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Man kann sich kaum eine bessere Vorstellung von dem Weg machen, den unsere Reise nahm, als indem man sich eine ungeheure Spirale denkt, deren Linie sich in kreisrunden Ringen aufwärts und abwärts windet. Ein kleiner Punkt, nicht größer als etwa ein Stecknadelkopf, als Achse in einem großen Rade gedacht, stellt die Erde als Zentrum in diesem kreisförmigen Ring dar. Eine gleiche Anzahl von Ringen befindet sich oberhalb und unterhalb der Erde. Die Ringe sind in gleicher Reihenfolge angeordnet und winden sich, bei der Achse als der niedersten Sphäre beginnend, um diese herum. Sie steigen auf diese Weise in immer höhere Sphären, bis zuletzt das Ende der Spirale bei unserer Zentralsonne angelangt ist, womit der höchstmögliche Grad irdischer Entwicklung bezeichnet wird. Diese Darstellung wird dem Leser einen schwachen Begriff von der Erde und ihren zugehörigen Sphären geben und ihm verständlich machen, wie wir aus der zweiten Sphäre in die unterste herabstiegen und auf unserer Reise den Erdenplan durchwandern mußten.
Als wir letzteren betraten, nahm ich viele
Geister von Sterblichen wahr, welche hierhin und dahin eilten, wie ich
dies zu sehen gewohnt war. Aber nun beobachtete ich zum erstenmal, daß
sich bei ihnen auch viele schwebende, gespensterhafte Gestalten befanden,
ähnlich jenen Schatten, die ich im "Frostlande" in der Umgebung des
Geistes im Eiskäfige gesehen hatte.
Einige erschienen sehr scharf und lebenskräftig,
bis eine genauere Untersuchung mich belehrte, daß das Licht der Intelligenz
in ihren Augen und Mienen fehlte. Bei ihrem hilflosen, verfallenen Aussehen
machten sie den Eindruck von Wachspuppen, deren Füllung entfernt ist.
In der Tat fällt mir nichts ein, das eine bessere Vorstellung von
ihrer Erscheinung geben könnte.
Bei meinen früheren Wanderungen auf dem Erdenplane hatte ich alle diese Wesen nicht wahrgenornmen. Als ich Hassein nach dem Grunde fragte, antwortete er: "Das hat seinen Grund erstens darin, daß du zu sehr in deine Arbeit vertieft warst, und zweitens, daß deine Sehkraft nicht genügend entwickelt war. Da schaue hin, fügte er hinzu, indem er mich auf eine seltsame kleine Gruppe aufmerksam machte, die sich uns, Hand in Hand wie Kinder tanzend, näherte. Betrachte sie, es sind die geistig-körperlichen Emanationen kindlicher Seelen und Körper. Sie verdichten sich zu diesen drolligen, harmlosen kleinen Gebilden, wenn sie mit einer der großen Lebensströmungen in Berührung gebracht werden, welche um die Erde kreisen und auf ihren Fluten die lebendigen Ausstrahlungen von Männern, Frauen und Kindern mit sich führen. Diese seltsamen kleinen Wesen haben kein persönliches, selbstbewußtes Leben, wie es die Seele verleiht, und sie sind so flüchtig und ätherisch, daß sie ihre Gestalten verändern wie die Wolken am Himmel. Sieh, wie sie sich auflösen und wieder aufs neue bilden."
Ich war über diese natürliche, lebensvolle Erscheinung und ihr plötzliches Verschwinden so erstaunt, daß Hassein, indem er meinen verblüfften Seelenzustand bemerkte, zu mir sagte: "Was du soeben wahrgenommen hast, ist nur eine ätherische Form von elementarem Leben, die nicht materiell genug ist, um für längere Zeit auf dem Erdenplane existieren zu können. Es ist ein Leben ähnlich einem Wassergischt, der durch die Wellenbewegung eines reinen irdischen Lebens und Denkens aufschäumt und Leben bekommt. Beobachte nun, um wieviel dauerhafter auf dem Astralplan die Dichtigkeit von dem ist, was der Unreinheit seine Entstehung verdankt."
Ich bemerkte jetzt, wie eine große Anzahl luftförmiger Gebilde an uns herankam - dunkel, mißgestaltet, menschlich und doch wieder unmenschlich in ihrer Erscheinung. "Dieses," sagte Hassein, "sind die Wesen, die sich bei den Delirien des Säufers einstellen. Angezogen von seinem verdorbenen Magnetismus häufen sie sich immer mehr bei ihm an und können nun von ihm, der die zu seinem Selbstschutze nötige Willenskraft verloren hat, nicht mehr zurückgestoßen werden. Solche Kreaturen mit einer Art von menschenfresserischer Veranlagung hängen sich ihm an wie giftige Fliegen und entziehen ihm gleich Blutegeln oder Schmarotzerpflanzen seine physische Lebenskraft. Für solch einen Trunkenbold gibt es keine bessere Hilfe, als wenn er auf der irdischen Seite des Lebens jemanden findet, der einen starken Willen und magnetische Kräfte besitzt.
Nimmt dieser den Unglücklichen in seinen Schutz und unterwirft ihn seinem Willen und dem Einflusse seiner starken magnetischen Kraft, so wird bald das letzte dieser Phantome nicht mehr fähig sein, sich unter dem Strome von heilkräftigem Magnetismus, der sich über den Kranken und seine Parasiten ergießt, noch länger zu halten. Der Heilmagnetismus wirkt wie Gift auf diese Geschöpfe und tötet sie. Sie fallen von dem Säufer ab; ihre Körper verlieren den Zusammenhalt und lösen sich endlich in Dunst auf. Wenn diese Wesen jedoch eine zu ihrer Vernichtung nicht genügend starke Dosis von Heilmagnetismus empfangen, dann ziehen sie weiter und schweben oft jahrelang umher, indem sie einem Menschen nach dem anderen die physische Lebenskraft entziehen und mit der Zeit einen gewissen Grad von unabhängigem tierischem Eigenleben erlangen.
In diesem Zustand können sie von höherintelligenten Wesen zur Verrichtung solcher Arbeiten benutzt werden, für die sich ihre jeweiligen Organisationen eignen. Dieser Geschöpfe, die zwar leben und sich nähren, jedoch keine Seele besitzen, bedient sich eine gewisse Klasse von sogenannten schwarzen Magiern bei ihren Experimenten und gebrauchen sie hauptsächlich im Kampfe gegen ihre Widersacher. Gleich Polypen auf dem dunklen Grunde der See ziehen solche Astralwesen diejenigen, welche unbeschützt von höheren Mächten es wagen, sich mit ihnen abzugeben, zu sich herab und zerfleischen sie mit ihren gefühllosen Klauen."
"Erzähle mir nun, Freund Hassein, ob diese Astralwesen, wenn sie sich an einem Trinker festgesetzt haben, ihn zwingen können, mehr zu trinken? So wie dies wohl der Fall ist, wenn der erdgebundene Geist eines abgeschiedenen Trunkenboldes einen anderen beeinflußt, der sich noch im Fleische befindet."
"Nein! Diese Wesen haben keinen andern Genuß von dem Getränke, das ein Mensch zu sich nimmt, als daß es ihnen infolge der dadurch hervorgerufenen Verderbnis seines Magnetismus leichter wird, sich von ihm zu nähren. Es ist seine tierische oder pysische Lebenskraft, welche sie begehren. Letztere ist Lebensfrage für sie, wie das Wasser für eine Pflanze. Aber dadurch, daß sie ihr Opfer seiner Vitalität berauben, erzeugen sie in ihm das Gefühl der Erschöpfung, das nun den Trinker veranlaßt, zu Stärkungsmitteln seine Zuflucht zu nehmen. Darüber hinaus aber haben sie keinen Einfluß auf das fortgesetzte Trinken eines Säufers. Diese Elementarwesen sind nur Parasiten, und ihre Eigenintelligenz ist von solch rudimentärer Art, daß man sie kaum mit diesem Namen bezeichnen kann.
Um Gedanken zu erzeugen und auf andere übertragen zu können, ist der Besitz eines intelligenten Seelenkeims oder eines Funkens göttlicher Essenz erforderlich. Wenn einem Wesen ein solcher einmal gegeben worden ist, so besitzt es eine unabhängige Individualität, derer es niemals wieder verlustig gehen kann. Es mag Hülle um Hülle abwerfen oder in immer gröbere Formen der Materie herabsinken - einmal mit Seelenleben begabt, kann es nie aufhören zu sein. Und mit seinem Dasein bleibt ihm die Individualität wie auch die persönliche Verantwortlichkeit für sein Handeln für immer erhalten. Dies gilt in gleicher Weise für die menschliche Seele wie für das intelligente Seelenprinzip, wie es sich in den Tieren und niederen Formen seelischen Lebens kundgibt. Wo immer man die Fähigkeit beobachtet, auf Grund von Überlegung zu handeln - wie beim Menschen als dem höheren, oder beim Tier als dem niederen Typus - darf man überzeugt sein, daß eine Seele vorhanden ist, und nur der höhere oder geringere Grad von Reinheit der Seelenessenz kann in Frage kommen.
Wir beobachten im Menschen wie im Tiere eine Fähigkeit von Intelligenz, die sich nur dem Grade nach unterscheidet. Aus diesem Umstande zieht die philosophische Schule, der ich angehöre, den Schluß, daß beide gleicherweise bewußte, intelligente Unsterblichkeit besitzen, jedoch der Art und dem Grade der Seelenessenz nach verschieden, indem Tiere wie Menschen eine ewige Zukunft für ihre Entwicklung vor sich haben. Welches die Grenzen der Wirksamkeit dieses Gesetzes sind, können wir nicht sagen. Wir ziehen nur unsere Schlüsse aus dem Vorhandensein von Tieren und Menschen in der geistigen Welt, welche früher auf Erden gelebt haben. Ebenso aus dem Umstand, daß sich alle beide in einem vorgeschritteneren Stadium der Entwicklung befinden, als dies in ihrem irdischen Dasein der Fall war.
Es ist für einen seelenlosen Schmarotzer unmöglich, das Bewußtsein eines Sterblichen zu beeinflussen. Solche Einflüsse rühren von auf Erden verkörpert gewesenen Seelen her, die in ihrem damaligen Zustande ihre niederen Begierden so sehr befriedigten, daß sie sich nun von den Fesseln ihrer Astralhüllen nicht mehr befreien können. Diese besuchen die Erde und reizen die Menschen zum Trinken und zur Ausübung ähnlicher Laster. Sie sind damit imstande, den Menschen entweder teilweise oder vollständig zu beherrschen. Am häufigsten geschieht dies, indem der Geist jenen Mensdten, den er beeinflussen will, teilweise mit seinem geistigen Körper umkleidet, bis eine Verbindung zwischen ihnen hergestellt ist - ungefähr wie man sich Zwillingskinder miteinander verwachsen denkt, die zwar verschiedene Körper besitzen, aber seelisch so innig miteinander verbunden sind, daß das, was das eine fühlt, auch von dem anderen mitempfunden wird. Auf diese Weise wird alles, was der Mensch zu sich nimmt, von dem Geiste, welcher den Unglücklichen möglichst viel zu trinken veranlaßt, mitgenossen.
Wenn das Medium trinkunfähig geworden ist, befreit sich der Geist von ihm und begibt sich auf die Suche nach einem anderen männlichen oder weiblichen Opfer mit schwachem Willen und verdorbenem Geschmack. Nicht immer jedoch gelingt es dem Geiste oder dem Sterblichen, sich selbst von der merkwürdigen Verbindung zu befreien, die infolge Befriedigung ihrer gemeinsamen Begierden entstanden ist. Nach lang andauernden Beziehungen solcher Art wird es für beide Teile sehr schwer, sich zu trennen. Geist und Mensch mögen jahrelang einander überdrüssig sein, ohne daß sie imstande sind, das Band zu zerreißen, wenn ihnen nicht höhere Mächte auf ihre Anrufung hin Beistand leisten.
Fährt ein Geist fort, Menschen zum Zwecke
seiner Befriedigung zu beeinflussen, so sinkt er tiefer und tiefer und
zieht seine Opfer mit sich hinab in den Abgrund der Hölle. Es ist
dann für beide Teile eine bittere und schwere Aufgabe, wieder emporzuklimmen,
nachdem das Verlangen nach besseren Zuständen erwacht ist.
Die Seele allein besitzt die Fähigkeit
zu denken und zu wollen. Seelenlose Geschöpfe gehorchen nur dem Gesetz
der Anziehung und Abstoßung, das von allen physischen Atomen, aus
denen das Universum zusammengefügt ist, empfunden wird. Selbst wenn
diese astralen Parasiten durch ihr gewohnheitsmäßiges Schmarotzen
an der Lebenskraft von Männern und Frauen einen gewissen Grad unabhängigen
Lebens erlangt haben, besitzen sie nicht die Intelligenz, ihre eigenen
Bewegungen oder die von anderen zu lenken. Sie fliegen umher wie Fieberkeime,
welche in einer sumpfigen Atmosphäre entstanden sind, und werden von
einer Person mehr, von einer anderen weniger angezogen. Man darf von ihnen
wie von jenen Fieberkeimen behaupten, daß sie nur eine sehr niedere
Form von Leben darstellen.
Eine andere Klasse von elementaren Astralwesen sind die der Erde, der Luft, des Feuers und des Wassers, deren Körper aus den materiellen Lebenskeimen eines jeden Elementes gebildet sind. Einige gleichen in ihrer Erscheinung den Gnomen und Elfen, die in unterirdischen Minen und Bergeshöhlen wohnen sollen. Auch die Feen, welche Menschen an einsamen Orten unter den Naturvölkern gesehen haben, sind solche Wesen. Ferner - jeweils ihrer Natur entsprechend - die Wassergeister und Meerjungfrauen, die Feuer und Luftgeister der alten Fabeln.
Alle diese Wesen haben Leben, aber noch keine Seelen, denn ihre Vitalität wird dem Leben von Erdenmännern und -Frauen entzogen und durch diese unterhalten; sie sind nur Begleiterscheinungen der Menschen, unter denen sie wohnen. Viele von ihnen gehören einer sehr niederen Daseinsordnung an und stehen auf etwa derselben Stufe wie die höheren Pflanzen, nur daß sie die Fähigkeit unabhängiger Bewegung besitzen. Andere sind sehr lebhaft, voll wunderlicher, unschuldiger Eigenheiten und können sich rasch von Ort zu Ort bewegen. Einige von ihnen sind ganz harmlos, während andere wieder ihrer Natur nach bösartiger sind, da die menschlichen Wesen, denen sie ihr Dasein verdanken, einer wilderen Rasse angehören.
Diese merkwürdigen Erdelementaren können nicht lange unter Völkern existieren, die eine höhere geistige Entwicklungsstufe erreicht haben, weil dann die von den Menschen abgestoßenen Lebenskeime zu wenig von dem niederen tierischen Leben enthalten, um ihnen genügend Nahrung zu geben. Sie sterben daher ab und ihre Körper verflüchtigen sich. So wie die Völker vorwärts schreiten und geistiger werden, verschwinden diese niedrigeren Lebensformen vom Astralplan jener Erdsphäre. Die nachfolgenden Generationen fangen dann an, die Existenz dieser Formen zuerst zu bezweifeln und später ganz zu leugnen. Nur bei den Religionen des Ostens, welche eine fortlaufende Chronik enthalten, findet man Berichte über diese abhängigen Zwischenarten von Wesen nebst den Ursachen ihres Daseins.
Diese seelenlosen Elementarwesen von Erde, Luft, Feuer und Wasser gehören zu einer ganz anderen Klasse als jene, welche ich als Emanationen einer entarteten Intelligenz der menschlichen Seele und der bösen Handlungen ihres Körpers bezeichnet habe. Sieh nun, o Mann des Westens, was für eine Wissenschaft eure Gelehrten in Acht und Bann getan und als Fabeln in das Reich der Phantasie verwiesen haben! Solange bis der Mensch, eingeschlossen in die engen Grenzen seiner physischen Sinne daran zu zweifeln anfing, daß ihm überhaupt eine Seele oder ein höheres, reineres Selbst zu eigen ist als das, welches er im gemeinen Erdenleben kennt. Betrachte die mannigfaltigen Wesen, die den Menschen überall umgeben, und frage dich selbst, ob es für ihn nicht gut wäre, wenn er im Besitze eines Wissens stünde, durch das er sich vor den vielen Fallgruben schützen könnte, über die er in blinder Unwissenheit, ohne Kenntnis ihrer Gefahr dahinschreitet!
In den frühesten Zeitaltern der Erde begnügte sich der Mensch damit, zu seinem himmlischen Vater emporzuschauen, um von ihm Hilfe und Beistand zu erflehen; und Gott sandte seine Engel und dienenden Geister zum Schutze seiner Menschenkinder. In neuerer Zeit sucht der Mensch, gleich einem erstarkten aber unreifen Jüngling, in seinem Eigendünkel Hilfe nicht mehr im Höheren, sondern nur noch bei sich selbst. Er stürzt sich damit geblendet durch seinen Hochmut und seine Unwissenheit, mit offenen Augen in Gefahr. Er spottet über Dinge, die sein beschränkter Verstand nicht begreifen kann, und wendet sich von denen ab, die ihn belehren möchten. Da er seine Seele nicht zu sehen, zu wägen und zu analysieren vermag, behauptet er: wahrlich, der Mensch hat keine Seele und tut am besten, wenn er dieses irdische Leben nach Möglichkeit genießt. Denn eines Tages wird er sterben um, nachdem Bewußtsein und Individualität ausgelöscht ist, wieder zu Erde zu werden.
Oder aber - der Mensch nimmt in seiner jämmerlichen
Angst vor dem unbekannten Schicksal, das seiner harret, Zuflucht zu vagem
Aberglauben: zu den dunklen Glaubensdogmen jener, die sich als Führer
auf dem Wege nach dem unbekannten Lande aufspielen, obgleich sie darüber
kaum mehr bestimmtes Wissen besitzen als der ungebildetste Mensch.
Daher hat Gott in seinem Erbarmen für
die irrenden Menschenkinder in letzter Zeit die Tore, die diese beiden
Welten verbinden, weiter als je zuvor geöffnet. Wieder sendet er seine
Boten aus, um die Menschen zu warnen; seine Gesandten, um sie auf den Weg
zur wahren Glückseligkeit eines höheren Lebens zu weisen; und
um ihnen jene Macht und jenes Wissen zu zeigen, das sie von rechtswegen
besitzen sollten.
Wie die Propheten des Altertums einst sprachen,
so sprechen diese Boten jetzt. Und wenn sie es deutlicher, in einer weniger
verhüllten Weise tun als zuvor, so geschieht es, weil der Mensch dem
kindlichen Alter entwachsen ist und ihm nun auf vernünftige, wissenschaftliche
Weise gezeigt werden muß, worauf er seine Hoffnungen und seinen Glauben
zu gründen hat."
"Höret daher auf die Stimme", rief Hassein
- indem er sich wandte und seine Hände gegen eine kleine, dunkle Kugel
erhob, die weit entfernt am Horizont zu schweben schien und die wir als
den sorgenschweren Planeten Erde erkannten "höret auf die Stimme,
die da sagt: Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!
Und höret auch auf uns, die wir zu euch sprechen, und wendet euer
taubes Ohr nicht ab! Erkennet, ehe es zu spät ist, daß Gott
nicht ein Gott des Todes, sondern des Lebens ist, denn alles lebt für
ewig!
Leben herrscht überall und in allem; selbst die starre Erde und ihre harten Felsen sind aus Lebenskeimen gebildet, von denen jeder seinen eigenen Grad von Leben enthält. Sogar die Luft, die wir atmen und der freie Äther des universalen Raumes sind voll von Leben. Und es gibt keinen Gedanken, den wir denken, ohne daß er lebt, zum Guten oder Bösen; keine Handlung, deren Bild nicht erhalten bliebe - der Seele zur Qual oder zum Troste in den Tagen der Befreiung von ihrer Verkörperung in einer irdischen Form. Leben ist in allen Dingen, und Gott ist das Zentralleben von allem."
Hassein schwieg und fuhr dann in ruhigerem
Tone fort: "Schaue dort! Was glaubst du, daß dies sei?"
Er wies auf ein Etwas, das mir zuerst eine
Masse von geistigen Gestalten zu sein schien, die auf uns zuschwebten,
als ob sie von einem starken Winde getrieben würden. Als sie näher
kamen, bemerkte ich, daß es seelenlose Astralschalen waren, aber
ganz unähnlich jenen Phantomen, welche ich den Mann im Eiskasten belästigen
sah. Sie hatten eine feste Form und meinem geistigen Auge erschienen sie
wie lebend und voll tierischer Energie; doch glichen sie mehr Automaten
und schienen keinerlei Intelligenz zu besitzen. Sie trieben einher und
tanzten auf und ab wie Bojen in der See, an denen die Schiffe sich verankern.
Als sie dicht an uns herangekommen waren, strengte mein Freund seinen Willen
an und hielt eine solche Form fest, die dann mitten in der Luft schweben
blieb.
"Nun siehe", sagte er, "dies ist etwas, das einer großen lebenden Puppe ähnlich sieht und aus zahllosen kleinen Lebenskeimen zusammengesetzt ist. Der Mensch gibt von seinem physischen Körper fortwährend solche Keime ab, und letztere sind ausschließlich Emanationen von seinem tierischen oder niederen Leben. Doch sind sie materiell genug, um sich, wenn sie mit den magnetischen Kräften des Astralplans in Berührung kommen, zu diesen Imitationen irdischer Männer und Frauen umzugestalten. Andererseits sind sie nicht stofflich genug, um dem rein physischen Auge des Menschen sichtbar zu sein, wenn auch nur ein geringer Grad hellseherischer Fähigkeit dazu gehören würde, um sie sehen zu können. Würdest du einen höheren Grad des Hellsehens besitzen, so würdest du sehen, daß dies in Wirklichkeit kein geistiger Körper ist, da das Seelenprinzip fehlt. Ein noch höherer Grad geistigen Schauens würde dich erkennen lassen, daß niemals eine Seele in dieser Form gewohnt hat und daß ihr nie die bewußte Existenz einer Seelen-Astralhülle eigen war.
Die gewöhnlichen Hellseher haben in das Wesen dieser astralen Erscheinungen keinen genügenden Einblick, um an ihnen die verschiedenen Grade des Hellsehens erproben zu können. Daher gibt es auf Erden nur wenige Hellseher, die sagen könnten, ob dies eine Astralform mit Seele ist oder eine, von der die Seele sich getrennt hat. Oder aber, ob es eine solche ist, in welcher eine Seele überhaupt nie vorhanden war. Ich werde dir sogleich ein Experiment mit dieser Astralform zeigen:
Betrachte dieses Wesen zunächst, wie es jetzt ist; es scheint frisch und voll irdisch-tierischen Lebens zu sein und macht nicht den verfallenen Eindruck der vorhin gesehenen Formen, die einst eine Seele bargen und im Zustande rascher Auflösung begriffen waren. Präge dir folgendes fest ein: Dieses frisch aussehende Astralwesen wird viel rascher verfallen als die anderen! Denn es hat nichts von jenem höheren Lebensprinzip an sich, das bei einem Astralwesen vorhanden ist, das einst eine Seele enthielt - und welches eine solche Form oft lange Zeit hindurch belebt und vor gänzlicher Zerstörung bewahrt. Astralformen müssen ihr Leben von einer höheren Quelle (von wirklichen Seelenkeimen) beziehen, sonst hören sie bald auf zu existieren und lösen sich auf."
"Aber", fragte ich, "wie nehmen sie die Gestalten
von Männern und Frauen an?"
"Durch die Wirksamkeit der vergeistigten,
magnetischen Strömungen, die beständig durch den ganzen Ätherraum
fluten wie die Strömungen des Ozeans. Diese magnetisdien Lebensströme
sind von ätherischerer Art als die, welche der Wissenschaft auf Erden
bekannt sind. Sie stellen tatsächlich die geistige Seite jener Strömungen
dar und wirken als solche auf diese Wolkenmassen menschlicher Atome, und
zwar in derselben Weise, wie die Elektrizität die gefrierende Feuchtigkeit
einer Fensterscheibe beeinflußt. So kommen hier Männern und
Frauen ähnliche Formen zustande, während durch Elektrizität
die gefrierende Feuchtigkeit in Gebilde verwandelt wird, welche Bäumen,
Pflanzen usw. gleichen.
Es ist eine anerkannte Tatsache, daß im vegetabilischen Leben die Elektrizität bei der Bildung von Blattformen, Bäumen usw. eine tätige Rolle spielt. Nur wenige aber wissen, daß dieser verfeinerte Magnetismus einen ähnlichen Anteil bei der Entstehung menschlicher Gestalten und tierischen Lebens hat. Ich bezeichne als tierisches Leben alle jene Formen, welche unter dem Menschen stehen."
"Gibt es denn auch Astralformen von Tieren?"
"Gewiß. Ihre Kombinationen sind manchmal
recht wunderlich und seltsam. Ich kann sie dir jetzt nicht zeigen, weil
deine Sehkraft nicht genügend entwickelt ist und wir zu rasch reisen,
um sie dir gut erklären zu können. Eines Tages sollst du sie
sehen und noch viele andere merkwürdige Dinge, die mit dem Astralplan
in Beziehung stehen. So viel aber kann ich dir sagen, daß jene Atome
in verschiedene Hauptklassen eingeteilt werden und jede Unterabteilung
eine besondere Anziehung zu einer anderen ihrer Art besitzt. So ziehen
sich vegetabilische Atome gegenseitig an, um zusammen astrale Bäume
und Pflanzen zu bilden, während tierische Atome sich zu Formen gestalten,
welche Tieren, Vögeln usw. gleichen, menschliche Atome dagegen Männer-
und Frauenkörper bilden.
In manchen Fällen, wo die menschlichen Wesen, von denen die Atome stammen, auf einer sehr niederen Entwicklungsstufe stehen und den Tieren nahe verwandt sind, vermischen sich ihre Atome mit jenen der niederen Lebensformen. Sie erzeugen dann merkwürdige, schreckliche Geschöpfe, welche gleichzeitig Tieren und Menschen ähnlich sind und, wenn sie von Hellsehern im Zustande der Halb-Trance gesehen werden, als Visionen von Unholden geschildert werden.
In den Erdsphären wird ständig eine ungeheure Anzahl dieser lebenden Atome von der niederen oder tierischen Natur des Menschen abgestoßen, und diese unterhalten und erneuern die Astralformen. Würden wir eine dieser Schalen auf einen Planeten verbringen, der schon über die Stufe des materiellen Lebens hinaus vergeistigt ist, oder wären wir frei von all diesen niederen Keimen, so könnten jene Astralwesen nicht existieren; sie würden sich in schädlichen Dunst auflösen und fortgeweht werden.
Wie ich bereits sagte, sind diese Astralwesen aus wolkenartigen Massen menschlicher Atome, die nie als Hülle für eine Seele gedient haben, ihrer Natur nach kaum dauerhafter als die Eisblumen an einer Fensterscheibe; ausgenommen, wenn die Kraft einer höheren Intelligenz auf sie wirkt, um ihre Vitalität zu verstärken und dadurch ihr Dasein zu verlängern. Sie sind ihrer Erscheinung nach ausdruckslos gleich Wachspuppen und lassen sich leicht irgend eine Individualität aufprägen. Hieraus erklärt es sich, warum sie in alten Zeiten von Magiern und anderen Wissenden verwendet wurden. Astralatome, ob von Bäumen, Pflanzen, Tieren oder menschlichen Wesen stammend, dürfen nicht mit geistigen oder seelenbekleidenden Atomen verwechselt werden, aus welchen die wirkliche geistige Welt und ihre Bewohner besteht. Astralwesen jeder Art sind eine Zwischenstufe von Stofflichkeit zwischen der groben Materie der Erde und der verfeinerten Materie der geistigen Welt.
Wenn wir von einer in ihre Astralhülle
gekleideten Seele sprechen, so meinen wir damit jenen erdgebundenen Zustand,
in dem sie zu verfeinert oder immateriell für die Erdenexistenz ist
und zu grob geartet, um in die höheren Sphären der geistigen
Welt aufzusteigen oder in die niedrigeren hinabsteigen zu können."
"So glaubst du", fragte ich weiter, "daß
ein beseelter Geist, was seinen Körper anbelangt, selbst in der niedersten
Sphäre verfeinerter ist als ein erdgebundener Geist?"
"Ja, gewiß. Der Astralplan zieht sich wie ein Gürtel um jeden Planeten und besteht aus Materie, die zu fein ist, um von dem Planeten wieder aufgesogen zu werden, jedoch zu grob, um der Anziehung der Planetenmasse widerstehen und in die Sphären der geistigen Welt übergehen zu können, wo sie das Zersetzen oder Verwandeln von Formen bewirken würde. Es ist überhaupt nur die in ihr enthaltene, belebende Kraft des Seelenmagnetismus, die sie befähigt, sich an irgend eine Form festzuheften.
Bei den menschlichen Astralformen, die als Seelenhüllen individuelles Leben besaßen, haben die Astralatome eine größere oder geringere Menge von Seelenmagnetismus oder wirklicher Lebensessenz in sich aufgenommen. Und je nachdem das irdisdse Dasein der Seele gut oder böse, erhaben oder verkommen war, belebt dieser Seelenmagnetismus die Hülle für längere oder kürzere Zeit und bildet ein Bindeglied zwischen ihr und der Seele, welche ihr das Leben verlieh. - Bei einer Seele, deren Wünsche nur auf höhere Dinge gerichtet waren, wird die Verbindung bald gelöst und die Astralhülle zerfällt rasch. Im umgekehrten Falle kann das Band jahrhundertelang bestehen, indem die Seele dadurch an die Erde gekettet wird und so tatsächlich "erdgebunden" ist.
Die astrale Materie bezieht von der Seele soviel Lebensfähigkeit, daß die leere Schale noch über der Erde schwebt gleich dem verblassenden Bilde ihrer abgeschiedenen Bewohnerin, nachdem eine böse Seele selbst in die allerniederste Sphäre herabgesunken ist. Solche Schalen werden manchmal von Hellsehern über den Orten, wo sie einst gelebt haben, scbwebend wahrgenommen; sie sind in Wirklichkeit "Gespenster". Sie haben keine eigene lntelligenz, da die Seele entflohen ist, und können weder Medien beeinflussen noch Tische bewegen. Auch sonst tun sie nichts, es sei denn als mechanische Hilfen irgend einer höheren Intelligenz - gleichviel ob diese gut oder böse ist.
Das Astralwesen vor uns hat keinen Seelenmagnetismus
in sich, hat nie welchen besessen. Daher wird es bald zerfallen und seine
Atome werden von anderen aufgesogen werden. Doch sieh, wozu dasselbe zu
gebrauchen ist, wenn ich meine Willenskraft darauf wirken lasse und es
für diese Zeit durch meine Individualität beseele!"
Während er sprach, betrachtete ich die
Astralpuppe und sah, wie sie plötzlich Leben und Intelligenz zeigte.
Dann glitt sie zu einem Mitgliede der Brüderschaft, welchen Hassein
ausgewählt hatte, klopfte ihm auf die Sdmlter und schien zu sagen:
"Freund, mein Gebieter Hassein läßt dich grüßen!"
Indem sie sich hierauf vor dem erstaunten Bruder verbeugte, glitt sie zu
uns zurück, als ob Hassein sie wie einen dressierten Affen an einer
Schnur gehalten hätte.
"Nun hast du gesehen", sagte er, "wie ich dieses Astralwesen nach Belieben als Boten verwenden kann, wenn ich ein Werk in der Ferne zu verrichten wünsche. Gleichzeitig kennst du jetzt eines der Mittel, deren sich die alten Magier bedienten, um in weiter Ferne eine Tat zu vollbringen, ohne selbst persönlich dabei zu sein.
Diese Astralwesen sind jedoch nur auf dem Astralplan zu gebrauchen. Sie können keinerlei materielle Gegenstände in Bewegung setzen, obgleich sie dem physischen Auge sichtbar werden, wenn der Sterbliche es will, der sich ihrer bedient. Es gibt andere Astralwesen von gröberer Stofflichkeit, die man selbst in die Erde eindringen lassen könnte, um verborgene Sdiätze, wie kostbare Metalle und Edelsteine aus der Tiefe ans Tageslicht zu befördern. Ich halte es jedoch weder für ratsam noch für recht, dir die Kraft zu erklären, durch welche dies auszuführen möglich wäre. Magier, welche solche Kräfte entdeckten und anwendeten, sind solchen Mächten früher oder später zum Opfer gefallen, da sie diese selten dauernd überwachen und beherrschen konnten."
"Würde dieses Astralwesen, wenn es von
einer bösen Intelligenz belebt würde, eine wirkliche Gefahr für
den Menschen bedeuten?" fragte ich.
"Ja, ohne Zweifel. Wenn ich auch selbst ohne
Sorge mich in diese Astralform kleiden könnte, so ist dies nicht in
gleicher Weise der Fall bei einem Geiste, der unwissender ist als ich.
Wohl wäre es ihm leicht, dies zu tun und sich auf Erden in einer dichteren
Gestalt fühlbar und sichtbar zu machen. Aber er würde Gefahr
laufen, dadurch eine Verbindung zwischen sich und der Astralhülle
herzustellen, die nicht leicht wieder gelöst werden kann und ihn für
lange Zeit an die Astralebene fesseln würde. Du ersiehst hieraus,
wie die Menschen auf Erden, die ihre abgeschiedenen Freunde gern sehen
wollten, darauf gekommen sind, Geister in irdische Verhältnisse zurückzuziehen,
welche ihnen oftmals schaden.
Mancher unwissende Geist, der an sich rein und gut war, hat den Fehler begangen, sich in eine dieser frischen, gefährlichen Astralformen zu kleiden, während er unter anderen Umständen sich sehr gehütet haben würde, sich auch nur einer weniger gefährlichen, von einem anderen Geist verlassenen Astralhülle zu bedienen. Zu seinem Schaden mußte er zu spät erfahren, daß er sich dadurch selbst zum Gefangenen des Erdenplanes gemacht hatte - bis eine höhere Intelligenz zu seinem Beistande erschien und ihn befreite.
Auf ähnliche Weise können auch Geister einer niederen Sphäre sich in leere Astralhüllen kleiden. In diesem Falle bewahrt sie aber die mit der niederen Entwicklungsstufe einer Seele verbundene Dichtigkeit ihres geistigen Körpers vor einer länger andauernden Besitznahme. Denn der einem niederen Geist entströmende Magnetismus wirkt auf die Astralform wie ein giftiges Gas auf eine Hülle und zersprengt sie in tausend Stücke. Einem Geiste über dem Astralplan erscheint ein Astralkörper fast so fest wie Eisen, aber für einen Geist unter ihm sind diese zerbrechlichen Schalen wie Wolken oder Dampf. Je weniger eine Schale entwickelt ist, desto dichter ist ihre Hülle und desto fester ist sie an letztere gebunden, indem die Hülle die psychischen Kräfte beschränkt und die Seele dadurch verhindert, sich in eine höhere Sphäre zu erheben."
"Du glaubst also, daß Geister diese
Astralschalen manchmal in derselben Weise wie irdische Medien für
ihre Zwecke gebrauchen und sie entweder nur durch ihren Willen lenken oder
sich tatsächlich in ihre Form einhüllen?"
"Ja, gewiß. Ein Geist über dem
Erdenplane, der sich einem Hellseher des niedersten Grades gern zeigen
möchte, wird sich zuweilen mit solchen Schalen umkleiden, denen er
dann seine Identität aufprägt. Auf diese Weise kann ihn der Hellseher
wirklich wahrnehmen und ihn beschreiben. Eine Gefahr liegt aber in dem
Umstand, daß der gute, aber unwissende Geist die Astralschale oftmals
nicht wieder zu verlassen vermag, so gern er es auch tun möchte. Er
hat sie belebt, und ihre starke Lebenskraft hält ihn nun gefangen.
Manchmal ist es sehr schwer, ihn zu befreien. Auch hat man gefunden, daß
eine zu starke oder zu lange fortgesetzte Beeinflussung eines irdischen
Mediums durch einen Geist eine Verbindung zwischen beiden herstellt, welche
schließlich zur Fessel wird.
Für einen Geist der niedersten Sphären ist eine Astralschale nur ein bequemer, sich anschmiegender Mantel, mit dem er seinen verkommenen geistigen Körper verdeckt und es dem Hellseher unmöglich macht, den gemeinen Geist in ihm zu sehen. Für einen guten und reinen Geist dagegen ist eine Astralschale gleich einem Panzer von Eisen, der ihn einzukerkern vermag."
"Bedient sich bei Sitzungen auf Erden ein
Geist zur Nachahmung eines anderen ebenfalls solcher Astralschalen?"
"Das geschieht sehr oft in dem Fall, wo der
Spukgeist von zu niederer Art ist, um in direkte Berührung mit dem
Medium kommen zu können. Man darf nicht vergessen, auf welch wunderbare
Weise sich die Gedanken sterblicher Männer und Frauen in der Atmosphäre
des Astralplanes als Bilder spiegeln und so von Geistern gelesen und beantwortet
werden. Nicht alle Geister vermögen dies zu tun, so wenig, als alle
Männer und Frauen auf Erden Zeitungen oder Briefe lesen können.
Dies erfordert hier wie dort Intelligenz und Übung. Die Menschen haben
die armen unwissenden und halbentwickelten Geister des Erdenplanes und
der niederen Sphären kaum zu fürchten, da sie oft gerne die ihnen
dargereichte Hand ergreifen, um einen Halt zu gewinnen.
Wohl aber haben sie Grund, die bösen Intelligenzen zu fürchten, welche, stark an Körper und Geist, ihre Kräfte nur zu schlechten Zwecken gebrauchen. Letztere bringen den Menschen wirklich Gefahr, und man muß sich sehr vor ihnen hüten. Dies kann aber nur mit Erfolg geschehen, wenn die im Fleische verkörperten Medien besser unterrichtet sind; denn dann werden Sterbliche und Geister zusammenwirken, um die spiritualistische Bewegung vor Betrug und vor den Fehlern wohlmeinender, aber schlecht unterrichteter Geister und Menschen zu schützen. Indem letztere die Aufmerksamkeit der Massen auf diesen Gegenstand lenken, verursachen sie häufig sich selbst und anderen Schaden. Sie sind gleich unwissenden Chemikern, die auf der Suche nach Wissen durch ihre Experimente Tod und Verderben auf andere wie auf sich selbst herabbeschwören."
"Du glaubst also nicht, daß die Reinheit
ihrer Motive genügt, um sie zu schützen?"
"Würde die Reinheit des Motivs ein Kind
vor dem Verbrennen bewahren, wenn es seine Hand in das Feuer hält?
Nein! Das einzige Mittel ist hier, das Kind so weit als möglich vom
Feuer entfernt zu halten. Dies werden gute und weise Schutzgeister in ausgiebigem
Maße tun. Aber wenn die Kinder sich beständig an die Gefahr
herandrängen, ist es eben nicht zu vermeiden, daß sich hin und
wieder eines von ihnen verbrennt."
"Du würdest daher die Pflege der medialen Fähigkeiten bei allen Sterblichen ohne Unterschied nicht befürworten?" "Sicherlich nicht! Ich wünschte, daß alle Menschen sich nur der medialen Kräfte solcher bedienten, die unter sorgfältiger, weiser Führung herangebildet worden sind, um Anderen Gutes zu erweisen. Berücksichtigst du jedoch, wie verschieden und wie selbstsüchtig die Motive der mit medialen Anlagen Begabten sein können, wirst du einsehen, wie außerordentlich schwierig es ist, sie zu beschützen. Ich gestehe, daß ich die Ausübung der Mediumschaft auf diejenigen beschränkt wissen möchte, die bereit sind, größere persönliche Opfer dafür zu bringen. Am liebsten wären mir Medien, welche keinerlei Anteil an den ehrgeizigen Bestrebungen der Menschheit hätten. Doch, genug hiervon. Ich lasse nun diese Astralhülle ziehen und möchte deine Aufmerksamkeit auf eine andere Art derselben Klasse lenken."
Während er sprach, machte er mit seinen Händen eine rasche Aufwärtsbewegung über die Astralschale hin und stieß einige Worte in einer fremden Sprache aus, worauf die Schale in ihren Bewegungen innehielt, dann einige Sekunden hin- und herschwankte und schließlich von einem herankommenden magnetischen Strom wie ein Stück Treibholz davongetragen wurde. lch sah ihr eine Zeitlang nach. Als ich den Blick abwandte, bemerkte ich einen kleinen Schwarm von dunkelgespenstischen, schrecklich aussehenden Gestalten, die sich uns näherten. Dies waren Astralschalen, welche niemals seelisches Leben gekannt hatten. Sie waren im Gegensatz zu dem spaßhaften, wachsartigen Astral, von dem wir uns soeben getrennt hatten, in jeder Hinsicht abstoßend.
"Dies", sagte Hassein, "sind Emanationen von Männern und Frauen einer niederen Gattung mit schlechtem, sinnlichem Lebenswandel. Sie stammen aus dem Sumpf des Erdendaseins - nicht nur dem sozialen Abschaum der Gesellschaft, sondern auch aus höheren Kreisen, unter denen es ebenfalls moralisch verkommene Individuen gibt. Wesen wie diese können zu den allerschlechtesten Zwecken benutzt werden, wenn sie von einer bösen Intelligenz beseelt werden. Da sie sehr materiell sind, kann man mit ihnen sogar auf den physischen Stoff der Erde einwirken. Sie finden daher manchmal Verwendung bei der Ausübung dessen, was man in der Regel unter dem Namen "schwarze Magie" oder "Hexerei" versteht. Auch werden sie zuweilen von höheren Intelligenzen benutzt, um in Seancen physikalische Phänomene hervorzubringen.
Wenn weise und gute Intelligenzen sie benutzen, wird kein Schaden angerichtet. Unter der Leitung von bösen oder unwissenden Geistern jedoch sind sie eine Gefahr, deren Größe aller Beschreibung spottet. Dieser und einer ähnlichen Klasse von Astralschalen, in denen der Seelenkeim noch wie in einem Kerker schmachtet, sind jene rohen und gefährlichen Kundgebungen zuzuschreiben, die manchmal in den Sitzungen spiritistischer Zirkel beobachtet werden. Insbesondere ist hierzu die Möglichkeit gegeben, wenn die Zirkelteilnehmer einen lasterhaften Lebenswandel führen oder unerfahren sind, wie sie sich schützen können. Oder auch, wenn die Sitzungen aus bloßer Neugier und nur der Unterhaltung wegen abgehalten werden."
"In welche Klasse von Geistern reihst du aber
die Dämonen und Vampire ein, an die man in vielen Gegenden der Erde
so fest glaubt?"
"Vampire sind solche Geister, die ein irdisches
Dasein gehabt und dieses so mißbraucht haben, daß ihre Seelen
noch in den Astralhüllen eingekerkert sind. Sie entziehen Männern
und Frauen das physische Lebenselement, um sich hierdurch am Leben zu erhalten
und vor dem Versinken in weit tiefere Sphären zu retten. Diese Wesen
hängen mit aller Kraft an ihrer Astralhülle und suchen deren
Leben zu verlängern; gerade so wie Menschen mit schlechtem Gewissen
oft nicht sterben wollen, weil sie fürchten, daß sie nach der
Trennung von ihrem physischen Körper in unbekannte Tiefen der Finsternis
und des Schreckens sinken werden. Die beständige Erneuerung des tierischen
und astralen Lebens ermöglicht es diesen Vampiren, oft jahrhundertelang
ihr Wesen auf Erden zu treiben."
"Ist es einem Vampir ohne weiteres möglich,
eine Zeitlang im Besitze eines genügenden Grades von Materialität
(Körperlichkeit) zu bleiben, um in physischer Gestalt erscheinen und
mit den Menschen verkehren zu können, - wie es in den Erzählungen
geschildert wird, die von solchen Kreaturen handeln?"
"Wenn du mit deiner Frage meinst, ob der
Vampir imstande ist, sich selbst einen materiellen Körper zu gestalten,
so antworte ich: nein. Aber es geschieht manchmal, daß er vollständig
Besitz von dem Körper eines Sterblichen ergreift, wie es auch andere
Geister tun, und dann den angeeigneten Körper nach seinem Willen handeln
läßt. Damit ist es dem mit dem sterblichen Leibe eines anderen
umkleideten Vampir sehr gut möglich, das Aussehen seiner Hülle
so zu verändern, daß es einige Ähnlichkeit mit des Vampirs
eigener irdischer Erscheinung hat.
Durch die Macht, die er (oder sie, denn es gibt Vampire beiderlei Geschlechts) mit dem Besitz eines physischen Körpers erlangt hat, vermag er tatsächlich jenes merkwürdige Doppellehen zu führen, das ihm in den 'Gespenstergeschichten' zugeschrieben wird. Nur wenige Vampire sind jedoch in dieser Weise im Besitze eines irdischen Körpers. Die anderen treiben ihr Wesen auf Erden in der eigenen Astralhülle, indem sie besonders medialen Personen die Lebenskraft entziehen, ohne daß die Beraubten selbst irgendwelche Kenntnis vom Vorhandensein dieser Astralwesen haben. Solche arme Sterbliche leiden an einem fortwährenden Gefühl von Schwäche und Erschöpfung ohne zu ahnen, welchem Umstande sie dies zu verdanken haben."
"Aber können Schutzgeister nicht die
Sterblichen vor diesen Wesen schützen?"
"Nicht immer. Wohl schützen sie die
Menschen weitgehend, jedoch nur in der Weise, wie man jemanden vor einem
ansteckenden Fieber bewahrt. Sie zeigen den Menschen die Gefahren und warnen
sie, Orte aufzusuchen, wohin die Vampire infolge Beziehungen zu ihrem irdischen
Leben besonders stark angezogen werden. Dies bewerkstelligt ein Schutzgeist
dadurch, daß er dem Bewußtsein des Sterblichen eine instinktive
Scheu vor Plätzen einflößt, wo Verbrechen begangen wurden
oder Personen einen schlechten Lebenswandel geführt haben. Da der
Mensch aber in jeder Beziehung in seinem Willen frei bleiben muß,
ist es nicht möglich, mehr zu tun. Er darf nicht in allen Dingen wie
eine Puppe geleitet werden und muß meistens seine eigenen Erfahrungen
machen, wie bitter sich auch zeitweilig ihre Früchte erweisen mögen.
Belehrung, Schutz und Hilfe werden stets gegeben, jedoch so, daß
sie dem freien Handeln des Menschen nicht entgegen sind. Und nur in dem
Maße wird ihm Belehrung zuteil, als er selbst sie begehrt; nichts
wird ihm jemals von der geistigen Welt aufgezwungen."
XVIII
Ich hätte Hassein gerne noch eine Menge weiterer Fragen betreffs des Astralplans und seiner mannigfaltigen, merkwürdigen Lebensformen vorgelegt. Aber wir ließen diese Ebene jetzt rasch hinter uns, und unser Weg führte nach abwärts durch jene tieferen Sphären, die ich früher schon teilweise erforscht hatte. Mit wunderbarer Geschwindigkeit rasten wir durch den Raum, mit einer Eile, die über den Begriff des menschlichen Verstandes hinausgeht. Immer weiter flogen wir dahin, indem wir uns mehr und mehr von den glänzenden Sphären entfernten. Während des Herabsinkens beschlich unsere Seelen ein Gefühl von banger Erwartung, das unser Gespräch stocken ließ. Es schien, als ob wir im voraus die Schrecken dieses furchtbaren Landes und die Leiden seiner Bewohner empfinden würden.
In weiter Ferne gewahrte ich nun große Massen tintenschwarzen Rauches, die gleich einem düsteren Mantel über dem Lande hingen, dem wir uns näherten. Als wir näher kamen, schienen die ungeheuren schwarzen Wolken wie mit fahlen, schwefelähnlichen Flammen aus Myriaden von gigantischen Vulkanen durchtränkt zu sein. Die Luft war so drückend, daß wir kaum atmen konnten, während ein Gefühl der Erschöpfung, wie ich es nie zuvor erfahren, jedes Glied meines Körpers zu lähmen schien. Schließlich gab unser Führer den Befehl, Halt zu machen und wir ließen uns auf dem Gipfel eines großen schwarzen Berges nieder. Dieser schien in einen See von Tinte auszulaufen und von ihm aus sahen wir am Horizont das schreckliche, düstere Land vor uns liegen.
Hier rasteten wir einige Zeit, und hier war es auch, wo wir uns von den Freunden trennen mußten, die uns so weit begleitet hatten. Nach einer einfachen Mahlzeit aus mitgebrachten nahrhaften geistigen Früchten sprach unser Führer im Namen der ganzen Gesellschaft ein kurzes Gebet um Schutz und Stärke, worauf wir uns alle auf dem Gipfel dieses schwarzen Berges zur Ruhe niederlegten.
Als ich nach einem höchst angenehmen Zustand von Bewußtlosigkeit zu mir kam, waren alle anderen ebenfalls munter. Wir wurden in Abteilungen von zwei oder drei Personen eingeteilt, damit wir das Feindesland betreten könnten, ohne Verdacht zu erregen. Als Missionare, die all denen Rettung und Hilfe bringen sollten, die willig waren, unseren Beistand anzunehmen, mußten wir uns über das finstere Land zerstreuen.
Zu meiner Überraschung fand ich, daß während meiner Ruhe eine Veränderung mit mir vorgegangen war, die in einer weitgehenden Anpassung an die Atmosphäre und die Umgebung bestand, in der ich mich jetzt befand. Es schien, als ob ich von der besonders dichten Materie dieser Sphäre Stoff angezogen oder mich mit solchem bekleidet hätte. Mein Körper war dichter geworden. Wenn ich versuchte, mich zu erheben und wie früher zu schweben, so war ich nur unter großer Anstrengung hierzu imstande. Die Atmosphäre verursachte mir nicht mehr eine so starke Beengung, und das Lähmungsgefühl, das vorher meine Glieder befallen hatte, war gewichen.
Jeder von uns empfing nun einen der Dauer unseres Aufenthaltes in dieser Sphäre angemessenen Vorrat stärkender Essenzen, und unser Führer gab uns die letzten Verhaltungsmaßregeln und Warnungen. Hassein kam sodann zu mir, um Abschied zu nehmen und rnir die letzten Anweisungen mitzuteilen, die Ahrinziman mir gesandt hatte. "Ich komme", sagte er, "von Zeit zu Zeit, um dir Nachrichten von deiner Geliebten und den anderen Freunden zu bringen. Du kannst bei solchen Gelegenheiten eine Botschaft durch mich an sie zurücksenden. Sei stets eingedenk, daß du hier von allen denkbaren Arten von Betrug und Falschheit umgeben bist! Glaube keinem, der als Bote von uns zu dir kommt, es sei denn, daß er das Zeichen deines Ordens zu geben vermag. Die Bewohner dieser Sphäre können deine Gedanken zwar erraten; aber sie werden nicht imstande sein, sie deutlich zu lesen, da du in der geistigen Entwicklungsstufe über ihnen stehst. Zwar wird der Umstand, daß du beim Eintritt in ihre Sphäre bis zu einem gewissen Grade ihre eigenen Lebensbedingungen angenommen hast, sie befähigen, einen Teil deiner Gedanken wahrzunehmen. Aber dies wird doch in sehr unvollkommener Weise geschehen und nur in solchen Dingen, wo deine eigenen niederen Leidenschaften noch eine gewisse Verbindung zwischen dir und ihnen bilden. Unter Aufbietung aller Geisteskräfte werden sie mit großer Geschicklichkeit Pläne und Ränke schmieden, um dich zu versuchen und zu fangen.
In diesen Regionen gibt es Männer, die zur höchsten Intelligenz ihrer Zeit gehörten, deren gotteslästerliche Laufbahn sie jedoch in diese niederen Sphären sinken ließ, wo sie ihre ganze Umgebung beherrschen. Sie sind jetzt schlechtere Geister und despotischere Tyrannen als einst auf Erden. Sei daher auf der Hut und beherzige alle Warnungen, die du von uns empfangen hast. Von Zeit zu Zeit wirst du Hilfe und Ermutigung von deinen treuen Freunden erhalten, bis deine Mission beendet ist und du, wie wir hoffen, als Sieger in einer guten Sache zurückkehrst. Lebe wohl, lieber Freund, möge der Segen Allvaters mit dir sein!"
Ich trennte mich von Hassein mit großem
Bedauern und setzte mit meinen Genossen die Reise fort. Das Letzte, was
wir bei unserem Abstieg sahen, waren die weißgekleideten Gestalten
unserer Freunde, die sich gegen den dunklen Himmel abhoben und uns zum
Abschied winkten.
weiter zu Larissa,
Das Reich der Hölle, Teil XIX - XXI