warb sie um Benedettos Liebe, und sein Herz war leider bereit zu verzeihen, als sie ihm im gefühlvollsten Tone sagte, wie sehr sie den Weg jetzt bedauere, den sie eingeschlagen.

So wurde denn Benedetto ihr geheimer Liebhaber und lebte einige Zeit in einem Rausche von Glück. Doch nur kurze Zeit. Die Dame liebte neue Eroberungen, neue Sklaven, die ihr huldigten. Benedetto mit seiner Eifersucht und ewigen Ergebenheit wurde ihr langweilig, seine Anwesenheit lästig. Außerdem war ein anderer Verehrer vorhanden, den die Gräfin bevorzugte. Sie machte Benedetto gegenüber kein Hehl daraus und gab ihm zum zweiten Male den Laufpaß. Er drohte, flehte, schwor, daß er sich erschießen würde, wenn sie sich als treulos erweise. Nach einem heftigen Auftritte trennten sie sich schließlich und Benedetto ging nach Hause. Am nächsten Tage ließ man ihm durch den Diener sagen, daß die Gräfin es ablehne, ihn wiederzusehen. Die bittere Scham darüber, daß man ihn wie altes Eisen beiseite geworfen hatte, war zu viel für seine feurige Natur. Er ging in sein Atelier und schoß sich eine Kugel durch den Kopf.

Als sein Geist zum Bewußtsein kam, geschah es unter all den Schrecken eines lebendig Begrabenen, der in seinem Sarge erwacht. Er hatte seinen irdischen Körper zerstört, aber er konnte seinen Geist von ihm nicht loslösen, bis durch den Verfall des Körpers seine Seele frei wurde. Die ekelhaften Partikelchen des verwesenden Körpers umhüllten noch den Geist, das Band zwischen ihnen war noch nicht getrennt.

Welch schreckliches Schicksal, wenn man sich vorstellt, in welch fürchterlichen Zustand ein unbedachter Schritt aus Lebensüberdruß die Seele zu stürzen vermag! Wollten die Menschen auf Erden einem Selbstmörder wirklich einen guten Dienst erweisen, so würden sie seinen Körper nicht begraben, sondern verbrennen, damit die Seele durch diesen raschen Prozeß eher aus ihrem Gefängnis erlöst werde. Die Seele eines Selbstmörders ist nicht darauf vorbereitet, den Körper zu verlassen; sie gleicht einer unreifen Frucht, die nicht leicht von dem irdischen Baume fällt, der sie ernährte. Eine starke Erschütterung treibt sie zwar hinweg, aber sie bleibt trotzdem gefesselt, bis das Bindeglied geschwunden ist.

Von Zeit zu Zeit verfiel Benedetto in Bewußtlosigkeit und verlor für eine Weile das Gefühl seiner schrecklichen Lage. Nach dem Erwachen aus solchen Zuständen machte er stets die Beobachtung, daß der irdische Körper ganz allmählich seinen Halt am geistigen verlor und in Staub zerfiel. Aber so lange dies dauerte, hatte er in allen seinen Nerven die Qual der langsamen Auflösung zu erdulden. Die plötzliche Zerstörung des irdischen Körpers durch Feuer würde seinem Geiste zwar einen heftigeren Schlag versetzt haben, hätte ihm aber wenigstens die andauernde Qual des allmählichen Verfalls erspart. Endlich wurde die Verbindung zwischen dem materiellen und dem Geistkörper lockerer und letzterer stieg aus dem Grabe empor, über dem er sich aufhielt. Er war zwar noch gebunden, aber doch nicht mehr eingekerkert. Schließlich riß auch das letzte Band, und er konnte sich in der Erdsphäre auf die Wanderschaft begeben.

Im Anfang war seine Fähigkeit, zu hören, zu sehen und zu fühlen nur sehr schwach ausgebildet, dann aber entwickelten sich seine Sinne allmählich und er wurde sich seiner Umgebung bewußt. Mit den Kräften kehrten auch die Leidenschaften und Wünsche seines irdischen Lebens zurück. Zugleich wurde ihm das Wissen zuteil, wie er dieselben befriedigen konnte. Und wieder suchte er wie in seinem Erdenleben, Kummer und Bitterkeit im Rausche sinnlicher Genüsse zu vergessen. Aber dieses Mal vergebens. Sein Erinnerungsvermögen blieb stets wach und quälte ihn mit seiner Vergangenheit. In seiner Seele war ein Durst nach Rache - nach der Macht, sie ebenso leiden zu lassen, wie sie ihn leiden ließ. Die starke Kraft seiner Gedanken führte ihn schließlich dahin, wo sie sich befand. Er traf sie, wie einst umgeben von ihrem kleinen Hofe fröhlicher Verehrer. Sie war immer noch dieselbe herzlose Person, die durch sein Schicksal nicht gerührt worden war. Der Gedanke an die furchtbaren Leiden, die die Liebe zu diesem Weibe über ihn gebracht hatte, machte ihn fast wahnsinnig. Schließlich war sein ganzes Sinnen und Trachten, wie er Mittel und Wege finden könne, sie aller jener Dinge zu berauben, die sie höher schätzte als Liebe und Ehre, ja selbst höher als das Leben ihrer Opfer.

Es gelang ihm, dies zu erreichen. Denn Geister haben mehr Macht, als die Sterblichen es sich träumen lassen. Stufe um Stufe sank sie von ihrer stolzen Höhe herab; verlor zuerst ihren Reichtum, dann die Ehre. Entblößt des Scheines wurde sie als das erkannt, was sie wirklich war - als eine gemeine Verführerin, welche mit Männerseelen spielte, unbesorgt um ihres Gatten Ehre und ihren guten Ruf, so lange sie ihre Ränke vor den Augen der Welt verbergen und über den Leichnam jedes neuen Opfers hinweg zu größerem Reichtum und höherer Macht gelangen konnte.

Benedetto empfand trotz seines eigenen Elends Trost bei dem Gedanken, daß seine Hand es war, die sie herabzog und ihren verborgenen Eigennutz entlarvte. Sie fragte sich erstaunt, wie es kam, daß alle die vielen Ereignisse nur nach dem einen Ziele drängten - nach ihrem Ruine; wie es möglich war, daß ihre sorgfältigsten Pläne durchkreuzt, ihre eifersüchtig gehüteten Geheimnisse an das Tageslicht kamen. Schließlich lebte sie in beständiger Angst vor dem, was jeder neue Tag bringen konnte. Es war ihr, als ob eine unsichtbare Macht am Werke sei, deren Walten sie nicht entrinnen konnte. Da dachte sie an Benedetto und seine letzten Drohungen, daß er sich selbst zur Hölle senden und sie mit sich ziehen würde. Sie hatte geglaubt, er wolle sie vielleicht umbringen. Und als sie hörte, daß er sich erschossen habe, fühlte sie sich erleichtert und hatte ihn bald vergessen. Jetzt aber mußte sie fortwährend an ihn denken und konnte diese Zwangsgedanken nicht los werden. Die Angst, er könnte aus dem Grabe auferstehen und sie heimsuchen, machte sie erbeben.

Während dieser ganzen Zeit stand Benedettos Geist unsichtbar neben ihr und raunte ihr in die Ohren, daß es seine Rache sei, die sie endlich erreicht habe. Er sprach von der Vergangenheit und seiner Liebe, die sich nun in brennenden Haß verwandelt habe. Dieser Haß verzehre ihn wie das Feuer der Hölle, dessen Flammen auch ihre Seele ergreifen und sie zur Verzweiflung treiben würden, so wie ihm geschehen.

Ihre Seele fühlte seine lästige Anwesenheit, wenngleich ihre körperlichen Augen nichts wahrnehmen konnten. Umsonst ging sie überall hin, wo sie Menschen traf, um ihm zu entrinnen. Der Spuk wich nicht von ihrer Seite. Von Tag zu Tag wurde dieses Etwas deutlicher, immer wirklicher, es gab kein Entkommen. Eines Abends endlich sah sie ihn im mattgrauen Zwielicht, mit wild drohenden Augen voll leidenschaftlichen Hasses in jeder Linie seines Gesichtes. Diese Erschütterung war zu stark für ihre überreizten Nerven und sie fiel tot zu Boden.

Nun wußte Benedetto, daß er sein Ziel erreicht und sie getötet hatte, und daß ihm hinfort das Kainszeichen des Mordes auf der Stirne brannte. Da ergriff ihn Entsetzen vor sich selbst; die Tat, die er begangen, erfüllte ihn mit Abscheu. Er hatte beabsichtigt, wenn ihr Geist den Körper verlasse, ihn mit sich herabzuziehen und ihn ewig zu quälen, so daß ihre Seele auch jenseits des Grabes keine Ruhe finden sollte. Doch jetzt war es sein einziges Bestreben, sich selbst und seiner schrecklichen Tat zu entfliehen, denn alles Gute war in diesem Manne nicht erstorben. Der Schlag, welcher die Gräfin tötete, hatte ihm die wahre Natur seiner Rachegefühle zum Bewußtsein gebracht. Da floh er die Erde; immer weiter hinab führte sein Weg bis zu dieser Höllenstadt; dem richtigen Wohnort für solche Verbrecher, wie er einer geworden war.

"An dieser Stelle fand ich ihn", sagte Treufreund. "Hier war es, wo ich dem reuigen Manne Beistand leisten und ihm zeigen konnte, wie er sein Unrecht wieder gutmachen könne. Er erwartet nun das Kommen der Frau, die er so sehr liebte und haßte, um sie um Verzeihung zu bitten und ihr selbst zu vergeben. Sie wurde ebenfalls zu dieser Sphäre herabgezogen, denn auch ihr Leben war voller Schuld. Hier, in diesem Gegenstück von jener Stadt, in der die Geschichte ihrer irdischen Liebe spielte, werden sie sich wieder begegnen. Er erwartet sie nun auf dieser Brücke, wo sie ihn in der Vergangenheit so oft getroffen hatte."

"Wird sie bald kommen?"
"Ja! sehr bald. Dann wird sein Aufenthalt in dieser Sphäre zu Ende sein und er wird in eine höhere Sphäre übergehen, wo sein aufgeregter Geist endlich eine Zeitlang Ruhe finden wird, bevor er mühevollen Schrittes den steinigen Weg zum Licht betreten wird."
"Wird sie diese Sphäre mit ihm zusammen verlassen?"
"O nein! Man wird ihr ebenfalls zum Fortschreiten behilflich sein, aber die Wege der beiden gehen weit auseinander. Es bestand keine wirkliche Verwandtschaft zwischen ihnen, nur Leidenschaft, Stolz und verwundete Selbstliebe. Sie werden sich hier trennen, um sich nie wieder zu begegnen."

Wir näherten uns jetzt Benedetto. Als ich ihm auf die Schulter klopfte, fuhr er auf und wandte sich um. Er erkannte mich jedoch nicht sogleich. Da brachte ich mich ihm in Erinnerung und sagte, wie sehr ich mich freue, unsere frühere Freundschaft erneuern und in jenen höheren Sphären fortsetzen zu können, wo wir uns hoffentlich bald wieder treffen würden. Ich erzählte ihm kurz, daß auch ich gesündigt und gelitten hätte und nun meinen Weg nach aufwärts ginge: Unser Wiedersehen schien ihn sehr zu freuen. Er schüttelte meine Hand unter großer Bewegung, als wir uns verabschiedeten: Treufreund und ich gingen dann weg und ließen ihn auf der Brücke zurück, um die letzte Zusammenkunft mit derjenigen zu erwarten, die ihm einst so teuer war und jetzt nur noch eine schmerzliche Erinnerung für ihn bedeutete.

Als wir uns auf dem Wege von Venedig nach jener Ebene befanden, welche ich jetzt als die geistige Seite der Lombardei erkannte, wurde plötzlich meine Aufmerksamkeit durch eine Stimme erregt, die in jämmerlichem Tone um Hilfe rief. Als ich mich nach rechts wandte, sah ich zwei Geister hilflos am Boden liegen. Der eine gab mir Zeichen, wie um mich zu veranlassen, zu ihm zu kommen. In der Meinung, daß jemand meines Beistandes bedürfe, verließ ich meinen Begleiter und ging, um zu sehen, was es gebe. Der Geist streckte seine Hand nach mir aus und murmelte, ich möchte ihm helfen. Als ich mich niederbeugte, machte er zu meiner Überraschung mit seinen Händen einen Griff nach meinen Beinen und versuchte, mich in den Arm zu beißen. Der andere dagegen erhob sich plötzlich, um mir wie ein Wolf an die Kehle zu springen. Mit einiger Mühe und, wie ich gestehe, mit einer guten Dosis Zorn schüttelte ich sie ab und trat zurück. Da strauchelte ich plötzlich, und bei dieser Seitwärtsbewegung sah ich, daß sich hinter mir eine tiefe Grube geöffnet hatte, in die ich beim nächsten Schritte nach rückwärts hätte fallen müssen.

Ich erinnerte mich nun der mir gegebenen Anweisungen, meinen niederen Leidenschaften ja nicht die Zügel schießen zu lassen und mich durch ein solches Gebahren nicht auf eine Stufe mit diesen Wesen zu bringen. Der kurze Zornausbruch tat mir daher leid und ich beschloß, künftig ruhig und kalt zu bleiben. Ich wandte mich den beiden Geistern wieder zu und bemerkte, daß der eine, den ich für verwundet gehalten hatte, den Boden entlang auf mich zu kroch, während der andere gleich einem wilden Tiere zum Sprunge bereit war. Indem ich meine Augen ruhig auf das Paar heftete, erkannte ich jetzt in dem einen den Mann mit der geschrumpften Hand und in dem anderen seinen Freund, der mich kürzlich durch die falsche Botschaft zu täuschen suchte. Ich blickte sie ruhig an, indem ich mit meiner ganzen Willenskraft innerlich gebot, daß sie nicht näher kommen dürften. Als ich dies tat, stutzten sie und hielten inne. Dann wälzten sie sich auf dem Boden, indem sie wie Wölfe mit den Zähnen fletschten; sie waren jedoch unfähig, sich mir auch nur einen Schritt zu nähern. In dieser Verfassung verließ ich sie und eilte Treufreund nach, um ihm mein Abenteuer zu erzählen.

Dieser lachte und sprach: "Ich hätte dir sagen können, wer jene beiden waren, Franchezzo. Aber ich fühlte, daß es nicht schaden könne, dich hier dir selbst zu überlassen, damit es dir bewußt werde, welch wertvoller Schutz deine eigene Charakterstärke und Entschlossenheit unter Umständen sein kann. Du bist von Natur aus willensstark. So lange du deinen Willen nicht gebrauchst, um die Rechte anderer zu schmälern, ist er eine wertvolle Eigenschaft. Bei deiner Arbeit in der geistigen Welt wirst du gefunden haben, daß dein Wille der mächtige Hebel ist, durch den du nicht allein auf deine Umgebung wirken kannst, sondern auch auf die scheinbar unbeseelte Materie. Diese beiden Geister werden wahrscheinlich von Zeit zu Zeit deinen Weg kreuzen. Ich denke, daß du ihnen dann wie jetzt zeigen wirst, wer ihr Meister, wer die gebietende Persönlichkeit ist. Sie werden sich scheuen, direkt wieder mit dir anzubinden. So lange du aber auf dem Erdenplane arbeitest, wirst du sie stets bereit finden, deine Pläne nach Möglichkeit zu vereiteln.

XXV

Vor unserem Auge entrollte sich in wellenförmigen Linien eine weitausgedehnte Ebene, auf der große Massen dunkler Geister marschierten. Auf Treufreunds Rat hin bestiegen wir eine kleine Anhöhe, um von hier aus diese Bewegungen zu verfolgen.
"Wir werden jetzt", sagte Treufreund, "Zeugen einer jener Schlachten sein, ausgefochten von den feindlichen Streitkräften solcher dunkler Geister, die an Krieg, Plünderungen und Blutvergießen ihre Freude hatten. Hier in der Dunkelheit, welche die Folge ihrer Grausamkeit und Ehrsucht auf Erden ist, üben sie ihre Tätigkeit weiter aus, indem sie um die Vorherrschaft in den Reichen der Hölle miteinander kämpfen. Schau, wie sie ihre Kräfte zu einem Angriff auf die anderen sammeln und beobachte die Geschicklichkeit ihrer Heeresbewegungen. Die mächtigen Geister von Männern, die auf Erden Heere führten, lenken hier die unglücklichen Wesen, welche ihrem Zauber nicht widerstehen können. So zwingen sie die weniger starken Geister, unter ihren Fahnen zu kämpfen, ob sie wollen oder nicht.

Du wirst bemerken, daß diese mächtigen Feldherren in einem schlimmeren als nur tödlichen Kampfe liegen, denn kein Tod kann den Streit beenden. Sie erneuern den Kampf immer wieder, so daß er bis in alle Ewigkeit zu dauern scheint. Oder bis der eine oder andere Führer schließlich Überdruß empfindet und nach einem höheren Triumph der Seele verlangt als der, welcher über diese armen Wesen in Schlachten zu gewinnen ist, wo der Sieg nur ein neues Recht verleiht, den Besiegten zu quälen und zu unterdrücken. Dieselben Triebe und Gaben, die jetzt in Ehrgeiz und in Verlangen nach Grausamkeit und Herrschaft als einziges Ziel ausgeartet sind, werden geläutert diese Geister zu mächtigen Helfern machen, wo sie jetzt Zerstörer sind. Dieselben Willenskräfte werden dann den Fortschritt im gleichen Maße beschleunigen, wie sie ihn jetzt verzögern. Wann dieser Fortschritt stattfinden wird, hängt für jeden ab vom Erwachen der schlummernden Liebe zur Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Wenn auch diese Keime des Höheren zwischen der Masse von Bösem, das sie belastet, verborgen liegen, so wird doch für jeden eine Zeit kommen, wo die höhere Natur erwacht und diese ausgestreuten Keime des Guten zum Treiben bringt. Die Folge davon ist Reue, sowie eine reichliche Ernte von Streben nach guten Werken."

Wir überschauten die weite Ebene und bemerkten jetzt, daß die beiden gewaltigen Geisterheere aufmarschiert waren und sich in Schlachtordnung gegenüberstanden. Hier und dort nahmen wir starke Geister wahr, von denen jeder seine Schar oder Abteilung wie bei einer irdischen Armee anführte. Auf dem Flügel der feindlichen Kräfte befanden sich zwei majastätische Wesen, die als Vorbilder zu Luzifer hätten dienen können, so stark war der Eindruck von Macht und hoher Intelligenz, den sie auf mich machten. Jeder von ihnen war schön und stattlich in bezug auf Gesicht und Gestalt - von königlicher Majestät selbst bei der Entwürdigung, die ihnen in der Hölle widerfahren. Aber es war die Schönheit eines wilden Tigers, der seinem Feinde auflauert, um ihn in Stücke zu reißen. Dunkel und abstoßend waren ihre Mienen, grausam wild ihre glühenden Augen und ein falsches Lächeln ließ scharfe Zähne wie die von Raubtieren erkennen. Die List der Schlange war in ihrem Blick und die Gier des Geiers in ihrem Lächeln. Beide fuhren in ihren Streitwagen, gezogen von den Geistern herabgekommener Menschen, die sie wie Lasttiere vorwärts trieben, und die im Gemenge wie das Vieh niedergetreten wurden.

Wilde Musikweisen, die sich wie das Wehgeschrei verdammter Seelen und das Brausen eines gewaltigen Orkans anhörten, erschallten auf beiden Seiten der versammelten Heere. Auf einmal rückten sie vor und fielen übereinander her, indem sie durch die Luft sausten oder sich am Boden entlang bewegten stoßend, drängend und trampelnd wie eine Herde wilder Tiere. Wo sie kamen und gingen, erfüllten ihre Flüche als grimmiges Geschrei die Luft und machten die Hölle noch scheußlicher als sie schon war. Sie unternahmen Angriffe und Gegenangriffe; machten Märsche und Gegenmärsche; diese geistigen Armeen des Todes - wie sie es in den Schlachten des Erdenlebens getan hatten. Sie kämpften wie Dämonen, nicht wie Menschen, denn sie hatten keine anderen Waffen als die der wilden Tiere - Zähne und Klauen. Ist schon eine Schlacht mit irdischen Waffen entsetzlich, so war dies hier doppelt der Fall, wo man wie Wolf und Tiger kämpfte, während die beiden mächtigen Führer die Massen vorwärts drängten und sich an ihre Spitze stellten, wenn im Verlauf des Kampfes die eine oder andere Seite zurückgeworfen wurde.

Diese beiden dunklen königlichen Geister ragten aus allen hervor. Jeder auf die Vernichtung des anderen bedacht, erhoben sie sich über die fechtenden Massen und hefteten den Blick in tödlichstem Haß aufeinander. Mit ihren dunklen Gewändern, die sich wie Flügel hinter ihnen ausspannten, durch die Luft fliegend, rangen und stritten sie heiß um die Herrschaft. Es war, als ob zwei Adler in den Lüften miteinander kämpften, während unter ihnen eine Menge Aaskrähen sich um Würmer stritten. Ich wandte mich von den Krähen ab, um die Adler zu beobachten, wie sie, mit keinen anderen Waffen als ihren Händen und ihrem mächtigen Willen, gleich wilden Tieren im Gehölz miteinander kämpften.

Sie stießen keinen Laut aus, sondern faßten sich mit tödlichem Griff, damit keiner sich erhole, und zerrten sich in der Luft hin und her. Bald war der eine, bald der andere oben. Ihre grimmigen Blicke kreuzten sich wie feurige Pfeile, mit ihrem heißen Atem versengten sie sich gegenseitig das Gesicht. Mit ihren Fingern packten sie sich an der Kehle, und jeder suchte seinen Gegner mit den Zähnen zu fassen. Auf und ab wanden sie sich, so daß es ein Todeskampf für beide zu sein schien. Schließlich begann einer schwach zu werden. Der andere kam obenauf und trug ihn zu Boden, um ihn über einen steilen Abhang hinab in eine der Felsenspalten zu stürzen, die das Schlachtfeld umsäumten. Es war eine finstere und grauenvolle Kluft, in die er den Besiegten zu stoßen beabsichtigte, um ihn gefangen zu halten. Der Unterlegene wollte nicht nachgeben und hing sich mit aller Gewalt an den anderen, um ihn wenn möglich mit sich herabzureißen. Jedoch vergebens, seine Kräfte verließen ihn. Als sie die schwarze Spalte erreichten, sah ich, wie der oberste sich durch eine mächtige Anstrengung frei machte und den anderen von sich hinweg in die schreckliche Tiefe hinabschleuderte.

Mit Schaudern wandte ich mich ab und bemerkte, daß der Kampf nicht minder grimmig auf der Ebene gewüstet hatte. Jene Geisterheere hatten heiß gefochten, und die Armee des siegreichen Feldherrn hatte die Streitkräfte des Besiegten zurückgeschlagen, bis sie bezwungen und nach allen Richtungen hin zerstreut waren. Ihre kampfunfähigen Kameraden hatten sie auf dem Felde liegen lassen, während die Sieger ihre Gefangenen mit sich nahmen. Welches Schicksal dieser harrte, konnte ich nur allzuleicht erraten.
Von Ekel und Abscheu über die Rohheiten erfüllt, hätte ich den Ort gerne verlassen, aber Treufreund klopfte mir auf die Schulter und sprach: "Nun ist die Zeit für unser Werk gekommen, mein Freund. Laßt uns dort hinabsteigen und sehen, ob niemand da ist, dem wir helfen können. Unter den Besiegten werden wir solche finden, die den Krieg und seine Schrecken ebenso verabscheuen wie du, und die über unsere Hilfe sehr erfreut sein dürften." So stiegen wir denn hinab.

Die Ebene glich einem Schlachtfelde nach Anbruch der Nacht, auf dem nur die Verwundeten und Toten zurückgeblieben. Alle anderen Geister waren auf und davon, wie eine Schar böser Vögel, welche nach frischem Aas suchen. Ich stand jetzt zwischen einer Menge sich krümmender und klagender Wesen und wußte nicht, wo ich mit meiner Hilfe beginnen sollte - es waren der Hilfsbedürftigen so viele! Es war tausendmal schlimmer als auf einem Schlachtfelde der Erde. Dort gab es wenigstens Friede und Todesschlaf, um die Qual zu lindern, und Hoffnung auf Hilfe für die, welche noch lebten. Hier jedoch in dieser grauenvollen Hölle schien es keine Hoffnung, keinen Tod zu geben, der die Leidenden erlöste. Keinen Morgen, der nach der Nacht des Elends heraufdämmern konnte. Wenn sie sich erholten - würde dieses schreckliche Leben nicht von neuem beginnen und stets von diesen grimmigen Bestien von Menschen umgeben sein?

Ich beugte mich nieder und versuchte das Haupt eines Unglücklichen zu heben, der wehklagend zu meinen Füßen lag. Sein geistiger Körper schien zu einer formlosen Masse zermalmt. Als ich dies tat, ertönte die geheimnisvolle Stimme an mein Ohr:
"Auch in der Hölle ist Hoffnung vorhanden, wozu wärst du denn sonst hier? Die dunkelste Stunde ist immer die vor der Dämmerung. Für diese Besiegten und Gefallenen ist nun die Stunde der Verwandlung gekommen. Der Wunsch nach besseren Zuständen, das Zurückschaudern vor dem Bösen ihrer Umgebung hat sie im Vollbringen von Übeltaten der Hölle und ihrer Bewohner schwach gemacht. Er ließ sie zögern, mit der unbarmherzigen Kraft jener anderen herzloseren Wesen vorzugehen. So wurden sie niedergerungen und besiegt, aber ihre Ohnmacht wird ihnen die Pforten zu einem besseren Zustande öffnen. Klage nicht um sie, sondern suche ihre Leiden zu mildern, damit sie in den Todesschlaf dieser Sphäre versinken und in der nächst höheren Sphäre zu neuem Leben erwachen."

"Und was", fragte ich, "soll mit jenem mächtigen Geiste geschehen, der in die dunkle Kluft hinabgestoßen wurde?" "Auch ihm wird zur rechten Zeit Beistand geleistet werden, doch jetzt ist seine Seele noch nicht reif zur Hilfe. Bis dahin ist jede Bemühung nutzlos."
Die Stimme verstummte. Treufreund zeigte mir, wie ich die Müden in Schlaf versetzen solle und wies auf zahlreiche Lichtpunkte hin, die auf diesem Felde der Qual gleich Sternen sichtbar geworden waren. Sie rührten von unseren Ordensbrüdern her, die gleich uns auf ihrem Wege der Liebe und Barmherzigkeit sich hierhergezogen fühlten. Kurze Zeit nachdem die sich wälzenden, wehklagenden Geister in Bewußtlosigkeit versunken waren, hatte ich ein Gesicht, das seltsam und wundervoll war. Ober jeder stillen Gestalt erhob sich schwebend ein schwacher, nebeliger Dunst, wie ich es einst bei einem Geiste beobachtet hatte, den wir gerettet hatten. Allmählich wurden diese Dünste dichter und nahmen die Gestalt seiner erlösten Seele an. Dann wurden diese von Scharen ätherischer Geister, die sich zu unseren Häupten versammelt hatten, hinweggetragen, bis endlich der letzte gegangen und das Werk vollendet war.

XXVI

Jene Brüder der Hoffnung, die gleich mir den verwundeten Geistern Beistand geleistet hatten, gehörten alle zur selben Abteilung wie ich. Die kleinen Sternenlichter, die wir alle bei uns führten, leuchteten in der Tat wie Symbole der Hoffnung in der Finsternis. Treufreund und ich schlossen uns den anderen an und tauschten Begrüßungen und Glückwünsche aus wie Soldaten, die nach einem erfolgreichen Feldzuge nach Hause zurückkehren.

Bevor wir den Feuerring, der dieses Reich umschloß, wieder durchschritten, führte uns der Leiter unserer Truppe auf einen hohen Berg. Hier konnten wir alle Städte, Ebenen und Gebirge des "Landes der Finsternis" überblicken, die ein jeder von uns auf seiner Wanderschaft berührt hatte. Vom Gipfel des Berges aus vermochten wir das gewaltige Panorama der Hölle vor unseren Füßen zu betrachten. Dann richtete unser Führer folgende feierliche Worte an uns:

"Dieses Land, auf das wir jetzt herabschauen, ist nur ein verschwindend kleiner Teil der großen Sphäre, welche die Menschen mit "Hölle" zu bezeichnen pflegen. Es gibt auch über uns noch dunkle Sphären, wo eine Seele tief zu sinken vermag in schreckliche Verbrechen und Leiden. Die große Zone dunkler Materie, aus welcher diese niedrigste aller Erdsphären gebildet ist, erstreckt sich viele Millionen Meilen um uns her. Sie birgt in ihrem Bereiche alle jene sündhaften Seelen, die ihr materielles Leben auf der Erde verbracht haben. Ihr Dasein geht zurück bis in die entferntesten Zeitalter, wo der Planet Erde die ersten selbstbewußten Wesen heranreifen ließ, deren Bestimmung es war, durch Leiden sich zu erlösen, bis sie sich von allen Schlacken ihrer niederen Natur gereinigt haben würden. Die ungeheure Zahl von Seelen ist gleich den Sternen am Himmel und dem Sande am Meer, denn jeder Mensch baut sich seine Wohnung auf den höheren oder tieferen Ebenen selbst. So werden diese großen Sphären bevölkert und es bilden sich ihre mannigfaltigen Wohnorte heran.

Weit über das Fassungsvermögen eines Sterblichen hinaus ist die Mannigfaltigkeit der Myriaden von Orten in den Sphären, da jeder das individuelle Gepräge des Geistes trägt, durch dessen Lebenstätigkeit er entstanden ist. Wie unter den zahllosen Geschöpfen der Erde nicht zwei Gesichter, nicht zwei Seelen sich völlig gleichen, so stimmen auch in der geistigen Welt keine zwei Plätze überein. Jeder Ort, ja selbst jede Sphäre ist die besondere Schöpfung verschiedener Klassen von Geistern. Und da verwandte Seelen sich in der geistigen Welt zueinander hingezogen fühlen, wird jeder Platz der besonderen Eigenart seiner Bewohner entsprechen.
Wenn ihr daher eine Beschreibung von einer Sphäre gebt, so könnt ihr natürlich nur erzählen, was ihr gesehen habt und könnt nur jene Orte schildern, von denen ihr angezogen wurdet. Ein anderer Geist, der einen anderen Teil derselben Sphäre gesehen hat, wird diese möglicherweise so ganz anders beschreiben, daß die Menschen, die alle Dinge nach ihrem eigenen Maßstab von Wahrscheinlichkeit messen, behaupten werden, daß ihr beide Unrecht haben müßt, da ihr in der Schilderung so weit auseinandergeht. Sie vergessen, daß Rom nicht Mailand, Genua oder Venedig ist, und doch liegen alle diese Städte in Italien. Alle werden gewisse charakteristische Eigentümlichkeiten, aber auch übereinstimmende nationale Züge haben. Um noch drastischere Beispiele anzuführen: New York und Konstantinopel sind beide Städte auf dem Planeten Erde, doch besteht zwischen ihnen und ihrer Bevölkerung ein so großer Unterschied, daß wir nicht mehr nach gemeinsamen nationalen Eigentümlichkeiten suchen können. Beide sind zwar von der menschlichen Rasse bewohnt, ihrem Äußeren nach, sowie in Gewohnheiten und Sitten aber grundverschieden.

Auf euren Wanderungen zu allen den unglücklichen Wesen, die ihr in dem Sumpf ihrer Sünden kriechend fandet, werdet ihr die unzerstörbaren Keime menschlicher Seelen beobachtet haben. So lange auch die Prüfung einer Seele dauern mag und sie die Stunde ihrer Erlösung durch Verkehrung ihrer Kräfte verzögern kann: allen ist dennoch das ihnen angeborene Recht der Hoffnung zuteil geworden. Für jede Seele wird schließlich die Stunde des Erwachens kommen. Selbst jene, die zu tiefsten Tiefen herabgesunken sind, werden sich erheben und sich wieder zu jener Höhe emporschwingen, von der sie einst ausgegangen waren.

Bitter und schrecklich ist die Schuld, welche die sündige Seele für ihre wilden Ausschweifungen bezahlen muß; aber einmal bezahlt, ist diese beglichen für immer, es gibt keinen unerbittlichen Gläubiger, der zu dem reuigen Verschwender sagen kann: "Gehe hin, dein Schicksal ist besiegelt und die Stunde der Erlösung ist verpaßt. O Brüder der Hoffnung! Kann der Mensch in seiner Kleinheit die Allgüte Gottes je errnessen? Kann der Mensch der Gnade des All-Liebenden eine Grenze setzen und behaupten, sie werde einem gramgebeugten Sünder verweigert, wie groß auch dessen Schuld sei? Gottes Stimme spricht zu uns in jedem Grasblatt, das sich entfaltet, in jedem Lichtstrahl, der uns trifft: "Wir groß ist die Güte und Barmherzigkeit unseres Gottes!" Seine Stimme ertönt durch seine Engel und dienenden Geister allen, die bereuen und um Vergebung flehen. Sie verkündet, daß Gnade und Verzeihung stets voll und ganz allen gewährt wird, die sie ernstlich suchen und getreulich streben, sie zu verdienen.

Selbst jenseits des Grabes, ja noch innerhalb der Hölle gibt es Barmherzigkeit und Verzeihung, Hoffnung und Liebe für alle. Kein Atom der unsterblichen Seelenessenz, die dem Menschen eingehaucht zu einer bewußten, lebendigen Individualität herangewachsen ist, geht jemals wieder verloren, noch wird es der gänzlichen Vernichtung oder ewigen Pein preisgegeben. Diejenigen, welche anderes lehren, irren - ich hätte fast gesagt: sündigen! Sie verschließen damit dem Menschen die Tür der Hoffnung und machen seine irrende Seele um so mehr verzweifeln, je hoffnungsloser sie ist. Denn sie glaubt dann, daß der Tod das Endsiegel der Verdammnis auf ihr Schicksal gedrückt habe. Ich wünsche, daß ihr auf den Erdenplan überall die Wahrheit verkündigt, die ihr auf euren Wanderungen erkannt habt. Seid auch darauf bedacht, daß alle das Gefühl der Hoffnung haben und einsehen, wie notwendig es ist, auf den rechten Weg zu achten, so lange es noch Zeit ist. Viel leichter ist es für den Menschen, seine Übeltaten noch auf Erden wieder gutzumachen, als wenn er damit wartet, bis der Tod eine Schranke zwischen ihm und denen gesetzt hat, mit welchen er sich versöhnen möchte.

Alles, was ihr in jenen Höllen gesehen habt, war die Frucht von der Menschen schlechtem Lebenswandel - die Frucht der Werke ihrer eigenen Vergangenheit auf Erden. Nichts war da vorhanden, das einer Schöpfung der wahren Seelennatur entsprochen hätte. So schrecklich euch auch die dunklen Gefängnisse erschienen, so tief erschüttert ihr auch beim Anblick dieser unglücklichen Geister gewesen seid: stets müßt ihr euch erinnern, daß sie sich zu dem, was sie sind, selbst gemacht haben. Gott hat keines Gramms Gewicht der Bürde irgend eines Menschen zugefügt. So muß es Aufgabe eines jeden sein, das wieder gut zu machen, was er zerstört hat, das wieder zu läutern, was er in den Staub getreten hat. Dann werden diese verkommenen Gestalten samt ihrer schrecklichen Umgebung mit glücklicheren Verhältnissen, reineren Körpern und friedlicheren Behausungen vertauscht werden. Wenn endlich im Laufe der Zeit das Gute auf Erden alles Böse überwunden haben wird, werden diese traurigen Gegenden und Plätze hinweggefegt werden wie der Meeresschaum durch die Wellen der ansteigenden Flut. Klare Wasser des Lebens werden sich über diese Orte ergießen und sie reinigen, bis jene schwarzen Berge, die schwere Atmosphäre und die schmutzigen Wohnplätze im läuternden Feuer der Reue aufgehen.

Nichts ist für immer verloren, nichts kann für ewig vernichtet werden. Jene Atome, die euer Körper heute anzieht, werden morgen wieder abgestoßen und gehen weiter, um andere Formen zu bilden. Die Ausströmungen der geistigen Natur des Menschen bilden jetzt in den Erdsphären Formen. Wenn aber später kein genügend grober Magnetismus mehr vorhanden sein wird, um jene groben Partikelchen zusammenzuhalten, aus denen die niederen Erdsphären bestehen, dann werden diese Atome von der Gefolgschaft der materiellen und geistigen Erde entbunden. Sie schweben dann frei im Äther, bis sie zu einem anderen Planeten hingezogen werden, dessen Sphären ihren Eigenschaften verwandt sind und dessen geistige Bewohner sich auf einer gleichartig-dichten Ebene befinden. So bildeten eben diese Berge und dieses Land hier in der Vergangenheit die niederen Sphären anderer Planeten, die jetzt schon zu hochentwickelt sind, um sie noch anzuziehen. Wenn unsere Erde aufgehört hat sie festzuhalten, werden sie abgestoßen, um die Sphären eines anderen Planeten zu bilden.

So sind auch unsere höheren Sphären aus mehr ätherisierter, aber immer noch stofflicher Materie gebildet, die den Sphären vorgeschrittenerer Planeten entstammt. Ihre Atome werden einst auch unsere Erde verlassen, um von einem Nachfolger wiederum aufgesogen zu werden. Nichts geht verloren, nichts ist wirklich neu. Die Dinge sind nur neue Kombinationen von dem, was bereits bestand und seinem Wesen nach ewig ist. Welch letzte Höhe der Entwicklung wir erreichen werden? Niemand kann es wissen, da es für unsere Erkenntnis und unseren Fortschritt keine Grenzen gibt. Wir müssen selbst die andauerndsten Prüfungen des Erdenlebens in diesen dunklen Sphären als Stufen betrachten, auf denen wir schließlich zum Throne der Himmel hinansteigen.

Was wir sehen und begreifen können, ist die allzeit gegenwärtige Wahrheit, daß die Hoffnung ewig und ein Fortschritt stets möglich ist selbst für die niedrigste und verkommenste Seele. Diese große Wahrheit sollt ihr allen Menschen predigen, wenn ihr zu den Erdsphären und eurer Arbeit daselbst zurückkehrt. Und wie man euch geholfen hat, so legen euch wiederum Dankbarkeit und Liebe die Verpflichtung auf, anderen Beistand zu leisten. Laßt uns jetzt diesem dunklen Lande Lebewohl sagen: nicht in Trauer über seine Trostlosigkeit und Sünden, sondern in vertrauensvoller Hoffnung und im ernsten Gebet für die Zukunft aller, die sich noch in den Fesseln des Leidens und der Sünde befinden."

Nachdem unser großer Führer seine Ansprache geschlossen hatte, warfen wir noch einen letzten Blick auf das dunkle Land. Vom Berge herabsteigend, durchschritten wir noch einmal den Feuerring, dessen Partikel wie zuvor durch unseren Willen zur Seite getrieben wurden, so daß wir in voller Sicherheit hindurch konnten. Hiermit waren meine Wanderungen in den Reichen der Hölle beendet.
 
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