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DIE TAGE DER FINSTERNIS
I
Ich pilgerte durch ein fernes Land - durch
Gegenden, welche bei euch auf Erden weder Namen noch Raum haben. Nun wünsche
ich, die Ergebnisse meiner Wanderungen niederzuschreiben, damit die, deren
Marschrichtung nach jener Grenze hinweist, wissen mögen, was ihrer
harrt.
In meinem irdischen Dasein lebte ich wie
alle, die nur darauf ausgehen, sich den höchsten Grad von weltlichen
Genüssen zu verschaffen.
Wenn ich nicht unfreundlich war zu denen,
die ich liebte, so geschah dies doch immer mit dem Gefühl, daß
sie mir zu meiner Befriedigung dienlich sein sollten: daß ich mir
von ihnen durch meine Gaben und Zuneigung Liebe und Huldigungen erkaufen
konnte, - was mir Lebensbedürfnis war.
Ich war sowohl in körperlicher wie in
geistiger Beziehung hochbegabt. Von einer selbstaufopfernden Liebe, welche
sich vollständig in der Liebe für andere zu verlieren vermag,
tauchte nie eine Ahnung in meiner Seele auf.
Unter all den Frauen, welche ich liebte -
mit einer Liebe, welche von Erdenmenschen nur zu häufig fälschlich
als Liebe bezeichnet wird, während es doch nur Leidenschaft ist -
war nicht eine, die mich hätte das fühlen lassen, was wahre Liebe
ist: das Ideal, nach dem ich insgeheim seufzte. In jeder weiblichen Person
fand ich irgend etwas, das mich enttäuschte. Sie liebten mich, wie
ich sie liebte. Die Leidenschaft, die ich ihnen entgegenbrachte, gewann
mir nur das entsprechende Gefühl auf ihrer Seite. So lebte ich dahin
- unbefriedigt im Verlangen nach etwas, das ich selbst nicht kannte.
Ich machte viele Fehler und beging viele Irrtümer.
Dennoch lag mir die Welt oft zu Füßen, um mich zu loben, mich
gut, edel und begabt zu nennen. Ich war gefeiert, umschmeichelt, der verwöhnte
Liebling aller Damen der Gesellschaft. Um zu gewinnen, hatte ich nur zu
wünschen; sobald ich aber gewonnen hatte, verwandelte sich alles in
Bitterkeit.
Dann kam eine Zeit, da beging ich den verhängnisvollsten
Fehler und richtete zwei Leben zugrunde. Ich fühlte mich wie mit eisernen
Ketten gefesselt, die mich drückten und verwundeten, bis ich sie endlich
zerbrach und scheinbar als freier Mann davonging. Doch niemals wieder sollte
ich wirklich frei sein. Niemals können unsere begangenen Fehler und
Irrtümer auch nur für einen Augenblick - sei es während
dieses Lebens oder danach - aufhören, unseren Spuren zu folgen und
unsere Schwingen zu belasten, bis einer nach dem andern gesühnt und
so aus unserer Vergangenheit gelöscht wird.
Als ich endlich glaubte, alles gelernt zu
haben, was Liebe lehren kann, und alles zu kennen, was ein Weib zu geben
hat, - da traf es sich, daß ich einer Frau begegnete. Ach, wie soll
ich sie nennen? Sie war mehr als ein sterbliches Weib in meinen Augen und
ich nannte sie "den guten Engel meines Lebens."
Schon im ersten Augenblick fiel ich ihr zu
Füßen und gab ihr alle Liebe meiner Seele, meines höheren
Selbst. Im Vergleich zu dem, was sie hätte sein sollen, war meine
Liebe selbstsüchtig. Aber es war alles, was ich zu geben hatte, und
ich gab es ohne Rückhalt. Zum ersten Mal in meinem Leben dachte ich
an eine andere Person mehr als an mich selbst. Wenn ich auch nicht imstande
war, mich zu solch reinen Gedanken und Vorstellungen, die ihre Seele erfüllten,
zu erheben, so danke ich doch Gott, daß ich niemals der Versuchng
nachgegeben habe, sie zu mir herabzuziehen.
So verging die Zeit. Ich sonnte mich in ihrer Gegenwart und erstarkte in einem heiligen Denken, von dem ich geglaubt, daß es mich für immer verlassen hätte. Ich träumte süße Träume, in denen ich befreit war von den Ketten meiner Vergangenheit, die mich so grausam hart gefesselt hielten. Gerade jetzt, da ich nach höheren Dingen suchte, fürchtete ich stets, daß ein anderer mir meine Liebste abgewinnen könnte. Leider mußte ich anerkennen, daß ich kein Recht hatte, sie auch nur mit einem Worte zurückzuhalten. Welche Bitterkeit und welches Leiden durchzog in jenen Tagen meine Seele! Idi fühlte, daß ich, der ich mich durch meinen Lebenswandel beschmutzt hatte, nicht würdig war, sie zu berühren. Wie konnte ich es wagen, dieses unschuldige, reine Leben an das meine zu ketten? Obgleich sie so lieb und zärtlich zu mir war, daß ich das unschuldige Geheimnis ihrer Liebe erraten konnte, fühlte ich doch, daß sie auf Erden niemals die meinige sein würde. Ihre Reinheit und Aufrichtigkeit errichteten ein Hindernis zwischen uns, das ich niemals beseitigen konnte.
Ich versuchte, sie zu verlassen, doch vergebens!
Wie ein Magnet zu seinem Pole, so wurde ich zu ihr zurückgezogen,
bis ich schließlich nicht mehr gegen meine Neigung kämpfte.
Ich strebte nur noch danach, die Glückseligkeit, welche mir ihre Gegenwart
gewährte, zu genießen. Dann, plötzlich, wie der Dieb in
der Nacht kam für mich der schreckliche Tag, an dem ich ohne Warnung,
mir zuvor noch über meinen Seelenzustand klar zu werden, unerwartet
dem Leben entrissen wurde, und in jenen Tod des Körpers versank, der
uns alle erwartet.
Ich wußte nicht, daß ich gestorben
war. Ich verfiel nach einigen Stunden des Leidens und der Agonie in tiefen,
traumlosen Schlaf - und als ich erwachte, befand ich mich allein in totaler
Finsternis. Ich konnte mich erheben, mich bewegen; sicherlich, es ging
mir besser. Aber, wo war ich? Warum diese Finsternis? Ich erhob mich und
tastete umher wie jemand in einem finstern Raume, aber ich konnte kein
Licht finden, keinen Ton hören. Nichts war da als die Stille, die
Finsternis des Todes.
Dann wollte ich vorwärts schreiten, um
die Tür zu finden. Ich konnte mich, wenn auch langsam und mit Mühe
bewegen und tastete mich weiter. Wie lange ich so suchte, weiß ich
nicht. Es schienen mir bei der immer größer werdenden Angst
und Bangigkeit Stunden zu sein. lch fühlte, ich mußte irgend
jemanden, irgend einen Ausgang aus diesem Raume finden. Doch zu meiner
Verzweiflung schien es, als ob ich niemals auf eine Tür, eine Wand,
überhaupt auf etwas stoßen sollte. Alles schien Raum und Finsternis
um mich her.
Zuletzt, von Furcht übermannt, schrie
ich laut auf! lch brüllte, aber keine Stimme antwortete mir. Wieder
und wieder rief ich, aber immer nur Schweigen; kein Echo, nicht einmal
das meiner eigenen Stimme kam zurück, um mich aufzumuntern. Ich besann
mich auf sie, die ich liebte, aber etwas ließ mich davor zurückschrecken,
ihren Namen hier auszuspredren. Dann dachte ich an alle die Freunde, welche
ich gekannt hatte und rief nach ihnen. Keiner jedoch antwortete mir.
War ich im Gefängnis? Nein. Ein Gefängnis
hat Mauern und an diesem Orte gab es solche nicht. War ich verrückt,
wahnsinnig, oder was? Ich konnte mich selbst, meinen Körper fühlen.
Es war derselbe. Ganz gewiß derselbe? Nein. Irgendwelche Veränderung
war an mir vorgegangen. lch konnte nicht sagen wie, aber es war mir, als
ob ich zusamrnengeschrumpft und entstellt wäre. Meine Gesichtszüge
schienen, wenn ich mit der Hand darüber hinwegfuhr, stärker,
gröber und sicherlich entstellt.
Was hätte ich jetzt für ein Licht,
für irgend etwas gegeben, das zu mir hätte sprechen mögen,
wenn es auch das Schlimmste gewesen wäre! Wollte niemand kommen? Und
sie, mein Licht-Engel, wo weilte sie? Bevor ich einschlief, war sie bei
rnir gewesen - wo befand sie sich jetzt? Mein Gehirn fieberte und meine
Kehle schien mir springen zu wollen. Ungestüm rief ich sie beim Namen,
daß sie zu mir kommen rnöchte, wenn auch nur noch für ein
einziges Mal. Ich hatte das schreckliche Gefühl, als ob ich sie verloren
hätte, und rief nach ihr wie toll. Da hatte meine Stimme zum erstenmal
einen Klang und tönte zurück zu mir durch jene grauenhafte Finsternis.
Weit entfernt vor mir zeigte sich ein schwacher
Schimmer von Licht, ähnlich einem Stern. Größer und größer
wurde er und kam immer näher, bis er schließlich als ein großes
Licht in sternförmiger Gestalt vor mir erschien. In dem Stern sah
ich meine Geliebte. Ihre Augen waren wie im Schlafe geschlossen, aber ihre
Arme waren nach mir ausgestreckt und ihre liebliche Stimme sprach zu mir
in Tönen, die ich so gut kannte: "Ach, mein Liebster, wo bist du jetzt?
Ich kann dich nicht sehen, ich höre nur deine Stimme; ich höre
dich nach mir rufen und meine Seele antwortet der deinen!"
lch versuchte, mich an sie heranzudrängen,
aber ich vermochte es nicht. Eine unsichtbare Macht hielt mich zurück.
Sie schien sich innerhalb eines Kreises zu befinden, den ich nicht überschreiten
konnte. In höchster Pein sank ich zu Boden, sie bittend, mich nicht
mehr zu verlassen. Dann schien sie bewußtlos zu werden; ihr Haupt
sank auf ihre Brust und sie entschwebte mir wie von starken Armen getragen.
Ich versuchte mich zu erheben und ihr zu folgen, vermochte es aber nicht.
Es war, als ob eine schwere Kette mich zurückhielt, und nach einigen
vergeblichen Anstrengungen sank ich bewußtlos zu Boden.
Als ich wieder zu mir kam, war ich hocherfreut zu sehen, daß meine Geliebte zu mir zurückgekehrt war. Sie stand nahe bei mir, sah diesmal so aus, wie ich sie auf Erden gekannt hatte; nur war sie bleich und traurig und ganz in Schwarz gekleidet. Der Stern war verschwunden und alles rings umher finster. Doch war es keine äußerste Finsternis, denn um sie schwebte ein schwacher, fahler Lichtschimmer, bei dessen Schein ich bemerken konnte, daß sie weiße Blumen in den Händen trug. Sie beugte sich über einen niederen Hügel von frischer Erde.
Ich näherte mich ihr immer mehr und gewahrte, daß sie leise weinte, als sie die Blumen niederlegte. Sie murmelte leise: "Ach, mein Lieber, mein Lieber! wirst du niemals wieder zu mir zurückkehren? Ist es möglich, daß du wirklich tot und da hingegangen bist, wohin meine Liebe dir nicht folgen kann? Mein Liebling! ach, mein teurer Liebling!" Sie kniete nieder und ich näherte mich ihr ganz, wenn ich sie auch nicht berühren konnte. Als ich mich ebenfalls auf die Knie niedergelassen hatte, blickte ich nach jenem länglichen niederen Hügel. Ein Schrecken durchschauderte mich, denn ich wußte nun endlich, daß ich gestorben und dies rnein eigenes Grab war.
II
"Tot! Tot!" schrie ich wild auf. Ach nein,
es konnte nicht sein. Die Toten fühlen nichts mehr; sie werden zu
Staub; sie vermodern, und alles ist aus, alles ist für sie verloren.
Sie haben kein Bewußtsein mehr, - es sei denn, daß meine ganze
Lebensphilosophie falsch gewesen ist und die Seele des Verstorbenen weiterlebt,
wenn auch der Körper zerfällt.
Die Priester unserer Kirche hatten uns zwar
so gelehrt, aber ich hatte sie als Narren, Blinde und Schelme verspottet,
die nur ihres eigenen Vorteils willen behaupteten, daß der Mensch
weiterlebe und die da sagten, daß wir in den Himmel nur durch eine
Pforte gelangen könnten, zu der sie die Schlüssel allein in Händen
hätten: Schlüssel, welche nur auf die Bitte derer in Bewegung
gesetzt wurden, die zuvor gut bezahlt hatten. Nur für Geld verstanden
sich die Priester dazu, für die abgeschiedenen Seelen Messen zu lesen.
Jene Priester, welche aus eingeschüchterten Frauen und geistesschwachen
Männern Narren machten, die dann eingeschüchtert durch grauenhafte
Erzählungen von Hölle und Fegefeuer, alles dahingeben, um ein
illusorisches Vorrecht in jener Welt zu erwerben.
Nach diesen verlangte mich nicht. Ich kannte diese Priester und das Privatleben vieler von ihnen zu genau, als daß ich ihren leeren Versprechungen von einer Vergebung, die sie nicht gewähren konnten, hätte Glauben schenken mögen. Ich hatte gesagt, ich wollte dem Tode, wenn er käme, ins Antlitz schauen mit dem Mute derer, die zu wissen glauben, daß er vollständige Vernichtung bedeutet. Wenn diese Priester unglaubwürdig waren, wem sollte man dann glauben? Wer konnte uns dann sagen, ob es eine Zukunft nach dem Tode, ob es überhaupt einen Gott gäbe? Nicht die Lebendigen, denn sie glaubten und mutmaßten nur. Auch nicht die Toten, denn keiner von ihnen kam je zurück, um uns Berichte aus dem Jenseits zu bringen. Und nun stand ich neben meinem eigenen Grabe und sah, wie meine Geliebte Blumen darauf streute, und hörte, daß sie mich als tot beweinte.
Als ich auf jenen Erdhügel näher hinsah, wurde er vor meinen Augen durchsichtig, und ich erblickte unten einen Sarg mit meinem Namen und dem Datum meines Todes. Darin liegend, sah ich die weiße, stille Gestalt, die ich als meine erkannte. Zu meinem Schrecken bemerkte ich, daß dieser Körper bereits begonnen hatte, zu zerfallen, und für das Auge ein ekelhafter Anblick geworden war. Seine Schönheit war dahin, seine Gesichtszüge würde bald niemand mehr erkennen. Und ich stand da, bewußt herabschauend auf ihn und dann auf mich selbst! Ich fühlte jedes Glied, folgte mit den Händen jedem vertrauten Zuge meines Gesichts und wußte, daß ich gestorben war und dennoch lebte. Der Tote lebte - aber wo und in welchem Zustande? War diese Finsternis die Hölle? Für mich würden sie keinen anderen Ort gefunden haben. Ich war so verloren, stand so außerhalb des Schoßes der Kirche, daß sie für mich nicht einmal im Fegefeuer einen Platz gefunden hätten.
Ich hatte alle Bande zu ihrer Kirche gelöst.
Ich hatte sie verachtet in der Annahme, daß eine Kirche, die das
schändliche und ehrgeizige Treiben ihrer höchsten Würdenträger
kannte und duldete, kein Anrecht darauf habe, sich geistige Führerin
zu nennen. Wohl gab es gute Menschen in der Kirche, aber es war auch eine
Menge schändlich - Schlechter vorhanden, deren Leben dem allgemeinen
Gespötte diente. Doch die Kirche, die von sich behauptete, das Vorbild
für alle Menschen zu sein und alle Wahrheit zu besitzen, stieß
jene unsauberen Elemente nicht aus. Nein, sie beförderte diese sogar
zu den höchsten Ehrenstellen.
Niemanden, der in meinem Geburtslande gelebt
und den schrecklichen Mißbrauch der Kirchenmacht beobachtet hat,
wird es Wunder nehmen, daß das Volk schließlich ein solches
Joch abzuschütteln trachtete. So hatte auch ich die Kirche verachtet,
und wenn ihre Flüche eine Seele zur Hölle senden konnten, so
befand ich mich sicherlich darin.
Als ich so nachsann, blickte ich wieder auf meine Geliebte, und ich meinte, sie hätte wohl niemals in die Hölle kommen können, wenn auch nur zu dem Zwecke, um nach mir zu sehen. Sie erschien mir auch als Sterbliche, und wenn sie dort auf meinem Grabe kniete, mußte sie sicher noch auf der Erde weilen. Verlassen denn die Verstorbenen die Erde überhaupt nicht, sondern bleiben in der Nähe des Schauplatzes ihres irdischen Daseins?
Während solche und ähnliche Gedanken mir in den Sinn kamen, suchte ich ihr, die ich so sehr liebte, näher zu kommen; ich fand aber, daß es mir nicht möglich war. Eine unsichtbare Schranke schien sie zu umgeben und mich zurückzuhalten. Auf beiden Seiten von ihr konnte ich mich nach Belieben bewegen, nur sie zu berühren war ich nicht imstande. Alle meine Anstrengungen nach dieser Richtung hin waren vergebens. Dann redete ich und nannte sie bei ihrem Namen. Ich erzählte ihr, daß ich da sei, noch bei Bewußtsein und noch derselbe, obgleich ich gestorben wäre. Sie jedoch schien mich weder zu hören noch zu sehen. Sie weinte traurig und leise und berührte zärtlich die Blumen, indem sie vor sich hin sprach: daß ich Blumen so sehr geliebt hätte und ich sicherlich wissen würde, daß sie diese für mich niedergelegt habe. Wieder und immer wieder sprach ich zu ihr, so laut ich konnte, aber sie war für meine Stimme taub. Nur unruhig wurde sie und strich mit der Hand über die Stirn wie im Traume; dann ging sie langsam und traurig hinweg.
Mit aller Gewalt suchte ich ihr zu folgen. Vergebens! Ich konnte mich nur wenige Schritte von meinem Grabe und meinem Körper entfernen und bemerkte auch, weshalb. Eine Kette wie von schwarzem Seidenfaden, nicht dicker als ein Spinngewebe, hielt mich an meinem Körper fest. Es gelang mir nicht, diesen Faden zu zerreißen. Sobald ich mich bewegte, dehnte er sich wie Gummi, aber immer zog er mich wieder zurück. Was aber das Schlimmste war: ich begann jetzt zu fühlen, daß die Verwesung des zerfallenden Körpers meinen Geist angriff, - wie ein irdischer Körperteil, der vergiftet ist, den ganzen Körper in Mitleidenschaft zieht. Ein neuer Schrecken befiel damit meine Seele.
Da sprach die Stimme irgend eines erhabenen Wesens in der Finsternis zu mir: "Du liebst jenen Körper mehr als deine Seele. Gib nun acht, wie er in Staub zerfällt, und erkenne, für was du so sehr sorgtest und woran du so sehr hingst. Erkenne, wie vergänglich er war, wie wertlos er geworden ist; und dann blicke auf deinen geistigen Körper und siehe, wie sehr du ihn ausgehungert, gefesselt und vernachlässigt hast zugunsten der Genüsse des irdischen Leibes. Sieh, wie ärmlich, abstoßend und verunstaltet ist nun deine Seele, die doch unsterblich, göttlich und ewig dauernd ist, durch dein irdisches Leben geworden!"
Ich betrachtete mich nun selbst. Wie in einem Spiegel, der mir vorgehalten wurde, sah ich mich. O Schrecken! Es war kein Zweifel, das war ich selbst. Aber wie schrecklich verändert erschien ich mir, so gemein, so voll von Niedrigkeit, so abstoßend in jedem Zuge. Selbst meine Gestalt war entstellt. Ich prallte vor meiner Erscheinung entsetzt zurück und wünschte, daß die Erde sich unter meinen Füßen öffnen und mich für immer vor aller Augen verbergen möchte. Niemals mehr wollte ich nach meiner Liebe rufen und wünschen, daß sie mich sehen solle. Weit besser, daß sie an mich dachte als an einen Toten, der für immer von ihr gegangen ist. Besser, daß sie mich nur so im Gedächtnis behielt, wie ich im irdischen Dasein gewesen war, als daß sie jemals meine schreckliche Verwandlung erführe, und was für ein scheußliches Ding mein wirkliches Selbst war. Meine Verzweiflung, meine Qual waren unbeschreiblich. Ich schrie wild auf, schlug mich selbst und raufte mein Haar in ungestümem Entsetzen über mich selbst. Dann erschöpfte mich meine Leidenschaft und ich brach noch einmal gefühl- und bewußtlos zusammen.
Wieder erwachte ich, und wieder war es die Gegenwart meiner Liebe, die mich erweckte. Sie richtete leise, zärtliche Worte an mich, als sie Blumen auf mein Grab niederlegte. Aber jetzt suchte ich nicht, mich ihr sichtbar zu machen, sondern zog mich zurück, um mich zu verbergen. Mein Herz wurde hart, selbst ihr gegenüber. Ich sagte zu mir: "Lieber mag sie um den, der von ihr gegangen ist klagen, als wissen, daß er noch lebt. So ließ ich sie gehen. Kaum hatte sie sich jedoch entfernt, als ich ihr wie wahnsinnig nachrief, sie möchte zurückkommen. Sie möchte doch auf irgend eine Weise von meiner schecklichen Lage Kenntnis nehmen und mich nicht an diesem Orte allein lassen. Sie hörte mich nicht, aber sie fühlte meinen Ruf, und ich sah, wie sie in einiger Entfernung Halt machte und sich wie zur Rückkehr halb umwandte. Dann ging sie wieder weiter und verließ mich.
Noch zwei- oder dreimal besuchte sie mich. Jedesmal, wenn sie kam, empfand ich bei ihrer Annäherung denselben Schauer und hatte bei ihrem Weggange dasselbe Gefühl der Verlassenheit. Ich suchte sie zurückzuholen und sie in meiner Nähe festzuhalten. Aber jetzt rief ich nicht mehr nach ihr. Ich wußte nun, daß die Toten vergebens rufen, denn die Lebenden hören sie nicht. Ich war für die ganze Welt tot und nur für mich und mein schreckliches Schicksal war ich am Leben. Ach, nun wußte ich es: der Tod ist kein endloser Schlaf, kein ruhiges Vergessen! Und in meiner Verzweiflung betete ich, daß mir vollständiges Vergessen gewährt werden möge. Doch ich wußte, daß es niemals so sein würde, denn der Mensch ist eine lebendige Seele und lebt, sei es zum Guten oder Bösen, zum Wohl oder Wehe ewig weiter. Seine irdische Form zerfällt und wird zu Staub, aber der Geist, welcher der wahre Mensch ist, kennt keinen Zerfall und kein Vergessen.
Tag für Tag - ich fühlte nämlich, daß Tage an mir vorübergingen - erwachte mein Geist mehr und mehr, und ich sah die Ereignisse meines Lebens immer klarer in langer Reihenfolge vor mir dahinziehen. Zuerst dumpf, dann allmählich immer deutlicher und heller. Und in angstvollem, hoffnungslosem Schrecken beugte ich mein Haupt. Denn ich empfand, daß es jetzt zu spät sein mußte, um auch nur eine Tat ungeschehen machen zu können.
III
Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand andauerte; es schien mir eine lange, lange Zeit zu sein. In Hoffnungslosigkeit versunken saß ich da, als ich die liebliche, sanfte Stimme meiner Geliebten hörte. Ich fühlte mich angetrieben, aufzustehen und der Stimme zu folgen, bis sie mich zu ihr geführt haben würde. Indem ich mich zum Gehen anschickte, schien der Faden, welcher mich so fest gehalten hatte, sich zu dehnen und zu strecken, bis ich seinen Widerstand kaum noch spürte. Immer weiter wurde ich gezogen und schließlich befand ich mich in einem Zimmer, welches ich trotz der um mich herrschenden Dunkelheit sehen konnte. Es war das Heim meiner Geliebten, jener Raum, in welchem ich so manche friedevolle, glückliche Stunde verbracht hatte, als ich noch nicht durch diesen schrecklichen Abgrund von ihr getrennt war. Sie saß an einem kleinen Tisch mit einem Bogen Papier vor sich und einem Bleistift in der Hand. Meinen Namen wiederholt rufend, sagte sie: "Liebster Freund, wenn die Toten je zurückkehren, so komme zu mir und versuche, ob du mich nicht einige Worte schreiben lassen kannst, wenn auch nur 'ja' oder 'nein' als Antwort auf meine Frage."
Es war das erstemal, seit ich gestorben war, daß ich ein schwaches Lächeln auf ihren Lippen und einen Blick von Hoffnung in jenen Augen sah, die durch den Schmerz um mich so traurig geworden waren. Das liebe, kummervolle Gesicht schaute so bleich und wehmütig drein, und ich fühlte die Innigkeit der Liebe, die sie mir schenkte und auf die ich doch jetzt weniger denn je Anspruch erheben durfte.
Dann sah ich drei andere Gestalten neben ihr, die ich als Geister erkannte, jedoch ganz unähnlich mir selbst. Diese Geister erschienen glänzend, strahlend, so daß ich ihren Anblick nicht ertragen konnte. Meine Augen brannten wie Feuer. Der eine war ein Mann, groß, ruhig, von würdevollem Aussehen. Er beugte sich über sie, um sie zu schirmen, wie es wohl ihr Schutzengel getan haben würde. Neben ihr standen zwei hübsche junge Männer. In ihnen erkannte ich plötzlich ihre Brüder, von denen sie mir oft erzählt hatte und die schon gestorben waren, als die Jugend ihnen noch mit all ihren Freuden winkte. Im Herzen meines Lieblings lebten sie nun als Engel. Ich schrak zurück, denn ich fühlte, daß sie mich sahen, und ich suchte mein entstelltes Gesicht und meine Gestalt mit dem schwarzen Mantel, den ich trug, zu bedecken. Dann erwachte mein Stolz und ich sagte: "Hat nicht sie selbst mich gerufen? Ich bin gekommen, und nun soll sie Richterin über meine Zukunft sein! Steht es denn so fest, daß kein Leid, keine Reue, wenn auch noch so tief, keine Tat, wenn auch noch so groß, keine Arbeit, wenn auch noch so hart, meine Schuld sühnen kann? Gibt es jenseits des Grabes wirklich keine Hoffnung?"
Und eine Stimme - die Stimme, welche ich früher an meinem Grabe gehört hatte - antwortete mir: "Sohn des Leids, gibt es auf Erden keine Hoffnung für die, welche sündigen? Vergibt nicht sogar der Mensch dem Sünder, der ihm Unrecht getan hat, wenn dieser bereut und um Verzeihung bittet? Sollte da Gott weniger gnädig, weniger gerecht sein? Empfindest du jetzt wirkliche Reue? Suche in deinem Herzen, ob du um dich selbst oder um jene in Sorge bist, die du gekränkt hast."
Als er sprach, wußte ich, daß
ich nicht ernstlich bereute. Ich litt nur; ich liebte und begehrte nur.
Dann sprach rneine Geliebte wieder und bat mich: Wenn ich da sei und sie
hören könne, so möchte ich doch versuchen, nur ein Wort
durch ihre Hand zu schreiben, damit sie wisse, ob ich noch lebe und ihrer
gedächte.
Das Herz schien mir in die Kehle zu steigen
und mich zu würgen. Ich näherte mich ihr, um zu versuchen, ob
ich nicht ihre Hand bewegen oder sie wenigstens berühren könnte.
Aber der große Geist trat zwischen uns, und ich war genötigt
zurückzuweichen. Dann sprach er: "Gib mir an, was du sagen willst,
und ich werde es durch ihre Hand niederschreiben lassen. Ich will dies
in ihrem Interesse und um der Liebe willen tun, die sie für dich hegt."
Freudige Bewegung überkam mich bei diesen
Worten des Geistes, und ich wollte seine Hand nehmen, um sie zu küssen.
Ich vermochte es aber nicht zu tun, meine Hand schien sich an seinem Feuerglanze
zu versengen. Ich beugte mich nur vor ihm, denn ich glaubte, er müsse
ein Engel sein.
Mein Liebling sprach nun noch einmal und
fragte: "Bist du hier, mein lieber Freund?"
Ich antwortete "ja", und sah dann, wie der
Geist seine Hand auf sie legte. Nachdem dies geschehen, schrieb ihre Hand
das Wort "Ja". Langsam und unsicher bewegte sie sich, wie wenn ein Kind
schreiben lernt. Ach, wie glücklich lächelte sie!
Wieder stellte sie eine Frage an mich und
wie zuvor schrieb ihre Hand meine Antwort. Sie fragte mich, ob sie irgend
etwas für mich tun könne, ob ich einen Wunsch hätte, den
sie zu erfüllen imstande sei.
"Nein", sagte ich, "nicht jetzt". Ich würde
nun weggehen und sie nicht mehr mit meiner Gegenwart belästigen. Sie
solle mich zu vergessen suchen.
Als ich sprach, war mein Herz verwundet und
mit Bitterkeit angefüllt. Wie angenehm berührte es daher meine
Seele, als sie sagte: "Sprich nicht so zu mir, denn ich möchte stets
deine treueste, liebste Freundin sein wie in der Vergangenheit. Seit du
starbst, ist es mein einziges Bestreben gewesen, dich zu finden und wieder
mit dir zu sprechen."
Ich rief: "Das war auch mein innigster Wunsch."
Hierauf fragte sie, ob ich wieder zu ihr kommen wolle, und ich sagte zu.
Denn wohin wäre ich nicht für sie gegangen! Dann sagte der strahlende
Geist, es sei nun genug für diesen Abend. Er ließ dies ebenfalls
ihre Hand schreiben und forderte sie auf, zur Ruhe zu gehen.
Ich fühlte mich nun wieder zum Grabe
und zu meinem irdischen Körper auf dem dunklen Friedhof hingezogen,
jedoch nicht mit demselben elenden Gefühl der Hoffnungslosigkeit.
Es war nun ein Funke von Hoffnung in meinem Herzen, ich würde sie
wiedersehen und wieder mit ihr sprechen.
Nun fand ich aber, daß ich nicht allein
war. Jene beiden Geister, ihre Brüder, waren mir gefolgt und redeten
jetzt. Ich werde nicht alles niederschreiben, was sie sagten. Es genüge
zu wissen, daß sie mir klar machten, wie weit der Abstand zwischen
ihrer Schwester und mir selbst sei, und daß sie mich fragten, ob
ich ihr ganzes junges Leben durch meine dunkle Gegenwart überschatten
wolle. Verließe ich sie jetzt, so würde sie mich mit der Zeit
vergessen und sich rneiner nur als eines lieben Freundes erinnern. Wenn
ich sie wirklich liebte, würde ich sicherlich nicht wünschen,
ihr ganzes junges Leben um meinetwillen einsam und trostlos zu machen.
Ich erwiderte, daß ich sie liebe und
sie niemals verlassen könne und der Gedanke, daß ein anderer
sie ebenso sehr lieben könnte wie ich, mir unerträglich sei.
Da sprachen sie von meiner Vergangenheit
und fragten, ob ich daran zu denken wagte, mich mit ihrem reinen Leben
auch nur auf die mystische Weise verbinden zu können, wie ich es zu
tun hoffte. Wie dürfte ich erwarten, ihr nach ihrem Tode anzugehören?
Sie sei einer reinen Sphäre zugeteilt, zu welcher aufzusteigen es
für mich lange Zeit keine Hoffnung gäbe. Wäre es nicht besser
für sie und eine edlere Liebe von mir, wenn ich sie verließe,
damit sie mich vergessen und die Glückseligkeit finden könne,
die ihr in diesem Leben beschieden sei?
Zaghaft wandte ich ein, sie liebe mich doch. - "Ja", antworteten sie, "sie liebt dich so, wie sie dein Bild in ihrem Herzen trägt und es in ihrer Unschuld idealisiert hat. Glaubst du aber, daß sie dich noch lieben würde, wenn sie deine ganze Vergangenheit kennte? Müßte sie nicht entsetzt vor dir zurückweichen? Sage ihr die Wahrheit, lasse sie zwischen dir und ihrer Freiheit wählen, und du wirst eine treuere Liebe bewiesen haben, als wenn du sie täuschest und sie an dein Wesen zu fesseln suchst. Wenn du sie wirklich liebst, so denke an sie und ihr Glück, aber nicht an dich allein."
Da erstarb die Hoffnung in mir. In Scham und höchster Pein beugte ich mein Haupt zur Erde, denn ich erkannte, wie gemein und wenig reif ich für sie war. Wie in einem Spiegel sah ich nun, wie sich ihr Leben, befreit von dem meinigen, noch gestalten möchte. Sie konnte nur mit einem Würdigeren glücklich sein, als ich es war, da ich sie durch meine Liebe nur mit mir herab ins Elend gezogen hätte. Zum erstenmal in meinem Leben stellte ich das Glück eines anderen über mein eigenes. Da ich sie so sehr liebte und sie glücklich wissen wollte, sagte ich zu den beiden: "Mag es denn so sein. Sagt ihr die Wahrheit und lasset sie nur ein einziges liebes Wort als Lebewohl zu mir sprechen. Ich werde dann von ihr gehen und ihr Leben nicht mehr durch den Schatten des meinigen verdunkeln."
So kehrten wir zu ihr zurück, und ich
sah, wie sie schlief, erschöpft von der Sorge um mich. Ich bat, sie
möchten mir erlauben, ihr einen Kuß zu geben, den ersten und
letzten, den ich ihr jemals geben würde. Sie verweigerten es jedoch,
es sei unmöglich, da durch meine Berührung der Faden, der sie
noch am Leben hielte, für immer zerreißen würde.
Nachdem sie von ihnen geweckt worden war,
ließen die Beiden sie ihre Mitteilungen wie zuvor niederschreiben.
Ich stand dabei und hörte zu, wie sie durch ihre Worte, die sich wie
Stacheln in meine Seele bohrten, meine letzte Hoffnung für immer vernichteten.
Sie schrieb wie im Traume weiter, bis schließlich die ganze schmachvolle
Geschichte meines Lebens berichtet war, und ich selbst nur noch zu erklären
hatte, daß alles zwischen uns zu Ende und sie von meiner sündigen
Gegenwart und meiner selbstsüchtigen Liebe befreit sei. Ich sagte
ihr Lebewohl. Wie wenn Blutstropfen sich von meinem Herzen losrängen,
so wirkten jene Worte auf mich, und wie Eis fielen sie auf ihre Seele.
Dann wandte ich mich um und verließ sie - wie, weiß ich nicht.
Doch als ich ging, fühlte ich, daß das Band, das mich an das
Grab und meinen irdischen Körper fesselte, riß. Ich war frei,
- frei, um in meiner Trostlosigkeit einsam zu wandern, wohin es mir beliebte.
Was geschah nun? Ach! Tränen der Dankbarkeit stehen wieder in meinen Augen. Indem ich versuche, das nun Folgende zu schildern, breche ich fast zusammen: denn von ihr, die wir für so schwach gehalten, daß wir für sie entscheiden zu müssen glaubten, wurde ich mit der Allgewalt einer Liebe zurückgerufen, der sich niemand zu widersetzen wagte. Sie könne, sagte sie, mich niemals aufgeben, so lange ich sie liebe. "Mag deine Vergangenheit sein, wie sie will; magst du jetzt sinken selbst bis in den tiefsten Abgrund der Hölle - ich werde nicht aufhören, dich zu lieben und zu versuchen, dir zu folgen. Ich werde das Recht der Liebe fordern, werde dir beistehen, dich trösten und ermuntern, bis Gott in seiner Gnade deine Vergangenheit verziehen und dich wieder erhöht haben wird."
Da brach ich zusammen und weinte, wie ein
starker, stolzer Mann, dessen Herz gemartert und verhärtet war, nur
weinen kann, bis die sanfte Berührung einer lieben Hand den Tränen
Einhalt gebot. So kehrte ich zu meiner Liebe zurück und kniete ihr
zur Seite nieder; sie zu berühren erlaubte man mir nicht. Aber jener
ruhige, schöne Geist, der sie schützte, bedeutete ihr, daß
ihr Gebet erhört sei und daß sie in der Tat mich zum Licht zurückführen
sollte.
Ich verließ nun meinen Liebling. Als
ich mich entfernte, sah ich die Gestalt eines lichten Engels über
ihr schweben, um sie zu stärken und zu trösten - sie, die ihrerseits
mein Lichtengel war. In Begleitung jener Geister ging ich hinweg und machte
mich auf, um zu wandern, bis ihre Stimme mich wieder an ihre Seite zurückrufen
würde.
Nach dem kurzen Schlaf, in den sie von jenen
reinen Geistern versetzt worden war, erwachte mein Liebling am nächsten
Morgen. Von Unruhe getrieben ging sie einen lieben, guten Menschen besuchen,
den sie ausfindig gemacht hatte, im Bemühen, einen Weg zu entdecken,
um mit mir selbst über das Grab hinaus in Verbindung treten zu können.
Wenn das, was ihr von den sogenannten Spiritualisten
berichtet wurde, keine Täuschung war, so hoffte sie, durch deren Hilfe
wieder mit mir verkehren zu können. Geleitet von denen, die über
sie wachten, hatte sie diesen Mann gefunden; er war ein bekanntes Heilmedium.
Durch ihn erfuhr sie, daß es ihr selbst möglich sein würde,
Botschaften von dem angeblich Toten zu empfangen, wenn sie es fortgesetzt
versuchen würde.
Dies erfuhr ich erst später. Damals fühlte ich mich durch sie nur aufgefordert, zu kommen. Gehorsam ihrem Rufe, fand ich mich bald, wie ich nur undeutlich unterscheiden konnte, in einem kleinen Zimmer stehen. Für mich war da alles noch dunkel, mit Ausnahme der Stellen, wo das sternengleiche Licht um meine Liebste herum ihre Umgebung schwach beleuchtete. Ich befand mich bei jenem guten Menschen, zu dem sie gegangen war, und ihre Stimme war es, die mich angezogen hatte. Sie erzählte ihm, was in der letzten Nacht geschehen war; wie sehr sie mich liebe und wie gern sie ihr ganzes Leben hingeben wollte, wenn sie nur mir dadurch helfen könne. Jener Mann sprach nun so liebe Worte zu ihr, daß ich ihm von ganzem Herzen noch jetzt dafür danke, denn er machte mich so hoffnungsfroh. Meinen Liebling wies er darauf hin, daß die Bande des irdischen Körpers bei seinem Tode gebrochen werden; und daß ich frei sei, sie zu lieben, wie auch sie selbst dieses erwiedern dürfe. Ihre Liebe verleihe mir mehr Trost und Hoffnung als alles andere, auch erleichtere sie mir den Weg zur Sühne. Meine Liebe zu ihr sei eine reine und echte Neigung gewesen, und die ihrige zu mir sei stärker als selbst der Tod, dessen Schranken sie überwunden habe.
Dieser Mann gab mir Gelegenheit, mit ihr zu
sprechen und ihr viele Dinge zu erklären, die ich ihr in der Nacht
vorher, als mein Herz noch wund und voller Stolz war, nicht hätte
erklären können. Durch seine Vermittlung wurde es mir möglich,
all das vorzubringen, was meine Vergangenheit zu entschuldigen geeignet
war. Er ließ mich ihr sagen, daß ich trotz des Bösen,
das ich begangen, sie mit einer Liebe geliebt habe, die ich für keine
andere Person empfunden hätte. Er beruhigte und stärkte sie,
und ich war ihm dankbar für seine Güte. Mit frohen Hoffnungen
im Herzen verließen wir ihn schließlich und ich begleitete
ihren Weg nach Hause.
Dort angelangt, bemerkte ich, daß eine
neue Schranke errichtet worden war von jenen beiden Geisterbrüdern
und anderen, die sie lieb hatten. Eine unsichtbare Mauer, die ich nicht
durchdringen konnte, umgab sie. Wenn ich ihr auch zu folgen vermochte,
so war ich doch nicht imstande, mich ihr ganz zu nähern. Da beschloß
ich, zu dem lieben Manne zurückzugehen und zu sehen, ob er mir nicht
helfen könne.
Mein Wunsch schien mich zurückzuführen,
denn bald befand ich mich wieder bei ihm. Plötzlich wurde er sich
rneiner Gegenwart bewußt, und - wie seltsam - ich bemerkte, daß
er viel von dem, was ich zu ihm sprach, verstehen konnte. Er begriff den
Sinn dessen, was ich zu sagen wünschte und erzählte mir mancherlei,
was mich allein betraf.
Er versicherte mir, daß sich alles
zum Guten wenden werde, wenn ich nur Geduld haben wollte. Die geistige
Schranke, welche ihre Verwandten um meine Liebe errichten, würde jederzeit
von ihr durchbrochen werden, nichts könne mich von ihrer Liebe ausschließen,
keine Mauer sei hierzu imstande. Ich sollte nun versuchen, die geistigen
Dinge zu verstehen, und arbeiten, um mich vorwärts zu bringen, dann
würde der Abstand zwischen meiner Liebe und mir immer kleiner werden
und schließlich ganz verschwinden.
Getröstet verließ ich endlich
meinen Freund und wanderte wieder weiter, - wohin, weiß ich nicht.
Ich begann mir nun dumpf bewußt zu werden, daß in meiner Nähe noch andere, mir ähnliche Wesen in der Dunkelheit herumwanderten, obgleich ich sie kaum wahrnehmen konnte. So einsam und verlassen fühlte ich mich, daß ich daran dachte, wieder zu meinem Grabe, dem mir bisher vertrautesten Orte, zurückzukehren. Dieser Gedanke schien mich hinwegzuführen, denn bald befand ich mich wieder an dieser Stelle. Die Blumen, welche meine Liebste gebracht hatte, waren jetzt verwelkt. Sie war zwei Tage nicht an meinem Grabe gewesen. Seit sie mit mir gesprochen hatte, schien sie den in der Erde ruhenden Körper vergessen zu haben. Das war gut für mich, aber auch gut für sie, den Leichnam zu vergessen und nur noch in den lebendigen Geist zu denken.
Aber auch diese welken Blüten sprachen von ihrer Liebe. Ich versuchte eine weiße Rose aufzuheben, um sie mit mir zu nehrnen. Es gelang mir jedoch nicht, sie auch nur im Mindesten zu bewegen. Meine Hand fuhr durch sie hindurch, als ob sie nur das Spiegelbild einer Rose wäre. Am Kopfende des Grabes, wo ein weißes Marmorkreuz stand, bemerkte ich die Namen der beiden Brüder meiner Geliebten. Da erkannte ich, was sie in ihrer Liebe für mich getan hatte neben die, welche ihr von allen am teuersten waren, hatte sie meinen Körper zur Ruhe betten lassen! Mein Herz war gerührt und meine Tränen fielen wie Tau auf mein Herz und schmolzen seine Bitterkeit hinweg.
Ich fühlte mich so einsam, daß ich mich erhob und mich wieder unter die schwarzen, wandernden Schatten mischte. Nur wenige von denen wandten sich, um nach mir zu schauen. Vielleicht konnten sie gleich mir kaum sehen. Plötzlich jedoch gingen drei dunkle Gestalten, die zwei Frauen und ein Mann zu sein schienen, an mir vorüber, kehrten dann um und folgten mir. Der Mann berührte meinen Arm und sagte: "Weshalb bist du gebunden? Du bist sicherlich erst kürzlich auf diese Welt herübergekommen, sonst würdest du nicht so davoneilen. Hier hat es keine Eile, denn wir alle wissen, daß wir eine Ewigkeit vor uns haben, um darin zu wandern." Dann lachte er kalt und rauh auf in einem Tone, der mich schaudern ließ.
Die eine der Frauen nahm meinen linken, die
andere meinen rednen Arm und sprachen: "Komm mit uns und wir wollen dir
zeigen, wie du das Leben genießen kannst, obgleich du tot bist! Haben
wir auch keine eigenen Körper mehr, um uns durch sie selbst zu erfreuen,
so wollen wir uns solche für kurze Zeit von einigen Sterblichen borgen.
Komm mit, und wir werden dir beweisen, daß noch nicht alle Freuden
für uns zu Ende sind."
In meiner Verlassenheit war ich froh, jemanden
gefunden zu haben, mit dem ich sprechen konnte. Obgleich alle drei, die
Frauen meines Erachtens mehr noch als der Mann, äußerst abstoßend
aussahen, war ich geneigt, ihre Begleitung anzunehmen und abzuwarten, was
sich ereignen würde.
Ich hatte eben Kehrt gemacht, um mich ihnen anzuschließen. Da gewahrte ich in weiter Entfernung, gleich einem am schwarzen Himmel beleuchteten Bilde, die geistige Gestalt meiner reinen, süßen Liebsten im dunklen Raume. Ihre Augen waren wie bei meiner ersten Vision geschlossen und wie damals waren ihre Arme nach mir ausgestreckt. Nun klang ihre Stimme wie ein Ruf vom Himmel in meinen Ohren, als sie sprach: "Oh, gib acht, gib acht! Gehe nicht mit ihnen; sie sind nicht gut und ihr Weg kann nur zur Vernichtung führen!" Dann war die Vision verschwunden, und wie aus einem Traume erwachend schüttelte ich diese drei Personen von mir ab und eilte wieder davon in die Finsternis. Wie lange und wie weit ich wanderte, weiß ich nicht. Davonjagend suchte ich Erinnerungen, die mich belästigten, los zu werden. Und es schien, als ob mir zur Wanderung der ganze Weltenraum zur Verfügung stände.
Schließlich ließ ich mich auf
den Boden nieder, um mich auszuruhen. Dieser schien nämlich fest genug
zu sein, um darauf rasten zu können. Während ich so dasaß,
sah ich durch die Finsternis ein Licht schimmern. Ich ging darauf zu und
sah aus einem Zimmer, das ich unterscheiden konnte, eine große Flutwelle
von Licht ausstrahlen. Davon wurden meine Augen geblendet und schmerzten
mich so, als ob ich auf Erden in die Mittagssonne geschaut hätte.
Ich konnte das Licht nicht ertragen und wollte
eben wegeilen, als eine Stimme sprach: "Halt, müder Wanderer! Hier
sind liebevolle Herzen und helfende Hände für dich zugegen. Willst
du dein Lieb sehen, so komme herein, denn sie ist hier und du kannst mit
ihr sprechen." Dann fühlte ich - denn zu sehen war mir nicht möglich
- wie eine Hand mir den Mantel über den Kopf zog, um den Glanz des
Lichtes abzuschliessen, und mich in das Zimmer geleitete, wo ich mich in
einem großen Sessel niedersetzte. In diesem Zimmer herrschte ein
solcher Friede, daß ich glaubte, ich hätte den Weg zum Himmel
gefunden.
Nach einer Weile schaute ich auf und erblickte zwei edle, liebe Frauen, die mir wie Engel erschienen. Ich dachte bei mir selbst, ich sei gewiß dem Himmel nahe gekommen. Wieder schaute ich auf, und diesmal schienen meine Augen gestärkt zu sein: neben jenen schönen, guten Frauen sah ich zu meiner Freude meinen Liebling selbst, traurig, aber zärtlich nach jener Stelle hin lächelnd, wo ich saß. Ich wußte, daß sie mich nicht wirklich sehen konnte. Eine der Frauen jedoch beschrieb mich meiner Liebsten mit ruhiger Stimme. Sie schien davon befriedigt und erzählte diesen Frauen, welch merkwürdige Erfahrung sie gemacht habe und wie ihr diese als ein seltsamer Traum vorgekommen sei.
Ich versuchte nun zu rufen und ihr zu erklären,
daß ich wirklich zugegen sei, daß ich noch lebe, sie noch liebe
und auf ihre Gegenliebe vertraue. Aber ich konnte mich nicht bewegen; irgendein
Bann lag auf mir. Irgendeine Macht, die ich dumpf fühlte, hielt mich
zurück. Dann sprachen jene liebenswerten Frauen, und ich wußte
nun, daß sie keine Engel waren. Denn beide befanden sich noch im
irdischen Körper, und mein Lieb konnte sie sehen und mit ihnen reden.
Sie sprachen viel von der Hoffnung, welche es für Sünder meinesgleichen
gibt. Die Stimme, welche mich zum Eintreten aufgefordert hatte, fragte
nun, ob ich wünsche, daß eine der Damen eine Botschaft für
mich schreibe.
"Ja", rief ich aus, "tausendmal ja!"
Dann veranlaßte der Geist die Frau zu
schreiben. Ich sagte meiner Geliebten, daß ich noch lebe und sie
noch liebe. Ich bat sie, niemals aufzuhören, an mich zu denken, denn
ich bedürfe ihrer ganzen Liebe und Hilfe, um mich aufrecht zu erhalten.
Für sie sei ich immer derselbe, wenn
ich auch jetzt schwach und hilflos sei und mich ihr nicht sichtbar machen
könne. Darnach erwiderte sie meine Rede mit Worten, die ich nicht
niederschreiben kann; sie sind mir zu heilig und werden für immer
in meinem Herzen ruhen.
Die Zeit nach dieser Unterredung war für
mich die eines tiefen Schlafes. Als ich jenes Zimmer verlassen hatte und
eine kurze Strecke gewandert war, war ich so erschöpft, daß
ich in traumloser Bewußtlosigkeit zu Boden sank. Was lag mir daran,
wo ich ruhte, da doch alles um mich herum finster war?
Wie lange mein Schlaf andauerte, weiß
ich nicht. Damals hatte ich kein anderes Mittel, die Zeit zu berechnen,
als die Summe des Leides und des Elendes, durch welches ich hindurch mußte.
Aus dem tiefen Schlummer erwachte ich einigermaßen erfrischt und
alle meine Sinne erschienen mir kräftiger als zuvor. Ich konnte mich
rascher bewegen; meine Glieder kamen mir stärker und freier vor, und
ich empfand jetzt ein Verlangen nach Nahrung, das mir bisher unbekannt
gewesen war. Das Verlangen wurde nachgerade so groß, daß ich
auf die Suche nach etwas Genießbarem ging. Ich entdeckte schließlich
etwas, das wie hartes, trockenes Brot aussah. Es waren nur wenige Krusten,
aber ich aß sie mit Appetit und fühlte mich hierauf befriedigt.
Hier möchte ich einschalten, daß die Geister den geistigen Teil eurer Nahrung genießen und daß sie einen ebenso heftigen Hunger und Durst empfinden wie ihr auf Erden, obgleich weder unsere Speise noch unser Getränk von euren physischen Augen gesehen werden können, ebensowenig wie unser geistiger Körper. Dennoch haben Speise und Trank für uns eine objektive Realität. Wenn ich mich jetzt auch anfangs mit Ekel von jenen trockenen Krusten abwandte, so sagte mir doch eine kurze Überlegung, daß ich jetzt kein Mittel hatte, mir etwas anderes zu verschaffen. Ich war einem Bettler zu vergleichen und hatte mich mit eines Bettlers Kost zu begnügen.
Meine Gedanken wandten sich nun wieder meiner Geliebten zu und führten meinen Geist mit sich, so daß ich noch einmal jenes Zimmer betrat, in dem ich sie und die beiden Frauen zuletzt gesehen hatte. Diesmal konnte ich sofort eintreten und wurde von zwei männlichen Geistern empfangen, die ich nur sehr schwach sehen konnte. Denn es schien ein Schleier zwischen uns zu hängen, durch welchen ich jene beiden Geister, die Frauen und meine Geliebte wahrnahm. Man forderte mich auf, ihr wieder eine Botschaft zukommen zu lassen. Ich war nun begierig, zu versuchen, ob ich meine Worte nicht durch meinen Liebling selbst schreiben könne, wie es ihr Schutzgeist getan hatte. Man gestattete mir diesen Versuch.. Zu meiner Enttäuschung fand ich aber, daß es nicht ging; sie war für alles, was ich sagte, taub. So mußte ich den Gedanken aufgeben und wie vorher die Frau für mich schreiben lassen. Nachdem meine Botschaft gegeben war, ruhte ich kurze Zeit aus und beobachtete meines Lieblings süßes Gesicht wie in früheren glücklicheren Tagen.
Meine Betrachtungen wurden von einem der anwesenden männlichen Geister unterbrochen, - einem ernsten jungen Mann, soweit ich unterscheiden konnte. Er sprach in ruhiger, freundlicher Weise zu mir und sagte, daß, wenn ich meine Worte durch meinen Liebling selbst zu schreiben wünsche, es gut sei, mich zuvor einer Brüderschaft von Büßenden anzuschließen. In dieser verfolge man den Weg zum Guten, und bei ihr könne ich vieles lernen, wovon ich bisher noch keine Kenntnis habe. Durch die Belehrungen dieser Brüder würde ich nicht nur befähigt werden, den Geist meiner Liebe zu beeinflussen, sondern auch das von mir ersehnte Vorrecht erlangen, zuweilen während ihres irdischen Daseins bei ihr zu sein. Dieser Weg der Buße sei sehr hart, der Stufen bis zum Ziele gäbe es viele, die Mühen und Leiden seien groß. Aber der Weg führe schließlich nach einem schönen, glücklichen Lande, wo ich in einer Glückseligkeit ausruhen würde, wie ich sie jetzt nicht einmal erträumen könne.
Er versicherte mir, daß sich mein entstellter Körper, den ich noch so ängstlich vor den Augen meiner Geliebten verbarg, der Umwandlung meines Geistes entsprechend, verändern würde. Dann würde er wieder schön anzuschauen sein und sein Anblick sie nicht mehr betrüben. Verbliebe ich noch weiter wie jetzt auf dem Erdenplan, so würde ich wahrscheinlich an die früheren Orte meiner sogenannten Freuden zurückgezogen werden. In jener Atmosphäre geistiger Herabwürdigung würde ich bald die Kraft, in der Nähe meines Liebs zu verweilen, ganz verlieren. Die, welche über sie wachten, wären dann aus Rücksicht für sie gezwungen, mich aus ihrer Nähe auszuschließen. Würde ich mich andererseits jener Brüderschaft der Hoffnung und Arbeit anschließen, dann sollte ich so gestärkt und belehrt werden, daß ich nach entsprechender Zeit ohne Gefahr wieder zum Erdenplane zurückkehren könnte. Ich würde mir bis dahin genügende selbstschützende Kraft errungen haben, um seinen Versuchngen zu widerstehen.
Ich lauschte den Worten dieses freundlichen
Geistes mit Verwunderung und wachsendem Verlangen, mehr von jener Brüderschaft
zu erfahren und bat deshalb den Geist, er möchte mich zu ihr führen.
Dieser versprach es zu tun, erklärte mir aber gleichzeitig, daß
es nur meines eigenen Willens bedürfe, um mich dorthin zu versetzen.
"Wenn du zu irgend einer Zeit wegzugehen wünschest," erklärte
mir der Geist, "so kannst du es sofort tun. In der Geisterwelt sind alle
frei. Alle brauchen nur dahin zu gehen, wohin ihre eigenen Wünsche
oder Begierden sie führen. Wenn du dich bemühst, reineren höheren
Wünschen Raum zu geben, werden dir die Mittel an die Hand gegeben,
sie zu verwirklichen. Du empfängst sodann so viel Unterstützung
und Kraft, als du zu deinem Vorhaben bedarfst.
Du bist einer von denen, die niemals die
Kraft des Gebetes kennen gelernt haben. Aber alle Dinge werden uns auf
unser Gebet hin zuteil, gleichviel ob wir uns dessen bewußt sind
oder nicht. Alle deine Wünsche nach Gutem oder Bösem sind gleich
Gebeten und rufen gute oder böse Mächte zu dir, um sie zu erfüllen."
Da ich wieder müde und erschöpft war, riet mir der Geist, meinem Liebling für einige Zeit Lebewohl zu sagen. Er erklärte mir, daß ich an Kraft gewönne, wenn ich sie während der Zeit an dem besprochenen Orte verlassen würde, und daß sie ebenfalls dann Ruhe habe, neue Kraft zu sammeln. Es wäre auch gut, wenn sie drei Monate lang gar nicht versuchen würde zu schreiben, da ihre medialen Kräfte stark in Anspruch genommen seien und sie sehr geschwächt würde, wenn nicht eine Ruhepause eintrete. Andererseits hätte ich diese ganze Zeit nötig, um nur die einfachsten Dinge zu erlernen, die nötig seien, um einen Einfluß auf meine Liebe zu gewinnen.
Ach, wie schwer wurde es uns beiden, dieses
Versprechen zu geben! Aber sie ging mit gutem Beispiel voran, und ich konnte
nichts anderes tun, als ihr folgen. Ich wollte ebenso stark und geduldig
sein wie sie und tat ein Gelübde: Wenn Gott, den ich so lange vergessen
hatte, sich meiner erinnern und mir jetzt verzeihen würde, wolle ich
mein ganzes Leben und alle meine Kräfte dahingeben, um mein begangenes
Unrecht wieder gut zu machen.
So verließ ich denn für einige
Zeit den trüben Erdenplan der geistigen Welt, von dem ich bis jetzt
wenig gesehen hatte, in der ich aber noch viel erleben und erdulden sollte.
Als ich mit meinem neuen Führer das Zimmer verließ, wandte ich mich noch einmal meiner Liebsten zu und winkte ihr zum Abschiede mit der Hand, indem ich alle guten Engel und Gott - zu dem ich für mich selbst nicht zu beten wagte - bat, sie zu segnen und sie für immer in ihren Schutz zu nehmen. Das letzte, was ich sah, waren ihre süßen Augen, die mir mit dem Ausdruck der Liebe und Hoffnung folgten. Die Erinnerung an diesen Blick hat mich in so mancher schweren und schmerzensreichen Stunde aufrechterhalten.
IV
In der geistigen Welt gibt es manch merkwürdigen Ort, manchen wundervollen Anblick, und viele Gesellschaften zur Unterstützung reuiger Seelen. Niemals aber habe ich etwas in seiner Art Seltsameres gesehen, als jenes durch die "Brüderschaft zur Hoffnung" geleitete Erholungsheim, zu dem ich nun geführt wurde. Bei der damaligen Schwäche aller meiner geistigen Fähigkeiten war es mir nicht möglich, die Dinge genau zu unterscheiden und zu sagen, womit der Ort Ähnlichkeit hätte. Ich glich einem Menschen, der fast taub, stumm und blind ist. Befand ich mich in Gesellsdiaft anderer, so konnte ich sie kaum hören und sehen oder mich ihnen verständlich machen. Und wenn ich auch imstande war, ein wenig zu sehen, so war es mir doch nur so, als ob ich in einem dunklen Raume mit einem schwachen Schimmer von Licht wäre, gerade stark genug, um mir zu zeigen, wohin ich ging. Auf dem seelischen Erdenplan hatte ich das nicht so gefühlt, da ich dort, obwohl ebenfalls alles in Dunkel gehüllt war, genug sehen und hören konnte, um mich meiner Umgebung bewußt zu werden. Schon infolge des Aufstiegs zu dieser geringen Höhe, auf welcher der Platz über der Erde lag, entstand bei mir das Gefühl der Abwesenheit von allem. Es schienen nur die gröbsten Umhüllungen meines Geistes vorhanden zu sein.
Jene Periode der Finsternis war für mich, der das Sonnenlicht so sehr geliebt hatte, zu schrecklich, als daß ich sie nochmals ins Gedächtnis zurückrufen möchte. Ich stammte aus einem Lande, wo alles Sonnenschein und Pracht ist, die Farben reich und mannigfaltig, der Himmel klar, die Blumen und Landschaften so herrlich, - und ich liebte Licht und Wärme und Musik unaussprechlich. Hier jedoch, wie überall seit meinem Tode, hatte ich nur Finsternis und Kälte gefunden; eine schaudererregende Dunkelheit, die mich wie ein schwarzer Mantel umhüllte, von dem ich mich auf keine Weise befreien konnte. Dieses fürchterliche Dunkel bedrückte meinen Geist mehr als alles andere.
Auf Erden war ich stolz und hochmütig
gewesen. Das Blut der stolzen Edlen meines Volkes rann in meinen Adern.
Durch meine Mutter war ich mit den Großen der Erde verwandt, deren
Ehrgeiz Königreiche nach Belieben lenkte. Und nun?! Der niedrigste,
geringste und ärmste Bettler auf der Straße meiner Vaterstadt
war größer und glücklicher als ich, denn er hatte wenigstens
Sonnenschein und frische Luft, während ich einem herabgekommensten
Gefangenen in der Kerkerzelle glich.
Hätte mich nicht der Gedanke an meinen
Hoffnungsstern, meinen Lichtengel und seine Liebe aufrecht erhalten, ich
hätte in tiefste Verzweiflung verfallen müssen. Wenn ich mir
jedoch ihr zärtliches Lächeln und ihre guten Worte ins Gedächtnis
zurückrief, da belebte sich mein Mut wieder und ich bestrebte mich,
geduldig und stark zu sein. Ich hatte aber auch all dieses zu meinem Fortgang
nötig, denn nun begann für mich eine Periode des Leidens und
Ringens, die ich vergebens versuchen werde, jemandem völlig verständlich
zu machen.
Den Ort, an dem ich mich nun befand, konnte ich jetzt dürftig in allen Einzelheiten betrachten. Er glich in seinen düsteren, dunklen Umrissen einem ungeheueren Gefängnis. Späterhin bemerkte ich, daß es ein großes Gebäude war von dunkelgrauem Stein, der meinem Auge so dicht wie irdisches Gestein erschien. Der Bau mit vielen langen Gängen bestand aus mehreren geräumigen Hallen oder Sälen, an die sich zahllose kleine Zellen mit spärlicher Beleuchtung und dürftigster Ausstattung anschlossen. Jeder Geist besaß hier nur das, was er durch sein irdisches Leben verdient hatte; einige hatten nichts als das kleine Lager, auf dem sie lagen und litten. Denn es litten hier alle! Es war ein Haus der Trübsal, in dem ich mich befand, doch auch ein Haus der Hoffnung. Denn alle seine Insassen strebten nach aufwärts dem Lichte zu, für jeden hatte die Zeit des Hoffens begonnen. Jeder hatte den Fuß auf die unterste Stufe der Hoffnungsleiter gesetzt, auf der er mit der Zeit zum Paradies und zum Himmel emporklimmen sollte.
In meiner eigenen kleinen Zelle befand sich nur mein Bett, ein Tisch und ein Stuhl, sonst weiter nichts. Ich verbrachte die Zeit in meiner Zelle mit Ruhen und Nachdenken. Oder ich erging mich mit jenen, welche gleich mir bald kräftig genug waren, um den Vorlesungen beizuwohnen, welche für uns in der großen Halle gehalten wurden. Diese Lesungen waren sehr eindringlicher Natur. Sie wurden in die Form von Erzählungen eingekleidet, verrieten aber stets die Absicht, einem jeden von uns sein Unrecht zum Bewußtsein zu bringen.
Man gab sich große Mühe, uns vom Standpunkte eines unparteiischen Zuschauers aus die volle Tragweite aller unserer Handlungen verständlidi zu machen und uns zu zeigen, wo wir zugunsten unserer eigenen Genußsucht gefehlt und eine andere Seele ins Verderben gestürzt hatten. Von manchem, das wir begangen, weil alle es taten, oder weil wir glaubten, als Menschen das Recht dazu zu haben, wurde uns nun die Kehrseite der Sache zur Anschauung gebracht. Und zwar durch diejenigen, welche in gewissem Grade unsere Opfer gewesen waren; oder da, wo wir nicht direkt für ihren Fall verantwortlich waren, durch die Opfer eines sozialen Systems, das aufrecht erhalten wurde, um unsere selbstsüchtigen Leidenschaften befriedigen zu können.
Diejenigen unter euch, welche die Verdorbenheit
der großen Städte auf Erden kennen, werden leicht imstande sein,
diese Ausführungen zu ahnen. Vor diesen Schilderungen unserer eigenen
schwachen Persönlichkeit fiel all der gesellschaftliche Schein des
irdischen Lebens; beschämt und bekümmert im Herzen mußten
wir in unsere Zellen zurückkehren, um über unsere Vergangenheit
nachzudenken, sowie darüber, wie wir unsere Fehler in Zukunft sühnen
könnten.
Eine große Erleichterung wurde uns
dadurch zuteil, daß man uns mit den Fehlern und ihren Folgen stets
zugleich den Weg wies, diese wieder gut zu machen und die böse Lust
in uns zu bezwingen. Wir wurden belehrt, daß wir durch unsere künftigen
Bemühungen, andere vor einem Übel zu beschützen, dem wir
selbst zum Opfer gefallen waren, für unsere eigenen Sünden Buße
zu leisten hätten. Mit diesem Unterricht beabsichtigte man, uns für
unsere nächste Entwicklungsstufe vorzubereiten, in der wir zur Erde
zurückgesandt werden sollten, um ungesehen und unerkannt den Sterblichen
beizustehen, die mit irdischen Versuchungen kämpften.
Wenn wir den Vorträgen nicht beiwohnten,
stand es uns frei zu gehen, wohin es uns beliebte, doch nur denen unter
uns, die stark genug waren, sich frei zu bewegen. Einige, die teure Freunde
auf der Erde zurückgelassen hatten, machten sich auf, um diese zu
besuchen, damit sie, wenn auch selbst unbemerkt, doch ihre Lieben wenigstens
sehen könnten. Wir wurden aber stets gewarnt, nicht bei den Versuchungen
des Erdenplans zu verweilen, da es vielen von uns schwer fallen würde,
ihnen zu widerstehen.
Die Stärksten von uns, die Fähigkeiten
dazu besaßen und sie zu gebrauchen wünschten, wurden veranlaßt,
die Schwächsten unter uns zu magnetisieren: solche, die durch übermäßige
Verschwendung ihrer Lebenskräfte während ihres irdischen Daseins
sich oftmals in einem schrecklichen Zustande der Erschöpfung und des
Elends befanden, daß man nichts anderes mit ihnen tun konnte, als
sie in ihren Zellen liegen zu lassen, während ihnen andere Geister
durch Magnetisieren etwas Linderung verschafften.
Hier muß ich noch ein wunderbares Heilverfahren schildern, welches man in diesem Hause der Hoffnung anwandte. Einige vorgeschrittenere Geister, deren Wünsche und Anlagen sie zu natürlichen Ärzten und Heilern machten, behandelten in Gemeinschaft mit anderen Intelligenzen diese Kränksten unter uns Leidenden, indem sie durch Anwendung ihres Magnetismus und Mitbenutzung der Kräfte anderer die Pein dieser armen Geister zeitweilig aus ihrer Seele auslöschten. Wenn in letzteren nach einiger Zeit die alten Leiden auch wieder erwachten, so hatte ihr Geist inzwischen doch wieder Stärke gewonnen, um sie zu ertragen. Schließlich wurden ihre Schmerzen infolge fortschreitender Entwicklung ihres geistigen Körpers derart herabgemindert, daß sie nun selbst fähig wurden, andere zu magnetisieren und ihnen ihre Schmerzen zeitweilig zu nehmen.
Es ist mir nicht möglich, eine genaue Beschreibung von diesem Orte und seinen Bewohnern zu geben. Obgleich er große Ähnlichkeit mit einem irdisdien Hospital hatte, so wies er doch viele Nebensächlichkeiten auf, in denen er in nichts dem glich, was ihr bis jetzt auf der Erde gehabt. Es war hier alles so dunkel, weil die Unglücklichen, die hier hausten, nichts von dem Glanze an sich hatten, durch den glückliche Geister ihre Atmosphäre erleuchten. Denn der Zustand des Geistes selbst ist es, welcher Licht oder Dunkelheit in seine Umgebung bringt.
Das Gefühl der Dunkelheit, die fast vollständige
Blindheit jener armen Geister war dadurch hervorgerufen, daß ihre
geistigen Sinne während ihres Erdenlebens nicht entwickelt worden
waren. Sie waren für ihre Umgebung gerade so unempfindlich, wie Erdgeborene
im Zustande der Blindheit, Taubheit und des Stummseins sich der Dinge unbewußt
bleiben, die anderen mit allen Sinnesorganen Ausgestatteten vollständig
bemerkbar sind.
Kamen diese armen Geister in die Atmosphäre
des Erdenplanes, die ihrer Entwicklungsstufe angemessener war, so befanden
sie sich noch immer in einer gewissen Dunkelheit. Sie besaßen dann
jedoch die Fähigkeit, Wesen ihresgleichen, mit denen sie in direkte
Berührung kamen, zu sehen. Ebenso auch solche Sterbliche, die sich
auf einer entsprechend niederen geistigen Entwicklungsstufe befanden. Geistig
höher entwickelte Sterbliche und besonders entkörperte, vorgeschrittene
Geister sind aber für sie kaum wahrnehmbar oder ganz unsichtbar.
Die "arbeitenden Brüder der Hoffnung", wie sie genannt wurden, waren mit einem winzigkleinen sternartigen Lichte versehen, dessen Strahlen die Dunkelheit der Zellen, in die sie eintraten, erleuchteten, und die das Licht der Hoffnung überall hinbrachten, wo sich die Brüder befanden. Ich selbst war anfänglich so leidend, daß ich fast immer abgespannt und teilnahmslos in meiner Zelle lag. Indem ich darauf wartete, daß dieser flimmernde Funke wieder den langen Gang bis zu meiner Türe herunterkommen sollte, dachte ich darüber nach, wie lange es wohl nach Erdenzeit dauern würde, bis er wieder erschiene. - Dieser Zustand äußerster Niedergeschlagenheit dauerte aber nicht allzu lange. Es ging mir besser als den armen Geistern, die außer ihren sonstigen Leidenschaften noch mit dem Laster des Trunkes behaftet waren.
Mein Geist war zu klar und mein Wunsch, mich
zu vervollkommnen zu stark; als daß ich hätte lange untätig
bleiben können. Sobald ich mich zu rühren imstande war, erbat
ich mir die Erlaubnis, irgend etwas Nützliches, wenn auch noch so
Unbedeutendes verrichten zu dürfen. Da ich starke magnetische Kräfte
besaß, wurde ich nun angewiesen, einem unglücklichen jungen
Mann Beistand zu leisten, der zu jeder Bewegung unfähig immerfort
klagte und seufzte.
Armer Mensch! Er war erst 30 Jahre alt, als
er den irdisdien Körper verließ. Aber in seinem kurzen Leben
hatte er es fertig gebracht, seine Kräfte derart zu vergeuden, daß
er sich nun selbst vorzeitig getötet hatte. Sein Geist litt jetzt
fürchterlich unter der Wirkung des Mißbrauchs, den er mit seinem
Körper getrieben hatte, so daß ich den Anblick des Leidens oft
kaum ertragen konnte. Meine Aufgabe bestand darin, beruhigende Striche
über ihm zu machen und ihm dadurch etwas Erleichterung zu verschaffen,
bis nach einer bestimmten Zeit ein vorgeschrittenerer Geist kam, um ihn
in einen Zustand der Bewußtlosigkeit zu versetzen, der seine Leiden
zeitweilig ganz aufhob.
Während dieser Zeit hatte ich selbst
viel zu leiden, sowohl seelisch, wie auch geistig und körperlich,
denn in den niederen Sphären empfindet der Geist auch körperliche
Schmerzen. In dem Maße, wie er fortschreitet, wird sein Leiden mehr
geistig-seelischer Natur. Die dünnere, ätherische Hülle
höherer Geister machen diese für jede Art körperlichen Schmerzes
fast ganz unempfindlich.
Mit der Zunahme meiner Kraft belebten sich
aber auch meine Begierden wieder. Sie verursachten mir oft eine solche
Qual, daß ich versucht war zu tun, was viele arme Geister taten -
nämlich zur Erde zurückzugehen, um nach Mitteln zu suchen, sie
durch die rnateriellen Körper der auf Erden Lebenden zu befriedigen.
Meine körperlichen Leiden waren sehr groß. Denn die Kraft, auf
die ich so stolz gewesen war und von der ich einen so schlechten Gebrauch
gemacht hatte, brachte mir mehr Leiden als denen, die auf Erden schwach
waren. Wie die Muskeln eines Athleten nach Überanstrengung sich zusammenzuziehen
beginnen und ihm große Pein verursachen, fing nun auch die Kraft
und die Stärke, die ich in meinem irdischen Leben mißbraucht
hatte, an, mir durch ihre unvermeidliche Rückwirkung auf meinen geistigen
Körper intensiven Schmerz zu bereiten.
Als ich immer mehr erstarkte und fähig wurde, zu genießen, was mir in meinem irdischen Dasein genießenswert erschienen war, nahm das Verlangen nach diesen Freuden immer mehr zu, sodaß ich mich kaum zurückzuhalten vermochte von der Rückkehr zum Erdenplan, um dort durch die Körper solcher Lebender, die infolge ihrer niederen Begierden sich mit den Geistern des Erdenplans auf gleicher Stufe befanden, alle Sinnesfreuden zu genießen, die für uns noch eine so große Versuchung bildeten.
Viele von den Bewohnern des "Hauses der Hoffnung" unterlagen der Versuchung und gingen eine Zeitlang auf die Erde nieder - von wo sie dann über kurz oder lang, erschöpft und selbst unter ihre frühere Entwicklungsstufe heruntergesunken zurückkehrten. Allen stand es frei, nach Belieben zu gehen oder zu bleiben. Alle konnten zurückkehren, sobald sie es wünschten, denn die Tore von "Hoffnungsheim" waren keinem verschlossen, so undankbar und unwürdig er auch sein mochte. Oft habe ich die unendliche Geduld und Nachsicht bewundert, die uns angesichts unserer Schwächen und Sünden erwiesen wurde. Es war uns in der Tat nur möglich, diese armen Unglücklichen zu bemitleiden, welche sich so völlig zu Sklaven ihrer niederen Begierden gemacht hatten, daß sie ihnen nicht mehr widerstehen konnten. Immer und immer wieder wurden sie zur Erde hinabgezogen, bis sie schließlich, übersättigt und erschöpft gleich dem jungen Manne, den ich pflegte, nicht mehr imstande waren, sich zu bewegen.
Ich selbst wäre der Versuchung auch unterlegen, wenn nicht der Gedanke an mein reines Lieb und an die Hoffnungen, die sie mir gemacht, die besseren Regungen in mir wachgerufen hätte. Ich konnte deshalb diese armen irrenden Seelen, denen ein solcher Halt nicht gegeben war, nicht verurteilen. Oft ging ich zur Erde, aber dahin, wo meine Geliebte weilte; ihre Liebe zog mich stets von allen Versuchungen hinweg an ihre Seite, in die reine Atmosphäre ihres Wesens. Obgleich ich mich ihr infolge jenes oben beschriebenen unsichtbaren Walls niemals genügend nähern konnte, um sie zu berühren, stand ich doch außerhalb desselben und sah sie sitzen, arbeiten, lesen oder schlafen. Wenn ich da war, wurde sie sich meiner Gegenwart stets dumpf bewußt. Sie flüsterte meinen Namen oder wandte sich nach mir mit jenem traurig-süßen Lächeln, dessen Erinnerung ich mit mir genommen und das mir in einsamen Stunden zum Trost gereichte. Sie sah sehr traurig aus, mein armes Lieb, und war so bleich und zart, daß es mir in der Seele wehe tat trotz des Trostes, den mir ihr Anblick gewährte.
Ich mußte mir sagen, daß trotz ihrer Tapferkeit und Hoffnungsfreudigkeit dieser Kampf doch zu schwer für sie war und daß ihr Aussehen täglich zarter wurde. Sie hatte damals mancherlei Prüfungen zu bestehen: es gab viel Verdruß in der Familie, und Zweifel und Befürchtungen bedrückten sie wegen ihres Verkehrs mit der Geisterwelt. Zu Zeiten frug sie sich, ob nicht alles, was sie erlebte, eine große Täuschung wäre - ein Traum, aus dem sie eines Tages erwachen würde mit der Entdeckung, daß es überhaupt keine Verbindung zwischen den Toten und Lebenden gab, keine Mittel und Wege, durch die sie mich wieder erreichen konnte. Dann ergriff sie und auch mich eine dumpfe Verzweiflung. Unfähig, ihr meine Gegenwart bemerkbar zu machen, stand ich an ihrer Seite und bat, man möchte sie auf irgend eine Weise wissen lassen, daß ich zugegen war.
Eines Nachts, als sie nach längerem Weinen
eingeschlafen war, wurde ich, der ich selbst vor Kummer hätte mitweinen
mögen, an der Schulter berührt. Aufschauend gewahrte ich den
Schutzgeist meines Lieblings, der mir zuerst zu einer Aussprache mit ihr
verholfen hatte. Er fragte mich, ob ich mich beherrschen und ganz ruhig
verhalten wolle, wenn er mir erlaube, mein Lieb im Schlafe zu küssen.
Hocherfreut über diese Aussicht versprach ich es eifrig.
Ihr Schutzgeist nahm mich nun bei der Hand.
So gingen wir zusammen durch den durchsichtigen eisigen Wall, der für
mich so undurchdringlich gewesen war. Mein Führer beugte sich über
sie und machte einige seltsame Bewegungen mit der Hand, nahm dann eine
kurze Zeit eine meiner Hände in die seinige und bat mich, sie ganz
leicht zu berühren. Sie lag in ruhigem Schlummer, die Tränen
noch auf ihren Wimpern und die Lippen leicht geöffnet, wie wenn sie
im Traume spräche.
Eine ihrer Hände ruhte an ihrer Wange und ich nahm sie in die meinige, ganz behutsam, um sie nicht zu erwecken. Ihre Hand umschloß nun halbbewußt die meine, und ein Anflug von solch lebhafter Freude trat in ihr Angesicht, daß ich fürchtete, sie würde erwachen. Aber nichts dergleichen. Der glänzende Geist lächelte uns beiden zu und sagte: "Küsse sie nun." Und ich beugte mich über sie, berührte sie schließlich und gab ihr den ersten Kuß, den ich ihr je gegeben. Nicht einmal, sondern wiederholt küßte ich sie so leidenschaftlich, daß sie erwachte und der glänzende Geist mich hastig hinwegzog. Sie schaute um sich und fragte sanft: "Träume ich oder war dies wirklich mein Geliebter?" - "Ja", antwortete ich, und sie schien es zu hören, denn sie lächelte so süß und immer wieder sprach sie meinen Namen leise zu sich selbst.
Während langer Zeit nachher wollte man mir nicht erlauben, mein Lieb wieder zu berühren, aber oft war ich ihr nahe, und die Freude über jenes eine Zusammentreffen klang manche Stunde in unseren Herzen nach. Es entging mir nicht, von welch realer Natur mein Kuß für sie gewesen. Mir selbst war er ein Hoffnungsanker, daß es mir mit der Zeit möglich würde, ihr meine Berührungen auch fühlbar zu machen und Zwiesprache mit ihr zu halten.
V
Schließlich kam auch für mich die
Zeit heran, wo ich das "Haus der Hoffnung" verlassen konnte, um - gefestigt
durch die daselbst empfangenen Lehren - auf dem Erdenplane und in den unteren
Sphären, wohin es mich in meinem irdischen Dasein hingezogen hatte,
Sühne zu leisten.
Während der acht oder neun Monate seit
meinem Tode hatte ich wieder Kraft und Stärke erlangt, so daß
ich mich innerhalb der großen Sphäre des Erdenplanes frei und
ungehindert zu bewegen vermochte. Mein Sehvermögen und meine anderen
Sinne waren so weit entwickelt, daß ich deutlich sehen, hören
und sprechen konnte. Ein mattes Zwielicht, dem des dämmernden Morgens
ähnlich, umgab mich nun. Obgleich dieses trübe Licht meinen Augen
anfänglich sehr willkommen war, begann ich mich doch nach einiger
Zeit sehr nach hellem Tageslicht zu sehnen, und dieses trübe Zwielicht
erschien mir bald äußerst einförmig und bedrückend.
Die Gebiete im dritten Kreise des Erdenplanes
oder der ersten Sphäre werden "die Zwielicht-Lande" genannt. Hierher
kommen alle Geister, die ein so selbstsüchtiges und sinnliches Leben
geführt haben, daß ihre Seelen eine höhere Stufe der Entwicklung
nicht erreichen konnten. Aber die Bewohner dieser Zwielichtlande stehen
immer noch eine Stufe höher als die "Spukgeister" des Erdenplanes,
die tatsächlich erdgebunden, d. h. an ihre früheren Wohnorte
gebannt sind.
Meine Arbeit auf der Erde begann an jenen
vielbesuchten Orten, welche die Welt Vergnügungslokale und Freudenhäuser
nennt, obgleich kein Vergnügen so flüchtig ist und so sicher
zur Entartung führt als gerade jenes, das sie den Menschen während
ihres irdischen Daseins bereiten.
Jetzt hatte ich Gelegenheit, den Wert der Erfahrungen, die ich durch meinen Aufenthalt im "Hause der Hoffnung" gewonnen hatte, schätzen zu lernen. Was früher eine schwere Versuchung für mich war, übte jetzt keinen Reiz mehr auf mich aus. Ich kannte die "Befriedigungen", welche derartige Vergnügungen gewähren und auch den Preis, um den allein sie zu haben sind zu genau, als daß ich bei der Überwachung eines Sterblichen - wie sie mir öfter übertragen wurde - der Versuchung unterlegen wäre, den Körper des Überwachten für mich selbst zu gebrauchen.
Wenige Sterbliche nur können es heute begreifen, daß Geister - wie es häufig geschieht - zeitweilig so vollständig Besitz von dem Körper eines Mannes oder einer Frau zu nehmen vermögen, daß es den Anschein hat, als ob dieser Körper nicht dem verkörperten, sondern dem entkörperten Geiste angehöre. Viele Fälle von sogenanntem periodischem Wahnsinn sind dem Einflusse schlechter, niederer Geister von leichtfertiger Gesinnung zuzuschreiben, wobei diese, begünstigt in ihrem Vorhaben durch die Willensschwäche der betreffenden Personen, den verkörperten Geist vollständig in ihre Gewalt bekommen. Den alten Völkern waren diese Dinge längst bekannt und wurden von diesen in Verbindung mit anderen Zweigen der okkulten Wissenschaft studiert, für die wir "Aufgeklärte" heute zu weise geworden sind. Fürwahr, diese Wahrheitskeime aller Zeitalter wären es wert, daß man sie eingehend erforschte und sie von dem Schutt befreite, mit dem die späteren Generationen sie umgeben haben.
Die Beschäftigung, der ich nun oblag, wird dem Leser nicht weniger befremdlich erscheinen als anfänglich mir selbst. Die große "Brüderschaft zur Hoffnung" war nur eine von den zahllosen Vereinigungen verschiedenster Richtung, die in der geistigen Welt zur Unterstützung bedürftiger Seelen bestehen. Diese Brüderschaften treten in allen Sphären in Tätigkeit. Ihre Mitglieder sind sowohl in den allerniedersten und dunkelsten, wie auch in den allerhöchsten Sphären tätig, welche die Erde umgeben, selbst in den Sphären des Sonnensystems sind sie noch zu finden. Sie gleichen ungeheuren Ketten von Geistern, bei denen das niedrigste und geringste Glied immer unterstützt und beschüzt wird von solchen, die über ihm stehen.
Wird der Brüderschaft mitgeteilt, daß
man ihres Beistands zur Unterstützung eines ringenden Sterblichen
oder unglücklichen Geistes bedarf, dann wird einer von den Brüdern,
den man für den geeignetsten hält, zur Hilfe gesandt. In solchem
Falle wird ein Bruder ausgewählt, der sich in seinem Erdenleben in
ähnlicher Lage wie der Hilfsbedürftige befand und alle die bitteren
Folgen seiner Sünde erduldet hat.
Oft geschah es, daß einem Manne oder
einer Frau Beistand gewährt wurde, nachdem sie im Kampfe mit der Versuchung
den innigen Wunsch nach Hilfe und Stärkung hinausgesandt hatten. Dies
galt jedem von uns als ein Gebet. Solch ein Schrei eines Erdenkindes findet
bei allen Geistern Echo, die einst selbst Erdenbürger gewesen sind.
Auch kann es vorkommen, daß ein Geist, dem das Wohl eines kämpfenden
Menschen am Herzen liegt, sich zu dessen Beistand um Hilfe an uns wendet.
Unsere Pflicht ist es dann, dem Rufe Folge zu leisten und den Hilfsbedürftigen
zu beschützen und zu beeinflussen, bis die Versuchung überwunden
ist. In solchem Fall müssen wir uns mit dem Sterblichen so eng verbinden,
daß wir zeitweilig tatsächlich sein ganzes Leben und Denken
mit ihm teilen.
Während diesen Doppellebens - wo wir neben unseren Sorgen um solch einen Menschen, dessen Gedanken uns alle bewußt werden, auch noch dessen Angstzustände als eigene empfinden - haben wir häufig sehr zu leiden. Indem wir auf diese Weise einen Abschnitt unserer eigenen Vergangenheit nochmals durchleben, empfinden wir auch alle Sorge, Reue und Bitterkeit der früheren Zeit nochmals. Der unter unserem Einfluß Stehende seinerseits fühlt - wenn auch nicht in so hohem Grade - den sorgenvollen Zustand unseres Gemütes. Und da, wo der Einfluß vollständiger und der Sterbliche sehr sensitiv ist, bildet er sich oft ein, daß er Dinge, die von uns begangen worden waren, selbst getan haben müsse - sei es iu einer früheren, vergessenen Existenz oder in irgendeinem lebhaften Traum, dessen er sich nicht mehr genau entsinnen kann.
Dieses Überschatten eines Sterblichen durch einen Geist wird auf verschiedene Weise ausgeführt. Die, welche sich törichterweise selbst einem solchen Einflusse aussetzen - sei es durch einen schlechten Lebenswandel oder ein neugieriges oder frevelhaftes Forschen nach Geheimnissen, die zu tief sind, als daß ihr schwacher Geist sie erfassen könnte - werden oft zu ihrem Schaden eines gewahr: daß die niederen Geister des Erdenplanes und der weit unterhalb gelegenen Sphären häufig so große Macht über einen Menschen erlangen, daß er schließlich nur noch eine Puppe in ihren Händen ist, deren Körper sie nach Belieben zu gebrauchen vermögen.
Manche willensschwache Männer oder Frauen, die in einer gesunden Umgebung ein gutes und reines Leben führen würden, werden in einer ungünstigen in allerlei Sünden verstrickt, für die sie nur teilweise verantwortlich sind. Für solche Sünden werden sowohl die sterblichen Sünder als auch die Geister, welche sie mißbrauchen, zur Rechenschaft gezogen. Eine schreckliche Strafe harret jener bösen Geister, welche einen Menschen in Versuchung geführt und sich seines Körpers bedient haben, denn sie haben sich doppelt schuldig gemacht. Indem sie selbst sündigen und eine andere Seele mit sich herabziehen, sinken sie bis zu einer Tiefe, aus der sie oft Jahrzehnte ja manchmal Jahrhunderte lang andauerndes Leiden nicht befreien kann.
Oftmals war es meine Aufgabe, Sterbliche zu überwachen und zu beeinflussen. Entweder hatte ich ihnen nur das Gefühl der schrecklichen Folgen des beabsichtigten Fehltritts einzuprägen, oder ich mußte sie da, wo eine Beeinflussung nicht möglich war, vor dem Einflusse herumschweifender geistiger Versucher des Erdenplanes beschützen. Gegen diese hatte ich dann meine stärkere Willenskraft zu gebrauchen, um sie dadurch so weit zurückzudrängen, daß sie mit meinen Schützlingen nicht in Fühlung kommen und sie nicht beeinflussen konnten. Wenn diese indessen den niederen Geistern einen Einfluß auf sich bereits eingeräumt hatten, dann waren letztere nach meinem Eingreifen zwar noch imstande, ihre Gedanken und Suggestionen auf sie zu übertragen, konnten dies jedoch nur noch unter Schwierigkeiten tun.
Damals glaubte ich, daß die Verantwortung
für die Sicherheit jener, zu deren Schutz ich berufen war, auf mir
allein laste.
Ich wußte nicht, daß ich nur
das letzte Glied einer langen Reihe von Geistern bildete, die alle zur
gleichen Zeit Hilfe leisteten. In dieser Reihe stand immer ein Geist eine
Stufe höher als der andere. Jeder mußte den unter ihm Befindlichen
stärken und ihm helfen, wenn er schwach werden oder seiner Aufgabe
nicht gewachsen sein sollte.
Was ich tat, sollte mir auch selbst zur Lehre dienen, mir Gelegenheit geben, mich in der Verzichtleistung auf eigene Bequemlichkeiten in der Selbstverleugnung zu üben. Mein Zustand als Erdengeist machte es mir möglich, den geistigen Versuchern eine materiellere Willenskraft entgegenzusetzen als es höheren, ätherischen Geistern möglich gewesen wäre. Selbst erdgebunden, konnte ich mit den Sterblichen in innigeren Kontakt gelangen als ein fortgeschrittener Geist. Es war meine Aufgabe, dem Menschen, den ich beaufsichtigte, durch Traumvorstellungen im Schlafe oder durch beständig wiederholte Gedanken während des Wachens, meine eigenen Erfahrungen einzuprägen; ihm all die schrecklichen Leiden der Reue und Furcht, all den Ekel fühlen zu lassen, den ich vor mir selbst empfunden hatte und nun in bitterer Seelenpein nochmals im Geiste durchlebte. Diese Gefühle wurden von mir so lange auf sein Bewußtsein und in sein Gemüt übertragen, bis er offensichtlich durch diese Vorstellungen von den möglichen schrecklichen Folgen seiner Gedankensünden beunruhigt war.
Bei diesem besonderen Teile meiner Erlebnisse
will ich nicht länger mehr verweilen, da er hier im Jenseits als allgemein
bekannt gilt. Erwähnen möchte ich nur, daß ich von meiner
Mission mit dem Bewußtsein zurückkehrte, viele Sterbliche vor
den Fallstricken, in die ich selbst einst geraten war, bewahrt zu haben;
und daß ich dadurch einen Teil meiner eigenen Sünden abgebüßt
hatte. So wurde ich mehrmals mit solchen Sendungen betraut und jedesmal
kam ich erfolgreich zurück.
Wenn ich nach dem Urteil derer, die meinen
Zustand beim Eintritt in die geistige Welt gekannt, erstaunlich rasche
Fortschritte gemacht hatte und den Versuchungen immer widerstehen konnte,
so war dieser Erfolg nicht so sehr mir selbst zuzuschreiben. Weit mehr
der wunderbaren Unterstützung, die mir durch die treue und unwandelbare
Liebe meines guten Engels zuzuschreiben war, dessen Bild mir stets in meinen
Nöten vor Augen schwebte. - Wenn alle anderen Vorstellungen ohne Eindruck
auf mich blieben, - der Stimme meines Lieblings verschloß ich mich
nie, sondern folgte ihr stets.
Hatte ich nicht irgend einem Sterblichen Beistand zu leisten, wurde ich ausgesandt, um auf dem Erdenplan unter den unglücklichen Geistern zu wirken, die wie einst ich selbst noch in Finsternis wandelten. Zu diesen kam ich in meiner Eigenschaft als Mitglied der großen "Brüderschaft zur Hoffnung", versehen mit dem kleinen sternähnlichen Lichte, das geistige Abzeichen jenes Ordens. Vor seinen Strahlen wich die Finsternis um mich her. Ich konnte dann die unglücklichen Geister sehen, wie sie zu zweien oder dreien auf dem Boden umherkrochen oder in hilflosem Zustande in irgend einer Ecke hockten; zu hoffnungslos, zu unglücklich, um für ihre Umgebung noch Interesse zu haben.
Diese Unglücklichen hatte ich darauf aufmerksam zu machen, wie sie zu einem Hoffnungsheime ähnlich dem meinigen gelangen konnten. Oder ich hatte ihnen zu zeigen, auf welche Weise sie sich selbst zu helfen vermochten: indem sie anderen in ihrer Nähe Beistand leisteten und sich so die Dankbarkeit jener verdienten, die noch hoffnungsloser waren als sie selbst. Jeder armen, leidenden Seele mußte ein anderes Heilmittel gereicht werden, denn eine jede hatte andere Erfahrungen gemacht, und die Sünden einer jeden waren durch andere Umstände hervorgerufen worden.
weiter zu Thalassa,
die Tage der Finsternis, Teil VI - XII